Kein "genetischer Flaschenhals"?

Supervulkan-Ausbruch halb so schlimm

26. Dezember 2010, 17:24

Zweifel an der Theorie, dass vor 74.000 Jahren die größte Katastrophe der Menschheitsgeschichte stattfand

Hamburg - Geht es nach dem US-Anthropologen Stanley H. Ambrose, dann fand vor 74.000 Jahren die mit Abstand größte Katastrophe der Menschheitsgeschichte statt. Damals brach der Supervulkan Toba auf Sumatra aus und soll Millionen Tonnen an Material - unter anderem auch jahrelang stabile Schwefelverbindungen - in die Erdatmosphäre geschleudert haben, sodass es global zu einer drastischen Abkühlung des Klimas kam. Für mehrere Jahre sei die Durchschnittstemperatur um zehn Grad gefallen. Auf die damalige Homo sapiens-Population in Afrika habe sich dies verheerend ausgewirkt: Nur wenige tausend Menschen hätten die Folgen der Katastrophe überlebt, die Folge sei ein "genetischer Flaschenhals" gewesen.

Ambroses Theorie passt dazu, dass alle heute lebenden Menschen genetisch gesehen erstaunlich eng miteinander verwandt sind. Der Schluss daraus: Wir alle stammen von einer relativ kleinen Gruppe von Vorfahren ab, die von Afrika aus die Welt besiedelte. Andere Funde wiederum widersprechen der Theorie. So war Homo sapiens zum Zeitpunkt der Eruption noch nicht die einzige Menschenart. Sowohl die europäischen Neandertaler als auch andere Nachfahren des Homo erectus, die in Indien lebten, überstanden die Katastrophe aber offenbar. Eine kontinuierliche Besiedelung Indiens vor und nach dem Supervulkan-Ausbruch ist belegt - und das, obwohl die dortigen Menschen dem Toba doch viel näher waren als die Bewohner Afrikas.

Abschwächung

Und inzwischen gilt auch der Ausbruch selbst nicht mehr als die Mega-Katastrophe, für die sie gehalten worden war. Kein Zweifel besteht daran, dass die Eruption stattgefunden hat. Doch sollen die Auswirkungen weniger drastisch gewesen sein und schneller abgeklungen haben. Zu diesem Ergebnis kamen beispielsweise der Vulkanologe Stephen Self von der Open University in Milton Keynes und der Paläobiologe Michael Rampino von der New York University. Sie rechneten die Eruption des Pinatubo im Jahr 1991 auf Toba-Dimensionen hoch und kamen zu dem Ergebnis, dass der Supervulkan-Ausbruch nur zur einem Temperaturabfall um drei bis fünf Grad geführt habe. Schlimm, aber verkraftbar.

Forscher um Claudia Timmreck vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg erstellten nun ein neues Klimamodell für die Verhältnisse vor 74.000 Jahren. Mit ihrem Modell kamen sie zu einem ähnlichen Ergebnis wie Self & Rampino: Kurzfristig seien die Temperaturen in Afrika und Indien um zehn Grad gefallen, doch hätten sich die hohen Konzentrationen von Schwefelpartikeln in der Stratosphäre rascher abgebaut als früher gedacht. Schon ein Jahr nach der Eruption seien die globalen Temperaturen nur mehr fünf Grad unter dem vorherigen Schnitt gelegen. Für Flora und Fauna habe es ein paar harte Jahre gegeben, doch waren diese zu überstehen.

Einwände

Ambrose, von dem die Toba-Katastrophen-Theorie stammt, hält das Modell der Hamburger für unzureichend, wie das Wissenschaftsmagazin "Science" berichtete. Ambrose verweist darauf, dass das damalige Weltklima nicht mit dem heutigen identisch gewesen sei: Die Erde habe sich im ständigen Wechsel von Warm- und Kaltzeiten gerade wieder in einer Phase der starken Abkühlung befunden, die durch die Toba-Eruption verstärkt worden sei und zur schlimmsten und längsten Kältephase geführt habe, die der Mensch je erlebt hat.

