Diplomatie mit hochrotem Kopf

29. November 2010, 18:44

Nur ein Wikileaks-Dokument bringt die USA wirklich in die Bredouille

Silvio Berlusconi, ein inkompetenter, aufgeblasener Filou. Muammar Ghaddafi, ein pflegebedürftiger Potentat mit einer von der Natur vorzüglich ausgestatteten ukrainischen Krankenschwester namens Galyna Kolotnytska. Guido Westerwelle, ein aggressiver Außenpolitik-Lehrling. Dann wären da unter anderem noch der "empfindliche und autoritäre" Nicolas Sarkozy, der "verrückte" Mahmud Ahmadi-Nejad, der "blasse" Dmitri Medwedew und der "Alpha-Rüde" Wladimir Putin.

Ist das tatsächlich "der 11. September der Diplomatie", wie der italienische Außenminister Franco Frattini ganz aufgelöst meint, oder einfach nur Tratsch auf höherem Niveau?

Die erste Charge amerikanischer Diplomatendepeschen, die Wikileaks nun veröffentlich hat, ist eine interessante Lektüre, keine Frage. Echte Neuigkeiten aber enthält auch die mit "Secret" gekennzeichnete Korrespondenz des State Department mit einigen seiner weltweit 270 Missionen nicht. Weder die Panik der arabischen Golfanrainerstaaten vor dem iranischen Atomprogramm und das Drängen auf einen US-Militärschlag gegen Teheran waren gänzlich unbekannt, noch etwa die amerikanischen Vorwürfe an die Chinesen wegen deren Cyberattacken auf Google. Mit dem Abonnement einer Zeitung mit einem ordentlichen internationalen Teil wäre US-Präsident Barack Obama annähernd gleich gut informiert gewesen.

Ungewöhnlich dagegen mag der rüde und manchmal persönliche Ton der Berichte erscheinen. Aber selbst Diplomaten, die dafür bezahlt werden, ihrem Gegenüber im Notfall stets freundlich lächelnd auf die Zehen zu steigen, seien mitunter handfestere Formulierungen zugestanden, um politische Akteure und Verhältnisse einzuschätzen.

Was den Rahmen allerdings sprengt, ist die Dienstanweisung von Außenministerin Hillary Clinton mit der Aktenzahl 09STATE80163 vom 31. Juli 2009. Darin werden 36 US-Missionen (darunter die bilaterale Botschaft und die Vertretung bei den Vereinten Nationen in Wien) aufgefordert, sensible Informationen einzusammeln, die dann von den Geheimdiensten aufbereitet werden sollen. Es geht explizit um biografische Daten von Gesprächspartnern, E-mails, Internet- und Intranetzugänge, Daten aus Vielfliegerprogrammen und sogar Kreditkartennummern von Personen, mit denen Diplomaten zu tun haben.

Das US-Außenamt stuft das als normale Informationssammlung ein, die jeder Mitarbeiter des State Department zu erledigen habe. Europäische Staaten, manche öffentlich und viele hinter vorgehaltener Hand, sehen das als blanken Akt der Spionage.

Mit einigem Recht weisen die Amerikaner in ihrer Kritik an den Wikileaks-Enthüllungen darauf hin, dass Diplomatie ein Mindestmaß an Vertraulichkeit erfordere und nicht jede Äußerung für die Öffentlichkeit bestimmt sei. Andererseits muss wohl auch gelten, dass jene, die mit US-Diplomaten Umgang pflegen, ebensolche Vertraulichkeit erwarten dürfen.

Besonders für Hillary Clinton, die in den vergangenen zwei Jahren als eine Art Handlungsreisende für neues Vertrauen in die USA in der Welt unterwegs war, ist die Affäre ein schwerer Rückschlag. Sie und ihre Diplomaten werden eine Zeit lang mit hochrotem Kopf um den Globus jetten müssen, die US-Außenpolitik wieder einen steinigen Weg vor sich haben. Wenn es eine Neuigkeit aus der Wikileaks-Kampagne gibt, dann ist es vorerst diese. (Christoph Prantner/DER STANDARD, Printausgabe, 30.11.2010)

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Die Penner haben mit ACTA und Flugpassagierdaten und SWIFT-Datenweitergabe

gerade ihre Bürger an die USA verraten und verkauft und jetzt regen sie sich darüber auf, dass ähnliche Daten über sie selbst erhoben wurden?

Poetic justice.

Was (bisher) nicht bei Wikileaks steht

Briefing des Außenministeriums für UHBP HF: "Begrüßen Sie zuerst den gut gebräunten Langen und seine ebenfalls gut gebräunte Begleiterin besonders höflich, auch wenn die beiden 2 Köpfe größer sind, dann erst die blonde überwuzelte Dauergrinserin".

Hoffentlich führt dass zu keiner Verstimmung mit den USA, wenn DAS herauskommt!

wie schauts denn in österreich aus..

.. schade dass es in österreich nicht ein paar beamte gibt die mal ein paar skandaldaten an wikileaks weiterleiten. irgendwie habe ich den dringenden verdacht, dass sich hierzulande schon eine menge "sprengstoff" angesammelt haben könnte.

lg

wikileaks for austrian embassy...

es wäre interessant zu erfahren, mit welch netten worten österreichische diplomaten ihre kontakte bedenken.
da könnte doch das eine oder andere highlight dabei sein. vor allem wenn man bedenkt, welche vokabeln ein früherer aussenminister über einen deutschen bundesbanker gefunden hat, oder ein ex-landeshauptmann so von sich gab...

