Winterdepression

Trübe Tage, trübe Lage

Regina Philipp, 07. Dezember 2010 16:08
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    Zeigt sich der Himmel grau in grau, dann sinkt bei vielen Menschen die Stimmung.

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    Dietmar Winkler ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin an der Medizinischen Universität in Wien. Seit 2007 leitet er die Ambulanz für saisonale affektive Störungen.

Das fehlende Licht im Winter schlägt sich auf das Gemüt - Dietmar Winkler weiß als Leiter der Ambulanz für saisonale affektive Störungen den Patienten zu helfen

Lange Nächte, kurze Tage - Das fehlende Licht in den Herbst- und Wintermonaten schlägt sich bei vielen Menschen aufs Gemüt. Mit der Lichttherapie haben saisonal bedingte Depressionen wenig Chance.

derStandard.at: Ist die Saisonal Auftretende Depression eine Erkrankung?

Winkler: Das kann man definitiv sagen. Sie wird entweder als rezidivierende, also wiederkehrende depressive Störung oder als Subform einer bipolaren affektiven Störung klassifiziert.

derStandard.at: Mit welchen Symptomen haben die Betroffenen zu kämpfen?

Winkler: Typische Symptome sind Freud- und Lustlosigkeit, Antriebsverminderung und depressive Verstimmung. Dazu kommen noch Veränderungen von Appetit und Schlafverhalten. Interessanterweise zeigen Herbst-Winter-Depressionspatienten häufig eine Appetitvermehrung mit konsekutiver Gewichtszunahme und eine sogenannte Hypersomnie. Das heißt, die Patienten schlafen viel mehr als sonst, sind aber trotzdem unter Tag müde.

derStandard.at: Warum haben die Patienten mehr Hunger und ein größeres Schlafbedürfnis?

Winkler: Wahrscheinlich ist dieses Verlangen neurobiologisch bedingt. Im Hypothalamus und in anderen Hirnarealen, gibt es Schlafzentren und Zentren, die für die Appetitregulation zuständig sind und von verschiedenen Botenstoffen angesteuert werden. Vermutlich verursachen diese Neurotransmitter neben den typischen depressiven Symptomen auch diese vegetativen Symptome und Veränderungen in der Appetenz. 

derStandard.at: Sind diese beiden Faktoren auch der wesentliche Unterschied zu anderen depressiven Erkrankungen?

Winkler: Nein. Es stimmt zwar, dass Patienten mit anderen depressiven Erkrankungen häufig schlecht schlafen und auch weniger essen. Dennoch zeichnet sich die Herbst- Winter Depression primär nicht durch ein verändertes Appetit- oder Schlafverhalten aus, sondern vielmehr durch den zeitlichen Zusammenhang zwischen dem Auftreten und Abklingen affektiver Episoden und den Jahreszeiten.

derStandard.at: Ursache der Winterdepression ist der Lichtmangel. Was bewirkt das Lichtdefizit konkret im menschlichen Organismus?

Winkler: Licht hat großen Einfluss auf unsere zirkadianen Rhythmen. Lichtmangel kann bei prädisponierten Personen dazu führen, dass der Schlaf-Wach-Rhythmus aus dem Takt kommt, was letztendlich in Schlafstörungen resultiert. Man nimmt an, dass hier die neben anderen Botenstoffen, die beiden Neurotransmitter Melatonin und Serotonin eine wichtige Rolle spielen. Ihre Biosynthese wird vom Tageslicht reguliert. Während die Produktion des Neurotransmitters Serotonin vor allem tagsüber auf Hochtouren läuft, wird Melatonin vermehrt in der Nacht gebildet und fördert das Einschlafen. In den lichtarmen Monaten wird mehr Melatonin produziert, auch untertags. Deshalb fühlt sich der Mensch permanent müde und unausgeschlafen. Im Winter steht hingegen zu wenig Serotonin zur Verfügung, was Auswirkungen auf die Betroffenen hat. 

derStandard.at: Warum betrifft das manche Menschen und andere wiederum nicht?

Winkler: Das hat wahrscheinlich genetische Ursachen. Befinden sich Personen mit dieser genetischen Präsdisposition in der entsprechenden Umgebung, dann treten die erwähnten Beschwerden auf. In den Tropen werden diese Menschen in den Wintermonaten keine Probleme haben.

derStandard.at: Behandelt wird vor allem mit künstlichem Licht. Wie wirkt sich diese Therapie auf die Patienten aus? 

