"Ich muss Taxifahrer in Wien werden"

29. November 2010, 09:34
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Seit 25 Jahren fährt der 73-jährige Pole Ryszard durch Wiens Straßen und kommt dabei ohne große Deutschkenntnisse ganz gut zurecht

Es ist Samstagmittag und Ryszard* ist bereits seit 6 Uhr auf Wiens Straßen unterwegs. Der gebürtige Pole reiht sich mit seinem silberfarbenen KIA am Taxistandplatz Schottentor ein. Navigationsgerät hat er keines, auf dem Armaturenbrett liegt ein Stapel polnischer Zeitschriften und über der Radiosenderanzeige ist ein Marienbild befestigt. Eine großflächige Delle an der rechten Hintertür ist nicht zu übersehen. "Das war nicht meine Schuld, da ist mir ein Besoffener hinein gekracht", sagt der rüstige 73-Jährige auf Polnisch, während er sich aus dem Auto hievt und auf das einzige Fahrzeug vor ihm auf dem Taxistand Josefstädterstraße schaut.

Kürzere Wartezeiten am Wochenende

Inzwischen hat er seine morgendliche Route auf der Woll- und Wienzeile hinter sich. "Meistens beginne ich mit dem Goodman oder dem Café Drechsler. Heute hatte ich Glück: Erst ging's in den dritten Bezirk, danach wollte der zweite Fahrgast nach Döbling. Macht 26 Euro", lacht er und kramt ein vollgeschriebenes Blatt Papier aus dem Handschuhfach hervor. Darauf sind akribisch Datum und das eingenommene Geld notiert.

Zu alt, um Deutsch zu lernen

Auf die Frage nach seinem Bekannten- und Freundeskreis meint er, dass darunter keine ÖsterreicherInnen sind. Dafür sei sein Deutsch zu schlecht: "Als ich nach Österreich kam, war ich schon 45 und zu alt, um Deutsch zu lernen". Seine erste Österreich-Station war das Flüchtlingslager Traiskirchen und schon damals stand für ihn fest: Er würde nicht an seinen bisherigen Beruf als Bauleiter anknüpfen können. Noch in Polen hatte ihm ein Bekannter von seinen Plänen erzählt, nach Berlin auszuwandern und ein Taxigeschäft aufzubauen. "Als ich in Österreich angekommen bin, habe ich mir gesagt: Ich muss Taxifahrer in Wien werden und das bin ich jetzt seit 25 Jahren", erzählt der studierte Sportlehrer und Bauingenieur.

"Mein Deutsch ist genug"

Bisher hätte sein Deutsch immer irgendwie gereicht, erklärt er, als eine ältere Frau mit rotem Fuchspelz und bunten Einkaufstaschen die Hintertür öffnet. Sie nennt eine Adresse in Hietzing als Ziel. "Mein Deutsch ist genug. Genug für Taxi", lacht er und schaut in den Rückspiegel. Die Dame lächelt zögerlich und sagt etwas verdutzt: "Das muss jeder selbst wissen, aber Deutsch zu sprechen ist schon wichtig. Wie soll man sich denn sonst verständigen?" Sie holt ihr Handy aus der Handtasche und vertieft sich darin. Damit ist das Gespräch zu Ende.

"Die österreichische Politik ist Rot"

Die Teilnahme an der Gesellschaft sieht Ryszard nicht unbedingt in bestehenden Freundschaften mit ÖsterrecherInnen. Zuhause schaltet er sowohl die ZIB- als auch die TV-Polonia-Nachrichten ein. "Ich bin informiert, arbeite und zahle meine Steuern, was bringt es mir, mich mit den Leuten oder der Politik zu befassen? Die österreichische Politik ist rot und diese politische Farbe kann ich nicht mehr sehen", meint der Taxifahrer. Von seinem Wahlrecht mache er schon lange keinen Gebrauch und argumentiert: "Mich würde der Schlag treffen, wenn ich einen Politiker unterstütze und es stellt sich heraus, dass er oder die Partei dilettantisch sind".

