"Verletzungen zeigen die ständige Gratwanderung"

  • Als Ausgleich zum Judo macht Sabrina Filzmoser ebenfalls Sport: in der freien Natur 
(Bergsteigen, Skitouren, Mountainbiken)
    foto: fidler

    Als Ausgleich zum Judo macht Sabrina Filzmoser ebenfalls Sport: in der freien Natur (Bergsteigen, Skitouren, Mountainbiken)

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Sabrina Filzmoser hat den Judo-Grand-Prix in Abu Dhabi geholt - Neben dem Profisport absolviert sie den Management MBA Japan

Die österreichische Medaillengewinnerin im Judo, Sabrina Filzmoser, verbringt viele Stunden am Tag mit Training und Wettkampfvorbereitung. Nebenbei findet Sie Zeit einen MBA zu machen. Verletzungen und Rückschläge sieht sie sportlich.

derStandard.at: Wie sieht für Sie ein "typischer Arbeitstag" aus?

Filzmoser: Das ist eher unterschiedlich und abhängig von der Wettkampfphase oder auch dem jeweiligen Trainingslager, aber zu Hause in Österreich sieht es ungefähr folgendermaßen aus: 6 Uhr Aufstehen, Frühstück. 7:30 Uhr Standeskontrolle im Heeressportleistungszentrum (HSZ) Linz/Gugl, vormittags Kraft- und Konditionstraining, Massage, Physiotherapie. Nachmittags Regeneration, Ergometertraining und abends Judotraining.

derStandard.at: Wie viel Zeit investieren Sie durchschnittlich ins Training?

Filzmoser: Täglich zwischen vier bis sechs Stunden, allerdings kommt dann noch Physiotherapie, Massage, Videoanalyse und auch mentale Vorbereitung hinzu.

derStandard.at: Sie haben gerade den Judo-Grand-Prix in Abu Dhabi geholt und die Olympiasiegerin und regierende Europameisterin geschlagen. Was bedeutet so ein Erfolg für Ihre Karriere?

Filzmoser: Dieser Erfolg war ein ganz besonderer, vor allem aus dem Grund weil die Vorzeichen nicht so rosig waren. Ich hatte mich eine Woche vorher im Training verletzt, mir ein Cut geschlagen und musste genäht werden. Die Fäden sind erst einen Tag vor dem Abflug nach Abu Dhabi herausgekommen. Bei der Einreise in die Vereinigten Arabischen Emirate gab es Komplikationen, weil unser Nationaltrainer den Pass verloren hatte, schlussendlich waren wir dann auf uns alleine gestellt. Aber wir haben uns top organisiert, alle zusammen geholfen und uns gegenseitig gecoacht. Es war eine irrsinnig intensive Erfahrung, wir hatten viel Spaß und haben als Team gesiegt.

derStandard.at: Sie hatten auch schon mit vielen schweren Verletzungen zu kämpfen, hatten in jungen Jahren auch einen Bandscheibenvorfall. Wie können Sie sich immer wieder motivieren?

Filzmoser: Ohne diese Erfahrungen immer wieder neu anfangen zu müssen, sich neue Ziele stecken zu dürfen, hätte ich viele spätere Siege niemals so intensiv erlebt. Erst wenn man selbst realisiert wie viel dahinter steckt, wie viel jahrelange harte, konstante und konsequente Arbeit notwendig ist, kann man sich über den Erfolg auch richtig freuen.

Verletzungen zeigen dem Geist auch oft welche Gratwanderung, welcher Grenzgang stetig vorherrscht. Darum brauche ich auch den Ausgleich mit Sport in der freien Natur, Bergsteigen, Skitouren, Mountainbiken. So lade ich meine "Batterien" wieder auf. Rückschläge waren auch oft ein Zeichen und eine Richtungsweisung neue Wege zu beschreiten um dann wieder zur alten Stärke zurückfinden zu können. Eine Möglichkeit sich selbst zu reflektieren, Dinge, Systeme, Abläufe zu hinterfragen, um sie anschließend zu verbessern und damit dann ein neues höheres Level zu erreichen.

derStandard.at: Was war Ihre schlimmste Niederlage?

Filzmoser: Die Niederlage gegen die nordkoreanische Weltmeisterin und Olympiasiegerin 2008 in Peking in der ersten Runde.

derStandard.at: Könnten Sie sich vorstellen einen anderen Beruf abseits des Profisports auszuüben?

Filzmoser: Gleichzeitig? Nein! Aber auch wenn ich einen anderen Beruf gewählt hätte, denke ich, könnte ich nicht ohne Sport leben! Ich bin fest davon überzeugt dass Bewegung, in welcher Form auch immer, für jeden Menschen das essentiellste und wichtigste Mittel zur Erhaltung der Gesundheit ist.

derStandard.at: Welchen Berufswunsch hatten Sie in der Sandkiste?

Filzmoser: Müllabfuhrmann bzw. -frau.

derStandard.at: Sie haben heuer mit dem neuen Management MBA Japan begonnen. Was war der Beweggrund?

Filzmoser: Die Verbindung zwischen japanischer Philosophie, Budo, Sport und Wirtschaft ergibt eine wunderbare Konstellation von verschiedensten Lerninhalten. Vor allem, weil wir schon sehr viele Monate in Japan auf Trainingslager verbracht haben, kennen wir viele Abläufe und hatten schon sehr gute Einblicke in deren Kultur und deren Denkensweise. Mit der "ZEN-Philosophie" die Wirtschaft beziehungsweise das Management von einer anderen Perspektive betrachten zu lernen, fand ich ebenfalls sehr herausfordernd.

derStandard.at: Wie kriegen Sie Weiterbildung und Sport unter einen Hut?

Filzmoser: In der Aufbauphase ohne Wettkämpfe kann ich mir die Zeit sehr gut einteilen. Vor allem helfen mir da die flexiblen Seminartermine in Modulform von zwei bis drei Tagen. Der Fokus während der Endvorbereitung auf die wichtigen großen Turniere ist dann so intensiv, dass nichts anderes mehr Platz hat. Weder geistig noch körperlich. Aber ich denke jeder Mensch braucht ständige geistige Weiterentwicklung. Dazu gehört eben auch die Herausforderung Neues auszuprobieren und für neue Perspektiven offen zu sein.

derStandard.at: Was sind Ihre nächsten Ziele?

Filzmoser: Der Grand Slam in Tokyo 11.bis 13.12. Danach hoffe ich, dass ich fix für das große Masters in Baku (AZE) qualifiziert bin!
Dorthin dürfen nur die besten 16 der Weltrangliste. Nächstes Jahr steht dann als wichtigstes Event die WM in Paris am Programm und die Qualifikation für die Olympischen Spiele in London 2012. (Marietta Türk, derStandard.at)

SABRINA FILZMOSER (30) führte bereits viermal die Europarangliste bis 57 Kilogramm an. Die Welserin wurde 2008 in Lissabon Europameisterin sowie 2008 in Wien Vize-Europameisterin. Bei der WM 2005 in Kairo belegte sie Rang drei.

Siehe

Judo auf derStandard.at/Sport

Link

Sabrina Filzmoser

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Video Karate (jap., Mann in weiss) vs. Kung-Fu (chin., Mann in schwarz), falls jemand nicht weiss..

http://www.youtube.com/watch?v=m93Qjzd7c-U

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