Winkler: Es kommt zu einer Reduktion der depressiven Symptome. Und das relativ rasch innerhalb weniger Tage. Das zeichnet die Lichttherapie gegenüber medikamentösen antidepressiven Therapien aus. Außerdem ist sie gut verträglich. Die meisten Patienten haben kaum Nebenwirkungen. Und wenn doch, dann sind diese meist gering und vorübergehend. 

derStandard.at: Was wären das für Nebenwirkungen?

Winkler: In seltenen Fällen kommt es zu Einschlafstörungen, bedingt durch die antriebssteigernde Wirkung der Lichttherapie. Deshalb sollte die Lampe immer morgens nach dem Aufstehen angewendet werden. Unter Umständen kann es auch zu Kopfschmerzen oder Augenbrennen kommen. Hier wäre dann zu überlegen ob man eventuell die Therapiedauer reduziert. Bei verschiedenen Augenerkrankungen allerdings, wie der Makuladegeneration beispielsweise, sollte generell keine Lichttherapie durchgeführt wird

derStandard.at: Wird die Lichttherapie auch bei anderen Formen einer Depression eingesetzt?

Winkler: Ja, allerdings ist hier die Datenlage weniger konsistent als bei der saisonal abhängigen Depression. Dennoch wird die Lichttherapie auch bei anderen depressiven Erkrankungen vorwiegende als additives Verfahren eingesetzt. Vor allem dann wenn die Patienten im Winter eine depressive Episode haben. Im strahlenden Sonnenschein im Juli oder August macht es natürlich keinen Sinn einen Patienten im dunklen Zimmer vor eine Lampe zu setzen. 

derStandard.at: An einem schönen Wintertag liegt die Lichtstärke bei etwa 100.000 Lux. Wie viel Lux erzeugt so ein Lichttherapiegerät?

Winkler: Der empfohlene Wert liegt bei etwa 10.000 Lux in einem Abstand von etwa 50- 70 cm.

derStandard.at: Und wie lange wird das künstliche Licht konsumiert?

Winkler: Eine Lichttherapieeinheit dauert zwischen einer halben Stunde und einer Stunde. Das wird dann im Detail mit den Patienten abgestimmt. 

derStandard.at: Sie bieten im AKH Lichttherapie an. Müssen die Patienten das Gerät kaufen?

Winkler: Wenn Patienten zu uns kommen und sich der Verdacht einer SAD tatsächlich bestätigt, dann bieten wir ihnen für die Dauer von einem Monat ein Gerät leihweise an. Nach diesem Therapieversuch evaluieren wir dann, ob die Lichttherapie geholfen hat oder nicht und beraten die Patienten anschließend hinsichtlich eines Kaufs. In Österreich gibt es eine ganze Reihe käuflich erwerbbarer Lichttherapiegeräte.

derStandard.at: Was, wenn die Lichttherapie nicht hilft?

Winkler: Es gibt medikamentöse Alternativen. Antidepressive Therapiestrategien, die man dann entsprechend dem Wirkungs- und Nebenwirkungspotential an die Patienten individuell anpasst. 

derStandard.at: Die Herbst-Winter-Depression verschwindet so oder so im Frühling. Warum nicht gleich abwarten?

Winkler: Wenn die Beschwerden sehr gering sind, natürlich eine Möglichkeit. Die Saisonalität psychopathologischer Symptome ist in der Allgemeinbevölkerung kontinuierlich verteilt. Es gibt Menschen die spüren wenig, andere spüren ein bisschen mehr und wiederum andere sind schwer depressiv. Wir behandeln Patienten, die signifikant darunter leiden und ihrer Lebensqualität dadurch massiv beeinträchtigt sind. Wenn jemand sagt, dass der den Sommer lieber mag als den Winter, aber er damit umgehen kann, dann gibt es wahrscheinlich keinen Handlungsbedarf. (derStandard.at, 07.12.2010)

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Posting 1 bis 25 von 55
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Balkonbepflanzer
10.12.2010 13:46
Ich arbeite im Untergeschoß.

Unter der Woche hab ich oft das Problem, dass es in der Früh noch fast finster ist und Abends auch schon wieder wenn ich heim komme. Anfangs hab ich das total unterschätzt, dass ich kaum Sonne sehe.
Jetzt versuche ich auch zu Mittag ein paar Minuten rauszugehen und am Wochenende sowieso mehrere Stunden, es macht dann auch wenig aus, wenn die Sonne gar nicht scheint aber allein die Frischluft und das Licht tut mir gut. Und draussen sporteln ist auch super, ein kurze Runde laufen und ich bin wesentlich besser gelaunt. Danach rein und ein heißes Süppchen, mhhh.

