"Die Märkte trauen dem Braten nicht"

29. November 2010, 17:26
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Europas Schuldenkrise ist für Ökonom Harald Uhlig keine Vertrauenskrise. Daher sei eine strukturelle Reform der Eurozone nötig

STANDARD: Ist die aktuelle Krise um den Euro eine Vertrauenskrise, die mit einem Rettungsschirm gelöst werden kann?

Uhlig: Es ist eher eine fundamentale Krise. Eine Vertrauenskrise wäre natürlich eine schöne Sache. Solange man langfristig die Schulden noch zurückzahlen kann und nur kurzfristig einen Geldengpass hat, ist das kein Problem. Es werden ja bei der Staatsfinanzierung regelmäßig Schulden mit Schulden zurückgezahlt. Doch ob Griechenland diesen Schuldenberg abtragen kann? Naja, ich glaube nicht. Es ist klar, dass die Finanzmärkte dem Braten nicht trauen.

STANDARD: Wenn es eine fundamentale Krise ist, muss dann die Währungsunion reformiert werden?

Uhlig: Ein zentraler Kritikpunkt, der bis heute nicht gelöst ist, ist, dass es keine automatische Sanktionierung bei zu hohen Defiziten gibt. Das darf nicht von einem politischen Gremium abhängig sein. Das ist ein Konstruktionsfehler. Ein wichtiger Punkt ist auch, dass die europäische Bankenaufsicht national ist. Doch die EZB muss da zu 100 Prozent involviert sein.

STANDARD: Halten Sie Reformen in diesem Bereich für realistisch?

Uhlig: Es wird vieles davon abhängen, was in den kommenden Monaten passiert. Wenn sich die Situation beruhigt, werden Europas Politiker nur noch kurz über Reformen diskutieren. Das wird man wieder zu Seite legen. Es kann aber sein, dass weitere Rettungen nötig sind und etwa in Deutschland der Unmut wächst, dass hier tatsächlich Geld fließen muss.

STANDARD: Könnte die Eurozone zerbrechen?

Uhlig: Deutschland steht derzeit verblüffenderweise sehr fest hinter dem Euro. Hoffen wir, dass das so bleibt. Länder wie Griechenland und Irland werden auch nicht austreten, weil sie von dem Rettungsschirm gewaltig profitieren. Sie bekommen ja eine ganze Menge für ihre Euro-Mitgliedschaft. Sie hatten ja auch starkes Wachstum und haben für ihre Schulden in der Eurozone lange Zeit nur niedrige Zinsen gezahlt.

STANDARD: Aber jetzt hängt der Euro an der Fiskalpolitik in Griechenland und Irland.

Uhlig: Wie stabil der Euro ist, liegt letztendlich in der Hand der EZB. Ihr Mandat sind ja stabile Preise. Es ist für mich schwer zu glauben, wie eine griechische Umschuldung etwas mit der Stabilität des Euros zu tun haben könnte. Das sind Szenarien, die herbeigeschrieben werden, aber plausibel sind sie nicht.

STANDARD: Ist es für Länder wie Griechenland also sinnvoll, die Schulden umzustrukturieren, also nicht alles zurückzuzahlen?

Uhlig: Griechenland hätte Bankrott erklären sollen. Nachträglich gesehen ist es jammerschade, dass es das nicht getan hat. Die europäischen Regierungen hätten sich lieber auf den Fall konzentrieren sollen, dass auch Spanien Hilfe braucht. Wenn man in Griechenland eine Umschuldung gemacht hätte, hätte man gesehen, was mit dem Euro und den europäischen Schulden passiert wäre. Nämlich nicht viel. Die griechischen Schulden betragen nur vier Prozent der Schulden der Eurozone. Wenn sie ein Viertel nicht zurückzahlen, ist das nur ein Prozent. Das Panikszenario scheint mir völlig an den Haaren herbeigezogen. Jetzt müssen wir nach vorne sehen. Ich denke, es wäre an der Zeit, dass ein kleines Land eine Restrukturierung macht. Damit könnte man die Angst vor dem Szenario nehmen und müsste sich nicht mehr Gedanken darum machen, ob der Rettungsschirm noch groß genug ist. (Lukas Sustala, DER STANDARD, Printausgabe, 30.11.2010)

HARALD UHLIG (49) ist Professor für Volkswirtschaft an der University of Chicago. Der gebürtige Deutsche war zuvor Makroökonom an der Humboldt Universität in Berlin und als Forschungsprofessor an der Bundesbank.

  • "Griechenland hätte Bankrott erklären sollen." Makroökonom Harald Uhlig 
hält 
eine Restrukturierung von verschuldeten Eurozone-Staaten für eine 
sinnvolle 
Alternative.
    foto: uhlig

    "Griechenland hätte Bankrott erklären sollen." Makroökonom Harald Uhlig hält eine Restrukturierung von verschuldeten Eurozone-Staaten für eine sinnvolle Alternative.

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