"Entwarnung" kann ohnehin nicht gegeben werden, wenn sich der Toba oder auch der Yellowstone-Vulkan erneut regen sollten. Denn die mobilen und verstreut lebenden menschlichen Gesellschaften vor 74.000 Jahren sind mit der vernetzten und auf jede Veränderung hochsensibel reagierenden Welt von heute nicht vergleichbar. Supervulkane, von denen weltweit bislang nur eine Handvoll bekannt ist, werden also auch weiterhin ein beliebter Stoff für Katastrophenthriller bleiben. (red)

Kommentar posten
16 Postings
Linek Karl
 
00
27.12.2010, 18:00
Verkraftbar

Verkraftbar sind 5 °C - plus oder minus - für uns für ein Jahr. Aber die Leute damals hatten keine Nahrungsspeicher. Also war jeder Engpass potenziell ein Existenzgefährdung.

Eigenartig finde ich das Argument, dass bei Supervulkanausbrüchen sich eine größere Gefährdung ergibt, wenn man näher an ihm dran ist. Sicher, allzunah sollte es nicht sein, weil man sonst unter der Tephra begraben wird. Aber da die Winde die Asche eher nach Osten tragen sollten, sollte es für Indien kein größeres Problem sein als für Afrika.

rosarum vallis
 
00
29.12.2010, 00:07
So, jetzt zeigen Sie mir Ihre "Nahrungsspeicher"!

2011 leben 7 Milliarden Menschen auf dieser Welt.
Der Ausfall einer Jahresernte (und auch großer Teile des Transportwesens !) hätte fatale Folgen, gerade in den technisch hochgezüchteten Zivilsationen wie bei uns in Europa.

h 90
00

Es gaebe ja keinen Totalausfall sondern nur eine Reduktion und warum sollten grosse Teile des Transportwesens ausfallen?

ente,ente,ente,ente,ente,ente,ente,...
00
29.12.2010, 12:13

wie viel nahrungsmittel auf halde hat die menschheit eigentlich? wie viele könnten davon wie lange überleben?
weiss das jemand?

Idol der Massen
 
01
27.12.2010, 17:54

Wenn der Yellowstone hoch geht, werden wir näheres wisssen. http://de.wikipedia.org/wiki/Yell... e_(Vulkan)

Sir Popper
01
27.12.2010, 06:18
Die Prophetie in die Vergangenheit hat auch ihre Schwierigkeiten!

Die Datierung ist das eine Problem, die Folgenumstände das nächste Problem.

Aber Fantasie spielt immer die größte Rollle - das ist schon bei den Göttern so.

Sitacui
11
27.12.2010, 00:10

"Die menschlichen Gesellschaften vor 74.000 Jahren sind mit der Welt von heute nicht vergleichbar." Wenn man genauer darüber nachdenkt, sind sie es doch.

KleinerDrache80
02
27.12.2010, 09:47
Wenn

sie auf die Anatomie, psychische Prozesse, etc. anspielen sehe ich das genauso. Aber wenn wir betrachten wie wenig Menschen heute in einer extremen Katastrophensituation tatsächlich mehrere Jahre überleben würden (also sich selbt versorgen können - ohne Verkehrsmittel, Supermärkte, Elektrizität (ja, die meisten Heizungen auch in Einfamilienhäusern mit Gärten funktionieren nicht ohne Strom), etc.) dann kann man schon eine andere Perspektive einnehmen.

h 90
00

Wenn dann kaeme ja kein komplettzusammenbruch.
Nahrungsmittel wuerden einfach viel teurer werden: Weniger weggeschmissen, weniger Fleisch. Strom koennte man ja rationieren.

KleinerDrache80
00
Solange

nichts passiert muss man gar nicht darüber nachdenken, finde ich. :)

h 90
00

Darum werden Sie wahrscheinlich ohne Sorgen laenger leben als ich. Mich wird der Herzinfarkt dahinraffen weil meine 6 Monate Ueberlebensration in Dosen fuer meinen Bunker am Zoll haengt wo doch gerade wieder international so viel los ist.

hlg
116
26.12.2010, 19:48
klimaprognosen...

sind offenbar nicht nur dann schwierig, wenn sie die zukunft betreffen... ;-)

ChesneyB
00
29.12.2010, 14:29

Äh, ich denke Prognosen welcher Art auch immer betreffen IMMER die Zukunft.

kleinerpinguin
13
26.12.2010, 20:39

Aber dann ganz besonders.

khaleb
00
27.12.2010, 23:03
man muss den Zeitrahmen nur weit genug in die Zukunft verlegen

und schon lässt sich herrlich diskutieren, ohne dass man tatsächlich er Falsch-Prophetie überführt werden kann.

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.