Ein hartes Los: Fest-Hopping-Stress und Party-Druck

29. November 2010, 10:21
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Gerade um Weihnachten sind die Strapazen, denen die Bewohner von VIP-Land ausgesetzt sind, kaum zu ertragen

Krankheit? Arbeitslosigkeit? Schicksalsschläge? Harmlose Kinkerlitzchen - wenn man sich die Strapazen vor Augen hält, denen die Bewohner von VIP-Land ausgesetzt sind: Gerade um Weihnachten sind Fest-Hopping-Stress und Party-Druck kaum mehr zu ertragen

Die nette Kollegin war zufrieden - aber der PR-Mann schüttelte eine halbe Stunde später den Kopf: Schlau, sagte er, sei das nicht gewesen. Ob ich denn Lust auf Streit hätte?

Mein Gesicht dürfte „Bahnhof" gesagt haben. Darum setzte der PR-Mann nach: Ich hätte doch gerade der Kollegin von Puls4 ein Interview gegeben. Und wenn, setzte er fort, die Kollegin nicht neben der Spur stünde, würde sie ihre Story rund um den einen kleinen Satz zimmern. Weil es sonst eh nix zu erzählen gäbe. Und keiner mehr die ewigen Wir-sind-alle-lieb-Geschichten ertrage. Und dass mein - er grinste verschwörerisch - skandalöser Satz bis zu ihm durchgedrungen sei, spräche ja Bände.

Der Reihe nach: Martin Ho, der Betreiber der "Dots"-Sushilokale hatte in seinen „Brunnerhof" geladen. Anlässlich des fünften Geburtstages des kleinen, schicken Ho-Sushi-Imperiums war Wiens Vipperl-Szene samt Berufs- und Berufungsmitessern angetreten: Lauda, eine Ex-Miss, Frau Lugner. Allerlei TV- und Model-Darsteller. Marketing- und PR-Volk. Söhne, Töchter und andere, die dank des Ruhmes ihrer Vorfahren halbberühmt sind. Und die übliche Journalisten-Entourage.

Sager-Suche

Bloß: Wirklich rocken wollte der Abend themenmäßig nicht. Also geschah, was in Österreichs Adabei-Presse immer geschieht, wenn Journalisten suchen „Sager": Presse interviewt Presse. Das kommt häufig vor, ist in vielerlei Hinsicht bezeichnend - und schafft neue Semi-Promis.

Irgendwann stand ich also der netten Kollegin von Puls4 gegenüber. Sie wollte wissen, ob es nicht anstrengend sei, gerade in der Weihnachtszeit von einem Fest zu Fest zu ziehen. Ich gab die (unausgesprochen) erhoffte Antwort: Es sei ein Elend. Der Stress, von Party zu Party, von Buffet zu Buffet hirschen zu müssen, sei schon sonst grässlich - aber zu Weihnachten kumuliere das in Richtung unzumutbar. Wie sehr, sagte ich, seien Menschen zu beneiden, die sich bloß mit lapidaren Probleme wie Armut, Arbeitslosigkeit, schweren Krankheiten oder Drogenexperimenten der Kinder herum zu schlagen hätten! Wie glücklich könne schätzen, wer stets bezahlen müsse, was er konsumiert - und sich tagsüber als Supermarkt-Regalbetreuer, Parksheriff oder Drogeriekassiererin verwirklichen dürfe! Während die armen Promis ... blablabla.

Die Dame von Puls4 grinste unter ihren Ohrenschützern hervor. (Das Fest begann im Hof. Zwischen Heizschwammerln und Punschständen. Wer wollte konnte jederzeit ins Warme. Doch mancher Gast klagte, schutzlos den Elementen ausgesetzt zu sein). Und sie setzte nach: Daniel Serafin, Opernstar und Sohn des Mörbischers, erklärte sie, Daniel Serafin habe ihr gerade ausführlich erklärt, dass Partyhopping wirklich anstrengend sei. Und gerade in der Vorweihnachtszeit eine echte Belastung werden könne.

Ang´rennt

Ich tat, was man in VIP-Land nicht tut - und sagte, was ich mir dachte: Ob der junge Herr eventuell an den Folgen einer Kollision seines Kopfes mit einem harten Gegenstand laboriere und sich in einem posttraumatischen, teilumnachteten Geisteszustand befände, fragte ich. Allerdings etwas kompakter: „Wo is'n der ang'rennt?" Vielleicht war es ja auch „Is' der irgendwo ang'rennt?" Irgend so etwas. Eine Sekunde später war der Satz wieder vergessen.