Diplomatische Flaschen in Ö. arbeiten eh direkt für US-Dienste. Auszug:

http://kurier.at/nachricht... 053647.php

Ist Clinton sabotiert?

Auf die Erkenntnis, dass das internationale Fremdbild, nicht mit dem Eigenbild übereinstimmt, hat Bush mit einer Action der Imageverbesserung reagiert. Gemeint war damit natürlich nicht eine Änderung im Verhalten Amerikas (Amerikaner sehen sich tatsächlich anders, als sie wahrgenommen werden), sondern ein Werbefeldzug. Genau das macht Clinton und genau so viel ist davon zu halten.

das ganze zeigt doch nur,

dass hinter der ganzen fassade auch nur menschen stehen und die "political correctness" in wahrheit niemanden interessiert.

tatsächlich will sich JEDER nur einen vorteil verschaffen; auch jene, die sich jetzt so darüber empören.

DANKE wikileaks und nur weiter so. andere medien sollten sich daran ein beispiel nehmen und sich ihrer ursprünglichen aufgabe besinnen.

recherchieren, aufdecken, informieren

liebe fiffi-politiker und alle die das jetzt noch herunterspielen wollen

gibt uns bürgern unsere würde zurück und geht . denn die bürger wollen nicht von erpressbaren fiffis vertreten werden.

Ein altes Sprichwort sagt:

"Der Lauscher an der Wand
hört seine eigene Schand".

In diesem Sinne: einfach nicht vertrauliche Kommunikationen ausspionieren, wenn man Angst davor hat, etwas wenig Schmeichelhaftes hören zu müssen...

;)

Zitat: "Was den Rahmen allerdings sprengt, ist die Dienstanweisung von Aussenministerin Hillary Clinton mit der Aktenzahl 09TATE80163 vom 31. Juli 2009"

Was den Rahmen tatsächlich etwas sprengt ist, dass ein Redakteur sich überrascht zeigt, dass sämtliche diplomatische Botschaften aller Länder in aller Welt auch mit Aufgaben der nachrichtendienstlichen Ermittlung beauftragt sind.

dass us diplomaten am häusel nach biometrischen daten von un vertretern suchen ist mir schon was neues, wird auch im artikel nicht erwähnt, findet man aber beim guardian.
Und was führt man den mit kreditkartendaten von staatsvertretern den gutes im schilde? Außer Erpressung und totalitäre kontrolle, gar nichts...Interessant, dass man dies harmlos findet..

von solchen schafen, wie Sie, die alles schönreden leben die schurken dieser welt.

Es gibt offenbar eine Menge Menschen,

die keine modernen Actionfilme schauen...

ich find's amüsant, zu lesen, was fast alle von uns denken ;-)

ansonsten: wo ist bei diesen "enthüllungen" der wert für die menschheit??? assange sollte seine nase nicht so hoch tragen....mit dieser aktion hat er sich und seiner plattform keinen guten dienst erwiesen!

Laut Jack Schafer bei Slate

zählt beim Ausspionieren des Erwischtwerden.

Alle tun es, alle wissen, dass die es tun, aber wenn es auffliegt muss derjenige abgezogen werden. Quasi ungeschriebenes Gesetz.

In diesem Fall ist Clinton persönlich erwischt worden, und Schafer sagt, sie muss daher gehen. Mal sehen, ob andere das Gleiche verlangen werden.

http://www.slate.com/id/2276190/

Ich kann mich noch ..

an einen Spruch unseres Ex Bundelkanzlers erinnern der auch nicht stubenrein war und halt vor einem Journalisten passiert ist. Hat auch ein ungutes Licht auf ihn geworfen. Geschadet hat es ihm allerdings nicht. Leider. Ich mein da den Schüssel nicht das Gesudere vom Gusi. Möchte ja nicht wissen wie es hinter den verschlossenen Türen zugeht.

Geschadet hat es ihm allerdings nicht.

Wieso? Wollt er irgendwas werden? Ja, weiterhin Bundeskanzler oder EU Kommissar oder noch höher. Ist er irgendwas geworden? Ja, unbedeutend.

ordnen sie ihre zeitreihe nochmal

Die ist in Ordnung.

Der Grund für Schüssels Pensionierung ist IMO weit eher sein komplettes Versagen als Bundeskanzler, die Korruptionsskandale um ihn herum, die sinnlosen und falschen Entscheidungen (Kampfjet-Ankauf, Vernichtung der Universitäten ...)

Wir (alle) werden nicht regiert,

wir werden beherrscht, und wenn jemand das aufzeigt, muß er sich verstecken.

Der Westen übt sich in serviler Demut gegenüber den Staaten.

Es ist erstaunlich wie die westliche Medien diese Veröffentlichungen herunterspielen. Augenscheinlich zeigt die keineswegts zimperliche amerikanische Gegenoffensive ihre Wirkung.

diese personellen Einschätzungen sind auch in der Branche

nichts Neues, das Problem ist wie immer, dass das Selbstbild meist ein viel besseres als das wirkliche.

gerade die deutschen politiker kommen doch

eigentlich gar nicht so schlecht weg. angela merkel hält sich aus hahnenkämpfen raus und versucht dann mit stiller diplomatie, ihre eigenen vorstellungen durchzusetzen. westerwelle lässt sich auch von hochrangigen us-diplomaten nicht einschüchtern und bietet ihnen paroli. so what? ist doch eher ein kompliment.

zum einen werden die amerikanischen diplomatInnen künftig in navajo korrespondieren und zum anderen wird man dem wikileaksbetreibern nachweisen dass sie das tote meer umgebracht haben

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