"Ich sehe den Mann deiner Träume": Trotz guter Prognosen: Ausweglos

30. November 2010, 17:11
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In "Ich sehe den Mann deiner Träume" hadert eine jede Figur mit ihrem Leben - nach anfänglichen Schwächen entsteht daraus einer der bösartigeren Filme des US-Regisseurs

Wien - Von Woody Allen ist folgende Episode überliefert: Der damalige New Yorker Stand-up-Comedian musste als Autor der Filmkomödie What's New, Pussycat? erleben, wie am Ende die Produzenten die Kontrolle über sein Werk übernahmen. Darüber sei er sehr unglücklich gewesen und seither stets darauf bedacht, nie wieder in so eine Situation zu kommen.

Mehr als 45 Jahre und fast so viele Filme ist das her. Längst ist der Name Woody Allen als Trademark etabliert. Mit seiner jüngsten Arbeit bestätigt er den Autor trotzdem noch einmal als Souverän (dass ein Vertreter der schreibenden Zunft im Film nicht gut wegkommt, ist dabei kein Widerspruch).

Die wieder in London entstandene Produktion ist eine Gesellschaftskomödie. Aber ebenso ist Ich sehe den Mann deiner Träume auch ein Film über das Geschichtenerzählen selbst. Es geht darin um die Wirk- und Eigenmächtigkeit von Fantasien und Wünschen. Aber in einem übergeordneten Sinn auch um die lange Leine, an der deren Schöpfer seine Figuren hält - beinahe unsichtbar, bis er sie unsanft anzieht. Allen agiert diesmal zwar selbst nicht vor der Kamera, das macht ihn aber als Mastermind nicht weniger präsent.

Der Originaltitel des Films, You will meet a tall dark stranger, bezieht sich auf jene möglichst allgemein gehaltenen und deshalb treffsicheren Prophezeiungen, die gewerbsmäßige Prognostiker ihren gutgläubigen Klienten und Klientinnen machen. Im Fall von Woody Allens jüngstem Werk ist die Scheidungswitwe Helena eine solche, eine Angehörige der britischen Oberschicht, deren Gatte kürzlich seiner Mittlebenskrise nachgegeben hat.

Viele Leben, ein Trost

Während Alfie (Anthony Hopkins) sich eine zweite Jugend gönnt und aus einer getunten Escortdame seine nächste Ehefrau macht, sucht und findet Helena (Gemma Jones) Trost beim Alkohol und bei ihrer Wahrsagerin. Die wirklich erlösende Botschaft, die ihr diese übermittelt, ist allerdings nicht jene vom gutaussehenden Fremden: Erst die Möglichkeit, dass Helenas aktuelle Existenz nur eines von vielen hinter und noch vor ihr liegenden Leben sein könnte, relativiert die gegenwärtige Misere nachhaltig.

Um Helena herum sind eine Reihe weiterer Figuren gruppiert, die alle mit mehr oder weniger großen Problemen hadern. Helenas erwachsene Tochter Sally (Naomi Watts) würde gerne Mutter werden, kann aber nicht auf ihr Einkommen verzichten. Sallys Mann Roy (Josh Brolin) plagt sich mit seinem zweiten Roman. Während er auf Inspiration und Antwort vom Verleger wartet, beginnt er sich für die attraktive neue Nachbarin (Freida Pinto) zu interessieren. Sally wiederum entwickelt schwärmerische Gefühle für ihren Chef, einen erfolgreichen südländischen Galeristen (Antonio Banderas). Und Alfie droht sich mit seiner jungen Frau Charmaine (Lucy Punch) nicht nur in finanzieller Hinsicht zu übernehmen.

Das liest sich ein bisschen wie ein Boulevardstück. Es wird auch mit dem entsprechenden Gestus, gern in Form turbulenter Auf- und Abtritte, dargeboten. Ein Off-Erzähler führt die Personen ein, er hält den Überblick und die Überleitungen bereit. Den Figuren wird damit ein Teil der Profilierungs- und Erzählarbeit abgenommen. Sie wirken dementsprechend stereotyp - und die Darsteller stellenweise etwas unterbeschäftigt. Zumindest in der ersten Hälfte des Films.

Dann allerdings ändert sich die Gangart rapide, vermeintliche Harmloses bekommt scharfe Kanten: Wie der nunmehr 75-jährige Autor und Regisseur die Geschichte zügig zuspitzt - und zwar auf jeder Ebene -, in welche ausweglosen Konflikte er seine Geschöpfe nahezu ausnahmslos verstrickt, das ist unbedingt sehenswert. Einen böseren Woody Allen hat es lange nicht gegeben. (Isabella Reicher/DER STANDARD, Printausgabe, 1. 12. 2010)


Ab Freitag im Kino

  • Von Wahrsagerei und anderen enttäuschten Hoffnungen: Sally (Naomi 
Watts), ihre Mutter Helena (Gemma Jones) und deren Schwarm Jonathan 
(Roger Ashton-Griffiths) in "Ich sehe den Mann ...".
    foto: filmladen

    Von Wahrsagerei und anderen enttäuschten Hoffnungen: Sally (Naomi Watts), ihre Mutter Helena (Gemma Jones) und deren Schwarm Jonathan (Roger Ashton-Griffiths) in "Ich sehe den Mann ...".

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