Zuwanderer sprechen zunehmend Deutsch

29. November 2010, 18:51
630 Postings

Nur elf Prozent der befragten Wiener SchülerInnen sprechen zuhause nicht Deutsch - Linguistinnen äußern Skepsis

„Die wollen ja gar nicht Deutsch lernen", heißt es oft, wenn es um Zuwandererfamilien geht. Stimmt nicht, sagt Katharina Brizic, Sprachwissenschafterin an der Uni Wien: Sie hat 20.000 Wiener VolksschülerInnen, überwiegend Kinder mit Migrationshintergrund, befragt, welche Sprachen sie in ihrer Familie sprechen. Das - für viele wohl überraschende - Ergebnis: Nur elf Prozent sprechen zu Hause nicht Deutsch. 

80 Prozent der Kinder zwischen acht und elf Jahren bezeichneten das Deutsche als jene Sprache, die sie am besten beherrschen. Hinzu kommen weitere 1200 Kinder (6 Prozent), die angeben, zwar andere Sprachen besser zu beherrschen, aber dennoch Deutsch als ihre „Lieblingssprache" bezeichnen. Der Prozentsatz wäre wohl noch höher, wenn alle Schulen bei der Befragung mitgemacht hätten, sagt Brizic: An jenen 15 Prozent der Volksschulen, die nicht in der Studie enthalten sind, gebe es besonders viele Kinder ohne Migrationshintergrund.

Türkische Kinder sprechen Deutsch

Der Tendenz folgen auch Kinder mit türkischem Hintergrund, die bekanntlich besonders oft im Mittelpunkt der Debatte stehen: Nur 11,8 Prozent der acht- bis elfjährigen Kinder mit türkischer Muttersprache gaben an, zuhause ausschließlich Türkisch zu sprechen. 87 Prozent sprechen in der Familie auch Deutsch. „Die Forderung, Zuwandererfamilien sollen zuhause Deutsch sprechen, scheint längst Realität zu sein", folgert Claudia Lo Hufnagl, die an der Studie mitgearbeitet hat. „Die Frage ist nur: Wozu führt das?" 

Genau diese Frage stellt Brizic ins Zentrum ihrer Forschung: Sie ortet in der zunehmenden Verdrängung der Muttersprachen durch die deutsche Sprache einen Grund der schlechten Pisa-Ergebnisse bei Kindern mit Migrationshintergrund. Zwar bezweifle niemand, dass Deutsch-Lernen wichtig sei, sagt Brizic. Ihre Studie zeige jedoch, dass die deutsche Sprache immer stärker ins private Umfeld vordringe. „Es herrscht ein großer Druck, die eigenen Sprachen abzulegen", sagt die Linguistin. Dieser Druck führe dazu, dass Eltern im Gespräch mit den Kindern nicht mehr jene Sprachen verwenden, die sie selbst am besten können, sondern jene, die mit dem größten Prestige behaftet seien. Dieser Sprachwechsel habe nachteilige Folgen für die Kinder, die in der Folge weder ihre Muttersprache/n, noch die deutsche Sprache angemessen erlernen. „Ein Sprachwechsel unter Druck schadet dem Bildungserfolg", lautet Brizics Hypothese.

Bruder-Sprache, Oma-Sprache

Mit ihrer Erhebung, die Montag abend in Wien präsentiert wurde, wollen Brizic und die fast hundert Projekt-MitarbeiterInnen einen Kontrapunkt zur Pisa-Studie setzen: Dort werde nämlich nur gefragt, welche Sprache „die Familiensprache" sei - „einer Realität, wo das Kind mit der Mutter Türkisch, dem Vater Deutsch, und der Großmutter Kurdisch spricht, wird so eine Fragestellung nicht gerecht", betont Brizic - mehr noch: Sie verzerre das Bild, und werde somit für weitere Schlussfolgerungen unbrauchbar.

Minderheiten verstehen viel

Brizic fragte genauer nach - und liefert nun ein differenzierteres Bild des Sprachenpotenzials von Wiener Kindern. Ihr Fazit: Die SchülerInnen scheinen nicht nur mehr, sondern zum Teil auch andere Sprachen zu beherrschen, als ihre LehrerInnen annehmen. 

So zeigte sich beispielsweise, dass Kinder aus Minderheitenfamilien eine besonders große Palette an Sprachen vorweisen. Romakinder, Kinder aus kurdischen und Nachkommen aus jüdischen Familien seien nicht selten in der Lage, vier oder mehr Sprachen zu verstehen. Dennoch gelinge es nicht, diese Potenziale im Bildungssystem zu nutzen. Brizic sieht die Studie als Bestätigung der These, dass „es nicht so sehr darauf ankommt, wie viele Sprachen ich spreche, sondern, in welchem Bezirk ich wohne": Einkommen und Prestige hätten einen größeren Einfluss auf den Bildungserfolg als die Herkunft. 

Die aktuellen Ergebnisse könnten zu einer Wende in der Bildungsdebatte führen, sind die Autorinnen überzeugt: „Es ist nicht wichtig, dass zuhause Deutsch gesprochen wird", sind sie überzeugt. Entscheidend für den Bildungserfolg ist laut Hufnagl, jene Sprache zu pflegen, „die beim Kind am stärksten präsent ist". (Maria Sterkl, derStandard.at, 29.11.2010)

Zur Erhebung "Multilingual Cities"

Die 20.000 mittels geführten Fragebögen befragten VolksschülerInnen gehören der dritten und vierten Schulstufe bzw. Mehrstufenklassen an. Bei 60 Prozent der Kinder sind entweder Mutter, Vater oder das Kind selbst im Ausland geboren, insgesamt stammen die Befragten und /oder ein Elternteil aus 135 verschiedenen Herkunftsländern. 85 Prozent der Wiener Volksschulen nahmen an der Studie teil. Der quantitativen Erhebung, die durch die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) mit einem Projektbüro und durch den FWF durch Geldmittel unterstützt wurde, wird im nächsten Jahr eine qualitative Studie folgen.

Link

ÖAW - Multilingual Cities

  • Deutsch wird immer mehr zur Alltagssprache für Kinder aus Zuwandererfamilien. Sprachwissenschafterinnen sehen das nicht nur positiv
    foto: newald

    Deutsch wird immer mehr zur Alltagssprache für Kinder aus Zuwandererfamilien. Sprachwissenschafterinnen sehen das nicht nur positiv

Share if you care.