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Ansporn zur Eigenverantwortlichkeit: snowboarden im freien Gelände mit Pieps und Lawinenrucksack


Acht Personen mit gebuchten Tickets drängen sich vor einem würfelförmigen Zelt. In diesem hat ein Luftstromgenerator den Sauerstoffgehalt auf 3300 Meter Seehöhe reduziert, das entspricht in etwa dem Gipfel des Piz Buin in den Silvrettabergen. Die acht Kandidaten huschen ins Zelt und lassen sich nach einigen Minuten vom Höhenmediziner Dr. Christian Pegger ein kleines Messgerät an den Zeigefinger stecken. Hat dieses außerhalb des Zelts noch eine 99-prozentige Sauerstoffsättigung des Bluts angezeigt, so ist diese nun auf 88 Prozent gesunken. "Alles im grünen Bereich", beruhigt der Arzt, der diesen Höhenverträglichkeitstest im Schnellverfahren im Rahmen der Innsbrucker Alpinmesse anbot.
Nur wenige Tage nach dem Tod von drei polnischen Bergsteigern auf dem Großglockner stand bei dieser zweitägigen Veranstaltung rund um Produkte, Techniken und Verhaltensweisen in Zusammenhang mit Bergsport das Thema Sicherheit ganz im Vordergrund. Die neuesten Lawinensuchgeräte und Rucksack-Airbags wurden präsentiert, ein "Alpinforum" diskutierte die Wartung und Sanierung von Klettergärten, den Verantwortungsrahmen von Canyoningführern und das Risikomanagement im Rettungswesen. Letzteres hatte durch den gefahrvollen, immer wieder durch widrige Wetterverhältnisse unterbrochenen Bergungseinsatz der Bergrettung und Alpinpolizei auf dem Großglockner höchste Aktualität.
Eine der Erkenntnisse dieser von über 80 Anbietern beschickten Alpinmesse: Ausrüstung, Aufklärung und Schulungen haben das Bergsteigen sicherer gemacht. Die wachsende Zahl der in den Bergen Wandernden und Kletternden bringt andererseits immer mehr Unerfahrene und oft Leichtsinnige in Gefahr. So wurde von einem Mann berichtet, der, mit einem Kleinkind im Rucksack, seine ohne Handschuhe an den Händen blutende Frau am Seil hinter sich, einen schwierigen Klettersteig in der Martinswand bei Innsbruck hochturnte.
Gleich zu Beginn der Veranstaltung stellte der Eröffnungsredner, der Präsident des Kuratoriums für alpine Sicherheit, der bekannte Meteorologe Karl Gabl, klar, dass die nach dem Unfall auf dem Großglockner vielfach erhobene Forderung, das Unfallrisiko im Gebirge durch Verbote zu reduzieren, weder wünschenswert noch gangbar sei. Wichtig dagegen ist, Eigenverantwortlichkeit und Gefahrenbewusstsein zu verstärken. Zwei Drittel aller durch Lawinenabgänge getöteten Variantenfahrer auf Skiern oder Snowboards waren laut aktuellen Zahlen ohne Suchgerät unterwegs. Umgekehrt hatten 80 Prozent der Lebendgeborgenen einen eingeschalteten Pieps mit sich.
Um einen Ansporn zur Eigenverantwortlichkeit zu geben, starteten das Land Tirol, das Kuratorium für alpine Sicherheit und die Bergrettung jetzt mit Unterstützung von Ausrüstern, Medien und Tourismuswerbung die Aktion "Tirol White Edition": Dabei sind tausend Rucksäcke mit Lawinenverschütteten-Suchgerät, Sonde und Lawinenschaufel zusammen mit einer Informationsbroschüre um den durch Subvention gestützten Preis von 359 Euro (inkl. weltweitem Bergekostenschutz) käuflich erwerbbar. Hundert der Sets wurden zudem in einem Gewinnspiel verlost.
Eine wichtige Voraussetzung zur Beurteilung und Bewältigung von alpinen Gefahren ist das Sammeln von Unfalldaten. 35.000 Unfälle wurden vom Kuratorium für alpine Sicherheit, das sich laut Gabl als Netzwerk sieht, auf elektronischen Datenträgern gesammelt. Auf solchen Erfahrungswerten fußt ein soeben erschienenes Praxishandbuch der beiden Lawinenexperten Patrick Nairz und Rudi Mair. Unter dem schlichten Titel lawine. definiert, beschreibt, bebildert und analysiert es anhand von realen Lawinenabgängen die "10 entscheidenden Gefahrenmuster". Zu ihnen gehören u. a. "der zweite schnee nach langer kälteperiode", "gleitschnee", "regen" oder "eingeschneiter oberflächenreif".
Anschauungsunterricht offerieren neuerdings auch sogenannte Skitouren-Lehrpfade, die mit Schautafeln auf richtiges Verhalten im winterlichen Hochgebirge hinweisen. Ein solcher Tourenlehrpfad wird am 4. Dezember in Faistenau im Salzburger Land eröffnet. Er folgt einer zweistündigen Route mittlerer Schwierigkeit und kann sowohl selbstständig als auch in Begleitung eines Skiführers begangen werden, wobei auch ein echter Lawinenhang zu besichtigen ist.
Ein neues Sicherheitsproblem ist angesichts eines immer breiteren Angebots an Himalajatrekkings oder Besteigungen des Kilimandscharo (5895 Meter) durch professionelle Bergreisen-Unternehmer die Höhenverträglichkeit. Diese zu testen und zu verbessern stellt einen neuen Erwerbszweig der Höhenmedizin dar. Die Alpinschule Innsbruck (ASI) empfiehlt ihren Kunden, vor einer teuren Expedition ihre Kondition und Höhentauglichkeit zu überprüfen, und arbeitet dabei mit Christian Pegger zusammen, der in seiner Innsbrucker Ordination Höhenverträglichkeitstests (115 Euro), Höhentraining und Akklimatisierungstraining anbietet.
Was er und andere Höhenmediziner dabei freilich nur sehr unvollkommen vermitteln können, sind der Zeitdruck und die physisch-psychische Belastung auf einer bunt zusammengewürfelten Expedition von Hobby-Bergsteigern. Dabei stehen die Führer selbst gelegentlich enorm unter gruppendynamischem Druck, und dabei ist schon so mancher gut vorbereitete Alpinist am Kilimanjaro gescheitert. Aber besser gescheitert als umgekommen. (Horst Christoph/DER STANDARD/Rondo/26.11.2010)
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ein Lawinenrucksack bzw Airbag, der vor dem Befahren eines sogenannten gefaehrlichen Hanges zum Vermeiden von kostspieligen und unangenehmen Selbstausloesungen entsichert werden muss, foerdert im Gegensatz zum Such-Set (Pieps, Sonde, Schaufel) unverantwortliches Verhalten: Ein Hang, den man nur mit entsichertem Airbag befahren moechte, sollte man ueberhaupt nicht befahren!
Dabei kommt es nicht darauf an, dass man selbst eine Lawine dank Airbags ueberstehen koennte: Lawinen sind unkontrollierbar und man gefaehrdet andere Personen.
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