Sterndal
09.12.2010 17:07
informativ

Ich finde das Interview sehr informativ. Es sollte im Prinzip viel mehr Aufklärungsarbeit in diesem Bereich getätigt werden, damit sich Betroffene trauen, zum Arzt zu gehen und sich helfen zu lassen und nicht Angst haben, als verrückt abgestempelt zu werden. Depressionen und andere psychische Erkrankungen sind genauso wie die Grippe oder ein Schnupfen eine Krankheit, für die man sich nicht schämen muss.
Außerdem glaube ich, dass man auch in der heutigen Gesellschaft durchaus auch einmal passiv und müde sein darf. Aber wenn das den ganzen Winter hindurch so geht, dann liegt es doch wohl auch im Interesse des Einzelnen, etwas dagegen zu unternehmen. Ich möchte nicht mehr als ein Viertel des Jahres nur dahinsiechen.

Dagmar Rehak Wien
 
09.12.2010 11:01
Alles nur Kwakwa!

Wenn es strengstens verboten wäre, unter einer bestimmten Lux-Zahl aus dem Bett zu steigen, wäre SAD überhaupt kein Problem, im Gegenteil: Dann würden wir uns als kleine Revoluzzer fühlen, die voller Tatendrang Bäume ausreißen, wenn wir einmal den Fuß vors Bett stellen.

KimPossible
10.12.2010 10:18

anscheinend sind sie wie immer selbsternannte expertin für alles: geburten (da haben sie mit abstand die wenigste ahnung), krebs etc. und jetzt auch noch depressionen.

superheldin dagmar rehak, über regelschmerzen und sowieso alle krankheiten erhaben, hüpft ab einer bestimmten lux-zahl aus dem bett und reisst bäume aus während völlig schmerzfrei und lustvoll kinder aus ihr herausploppen. eines tages werden sie bestimmt die welt retten!

Dagmar Rehak Wien
 
10.12.2010 11:16

Wenn du wieder über Regelschmerzen reden willst, ruf mich doch an. Hast eh meine Nummer. Hendi liegt da. Ich hab Zeit.

KimPossible
10.12.2010 23:12

und was heisst "wieder"? als ob wir uns kennen würden haha.

KimPossible
10.12.2010 23:09

derzeit keine regelschmerzen, da ich schwanger bin. aber darüber wissen sie ja noch viel mehr, stimmts? :)

Dagmar Rehak Wien
 
10.12.2010 23:45

Das sind ja erfreuliche Nachrichten!
Wann ist es denn so weit?

KimPossible
14.12.2010 13:14

zu privat für ein online forum :)

Chakotay
08.12.2010 23:49

Da verstehen wohl viele was falsch.

Es geht nicht darum, lustlos zu sein und sich in warmen Socken ein Buch zu greifen. Es geht um eine Depression, wo die Leute keinen Antrieb haben und ihnen dabei sehr schlecht geht! Kein einfach Gefühl nichts introvertiert nichts zu tun, sondern nichts tun können! Oder nur schwer und darunter leiden!

Chocoholic
09.12.2010 08:28
Da haben Sie wohl einige postings falsch verstanden.

Es geht hier zuallererst um Depression, hervorgerufen durch chemische Imbalance. Dass aber gerade die winterliche Jahreszeit auch für " gesunde" Menschen eine Herausforderung darstellt, wenn sie nicht gelernt haben, auch in sich zu gehen und ruhiger zu treten und das u.U. Auch a la longue zu einer Burn Out Situation inklusive nachfolgender Depression aufgrund von vieler Jahre unaufgearbeiteter Traumen, unerledigter Trauerarbeiten, Leistungsbedingter Überforderung, alles im Rahmen der Ansprüche, die immer wieder gnadenlos gerade von der Gesellschaft abverlangt wird, die nachher auch das Warum funktionierst Du nicht Prinzip anwendet, wenn es auch psychosomatisch zur Depression oder anderen Erkrankungen kommt, ist aber auch nicht zu verleugn.

sovereignty
09.12.2010 08:17

Eine Depression geht natürlich wesentlich über die häufigere und teils alltägliche Lustlosigkeit hinaus, und geht mit hohem Leidensdruck und Beeinträchtigungen einher.

Dennoch ist zu vermuten, dass Lustlosigkeit und zumindest Teilbereiche der Depression dieselben Grundlagen haben, nur quantitativ unterschiedlich ausgeprägt sind (Stichwort Kontinuumshypothese).

Eine Lichttherapie (bzw. öfter ein Spaziergang draußen, auch wenns im Winter bewölkt ist, dennoch viel mehr Licht als im Zimmer) könnte daher auch der weit verbreiteten "normalen" schlechten Winterlaune entgegengesetzt werden.