Doch eine halbe Stunde später wuchs dann der PR-Heini aus dem Boden. Breit grinsend: Ob ich den jungen Serafin tatsächlich „ang'rennt" geheissen habe? Ob ich ihn dafür hielte? Ob ich die Attacke geplant hätte? Was ich gegen den Sohn des Gelsenkönigs hätte? Ob eine Frau im Spiel sei? Ob ich Lust auf Feinde hätte?

Und als mein Gesicht auf „Bahnhof" geschaltet hatte, erzählte er, dass sich das „ang'rennt" herumgesprochen habe. Dass es bloß eine Frage der Zeit sei, bis der somit Insultierte davon Wind bekäme. Wien sei klein. Der Tratsch schnell. Beleidigt sei jeder rasch. Und Nachhaltigkeit gäbe es hier nur beim Pflegen von Animositäten und Freund-Feind-Schemata. Wenn sich nun also herumspräche, dass ich, der Nicht-VIP, Daniel Serafin, Opernstar, Sohn und VIP, beleidigt hätte, dann ...

Na und?

Und? Was dann?, unterbrach ich. Der PR-Heini legte den Kopf schief, analysierte das gerade entworfene Eskalationsszenario - und zuckte schließlich mit den Schultern: Eigentlich nix, sagte er dann fast bedauernd. Gar nix. Im Grunde, sagte er, ist das nämlich wurscht. Komplett wurscht. Er machte eine Pause und meinte: Aber weißt du, ich glaube, vielen Leuten ist einfach fad. Und, setzte er fort, sie sind so von sich und ihrer Wichtigkeit eingenommen, dass sie aus so was nicht nur einen Konflikt basteln können, denn sie glauben sogar wirklich, ein hartes und anstrengendes Los zu haben.

Wir grinsten einander an, aßen noch ein paar Sushi, sahen den Jungmodels beim Jungmodelsein zu - und teilten uns ein Taxi zurück in die Stadt. Beim Aussteigen sah mir der Heini tief in die Augen. Ihm, sagte er, könne ich es doch sagen. Er würde es nicht weiter erzählen. Was, fragte er dann, hast du denn wirklich gegen den Daniel Serafin?

Ich wusste, dass es egal war. Trotzdem sagte ich die Wahrheit: Ich kenne Daniel Serafin nicht und habe noch nie mit ihm gesprochen. Doch der PR-Heini lachte nur: Ja, klar, sagte er, das musst du jetzt ja sagen. Aber, klopfte er mir auf die Schulter, ganz unter uns: Ich bin voll auf deiner Seite. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 29.11.2010)

  • Das Dots-Sushilokal im Brunnerhof bevor es von der VIP-Meute gestürmt wurde.
    foto: leisuregroup.at/rudolph

    Das Dots-Sushilokal im Brunnerhof bevor es von der VIP-Meute gestürmt wurde.

  • Martin Ho, der Betreiber der Dots-Lokale, hatte geladen und Niki Lauda war einmal mehr gekommen.
    foto: leisuregroup.at/rudolph

    Martin Ho, der Betreiber der Dots-Lokale, hatte geladen und Niki Lauda war einmal mehr gekommen.

  • Im Außenbereich war übrigens jener Paparotti-Sager in die Puls4-Kamera entstanden, der schnell die Runde machte.
    foto: leisuregroup.at/rudolph

    Im Außenbereich war übrigens jener Paparotti-Sager in die Puls4-Kamera entstanden, der schnell die Runde machte.

  • Und plötzlich stand Daniel Serafin, Sohn des "wunderbaren" Operettenkönigs Harald, im Mittelpunkt.
    foto: leisuregroup.at/rudolph

    Und plötzlich stand Daniel Serafin, Sohn des "wunderbaren" Operettenkönigs Harald, im Mittelpunkt.

  • Fazit: Meist werden in der hiesigen VIP-Szene ohnehin nur leere Dosen umgeworfen.
    foto: leisuregroup.at/rudolph

    Fazit: Meist werden in der hiesigen VIP-Szene ohnehin nur leere Dosen umgeworfen.

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