Unterschied zwischen Faschismus und Kommunismus

Zurück in der Wollzeile kurbelt er das Fenster hinunter und hupt nach dem Kollegen, der in der Taxireihe nicht nachrückt. Zwanzig Minuten später steigt ein älteres Paar ein. Die Dame im beigen Wintermantel fragt Ryszard irgendwann nach seinem Alter und ob er nicht schon in Pension gehen wolle. Wenn er auf sein Alter angesprochen wird, lässt er seine Kundschaft gerne raten: "Ich bin 73, aber die Pension ist langweilig", schießt er lachend hervor und fügt hinzu: "Arbeit macht frei! Und wissen Sie, welcher Satz über den Eingängen der kommunistischen Gefangenenlager in Sibirien stand? Arbeit macht tot. Soviel zum Unterschied zwischen dem Faschismus und dem Kommunismus." Er zitiert dabei den russischen Schriftsteller Aleksandr Isaevič Solženicyn aus seinem historischen Werk "Archipel Gulag" über das sowjetische Lagersystem.

Workaholic

Laut Kollektivvertrag im Taxigewerbe beträgt die tägliche Normalarbeitszeit 12 Stunden bei einer wöchentlichen Arbeitszeit von 55 Stunden. Doch der 73-jährige Pole sitzt keine 12-Stunden-Schicht durch. Stattdessen teilt er sich die Stunden auf sieben Tage auf. Samstag, Sonntag, Feiertag - kein freier Tag also. "Ich bin ein Workaholic und kann es mir nicht vorstellen, einen Tag lang nicht zu arbeiten", meint er lachend und nimmt einen Schluck Hustensaft, den er immer im Handschuhfach liegen hat.

Zunehmend schlechteres Geschäft

In den vergangenen Jahren würden die Geschäfte zunehmend zäher laufen, weil die Anzahl der Taxis zunimmt und das Geld der Menschen knapp wird, meint Ryszard. "Vor zehn Jahren habe ich mich als Taxifahrer selbstständig gemacht, anfangs noch mit Funk. Doch kurze Zeit später hat die Funkzentrale neue Zähler eingeführt und dafür 2.400 Euro kassieren wollen. Seitdem fahre ich ohne Funk und natürlich mit weniger Geschäft". Dass seit September 2010 am Wochenende die U-Bahn in der Nacht durchfährt, macht dem Tagfahrer nicht zu schaffen. Aber Kollegen, die in der Nacht unterwegs sind, würden die schon ohnehin existenzbedrohende Berufssituation beklagen.

Wiens fantastische Verkehrsstruktur

Ryszard fischt eine Zigarette aus der Marlboro 100-er Packung, nimmt einen tiefen Zug und kurbelt das Fenster hinunter. Er blickt auf das Verkehrsgeschehen und schimpft über einen Autofahrer. "Nach 25 Jahren als Taxifahrer in Wien muss ich aber sagen, dass Wien eine fantastische Verkehrsstruktur hat. Zum Beispiel der Ring und die Zweierlinie sind zwei unentbehrliche Verkehrsadern für eine Großstadt", fasst er einige Vorzüge Wiens zusammen. Er berichtet von Touristen, denen er als Hobby-Historiker gerne Hintergrundinformationen über das Burgtheater, das Natur- und Kunsthistorische Museum oder den Heldenplatz gibt.

An die Pension denkt er vorerst nicht. Dafür mache ihm sein Beruf zu viel Spaß: "Taxifahren ist mein Hobby", lacht er. (Eva Zelechowski, 29. November 2010, daStandard.at)

*möchte anonym bleiben

  • "Ich bin ein Workaholic und kann es mir nicht vorstellen, einen Tag lang nicht zu arbeiten."
    foto: eva zelechowski

    "Ich bin ein Workaholic und kann es mir nicht vorstellen, einen Tag lang nicht zu arbeiten."

  • Ryszard macht seine "Buchhaltung" auf die altmodische Weise.
    foto: eva zelechowski

    Ryszard macht seine "Buchhaltung" auf die altmodische Weise.

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