Chocoholic
08.12.2010 20:37
Zum Thema auch nicht uninteressat: verstärkter Elektromagnetischer Smog

Verursacht Melatoninmangel und dadurch Depression. man sollte an geschütztem Ort nach einer Woche wieder untersuchen, wenn Melatonin da aufgefüllt ist, aber im Normalaufenthalt zu Hause nicht, wäre es angebracht, die Belastung im Schlafbereich zu messen ... Oder schalten Sie einfach das WLAN über Nacht aus....

sovereignty
09.12.2010 08:12

Meines Wissens gibt es keine einzige vernünftige Studie, die einen Nachweis der Schädlichkeit von elektromagnetischer Strahlung im Bereich von Radiowellen gebracht hat ... Bisher ist nur gesichert bekannt, dass kurzwellig, hochenergetische Wellen wie zB. Gamma- oder Röngtenstrahlen und in weniger starkem Ausmaß UV schädlich sind, das sichtbare Licht ist bereits energieärmer und Radiowellen sind von noch größerer Länge.

Außerdem würde die oben genannte Idee kaum wissenschaftlichen Wert haben ... eine Woche woanders sein statt im Alltags-Haushalt hat wohl nicht nur eine Reduktion der Radiowellen als Folge, sondern auch evtl. weniger Stress, Abwechslung, andere Umwelt, etc. ... Besser wäre Vergleich selber Haushalt mehr/weniger Radiowellen

Chocoholic
09.12.2010 08:31
Es wurden in ALLEN Studien für Mobilfunk auf die

Biologischen Auswirkungen Bedacht genommen, sondern ausschließlich die Erwärmung, die nur einen klitzekleinen Bereich ausmacht und mit den tatsächlichen Auswirkungen nichts zu tun hat. ich rede hier übrigens nicht von der Belastung nur durch ein Mobiltelefon oder anderem, ich rede hier hauptsächlich von Mobilfunkantennen, die unkontrolliert wesentlich höhere Ausstrahlung in die Wohn und Schlafbereiche bringen, als auf den Anträgen und Bewilligungen stehen. Aber gemessen wird es nie.

sovereignty
09.12.2010 15:28

... und die tatsächlichen Auswirkungen wären???

Chocoholic
18.12.2010 18:32
Nun, wenn Sie eine Studie finanzieren, finden Sie es genau heraus.

Informieren Sie sich halt einfach ueber diverse mittlerweile schon oeffentlich mehr und mehr anerkannten Aussagen der Wissenschafter, die sich nicht kaufen lassen. Schoene Weihnachten.

peregrine
08.12.2010 23:00

hier (9.bezirk) habe ich 16(!!!) wlan-netzwerke.

Chocoholic
09.12.2010 08:35
Und, haben Sie Schlafprobleme, zu niedere Melatoninwerte?

ja: Melatoninspiegel nach einer Woche bei Frreunden ohne WLANS abtesten lassen, wenn sich da signifikant was verbessert hat, dann Spezialisten (aber bitte nicht die hokuspokus Fraktion, sondern seriöse Firma) abmessen lassen, ob die Belastung an Ihrem Schlafplatz zu hoch ist (kann auch nicht der Fall sein, kommt ja auf WLANs an) und dann mit Baubiologen versuchen, eine Verbesserung herebeizuführen. Wenn nein von Anfang an: was juckts Sie?

Grey
08.12.2010 13:18
"Therapieversucht"

:) ... wie doppelbödig

lilian
08.12.2010 09:12
übrigens - fescher mann, der herr doktor ;-)

relatio subsistens
09.12.2010 15:45

Haben Sie gerade Ihre Periode?

"a bier!" - fuer das beste im mann
09.12.2010 02:43

fielmann! dringend!

lilian
08.12.2010 09:05
ich liebe alle 4 jahrezeiten in ihrer vollen intensität.

dazu gehören heiße tage im sommer genau so wie eiskalte, schneereiche oder nebelige im winter. finde es schön, dass wir so eine breite facette haben und jede auf ihre weise ein genuss ist. weniger angenehm finde ich naßkaltes wetter so wie heute - aber es gibt ein wunderbares alternativprogramm - ein gutes buch, eine ruhige cd und eine feine tasse tee statt der hektik auf einer einkaufsstraße im nebeligen tropfnass.

Stenmurks
08.12.2010 22:00

Das spielts aber auch nur solange du keine
Kinder hast. Dann kannst du bei diesem Drecksweter versuchen einer sinnvollen Tagesgestaltung nachzugehen, die wenig mit Entspannungs Tee und einer ruhigen CD zu tu hat. Wenn das bei deiner Lebenssituation geht, hast eh recht.

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