Das prüfende Peng am Stadtrand

28. November 2010, 19:35
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Bis zu 280.000 Waffen und Patronen werden jedes Jahr im Wiener Beschussamt geprüft - Die Spezialisten blicken auf eine 500-jährige Tradition zurück

Wien - Ein Schuss zerreißt die Idylle am Stadtrand. Beim Wielandweg, wo Wien-Donaustadt in niederösterreichisches Ackerland übergeht, geschieht das jeden Tag - außer am Wochenende. Kein Wunder, denn das Beschussamt ist eines des fleißigsten Ämter Österreichs. Bis zu 280.000 Schusswaffen und Patronen-Chargen werden hier jährlich auf ihre Sicherheit überprüft. Ohne Prüfzeichen darf nichts, was richtig Peng macht, in zivile Hände gelangen. Auch die Polizei vertraut die Kontrolle ihrer Dienstwaffen den beiden Beschussämtern in Wien und Ferlach an, nur das Bundesheer lässt sich nicht in den Lauf schauen und testet selbst.

"Die allererste Glock-Pistole wurde hier zugelassen", erzählt Franz Götz, der Leiter des Amtes, stolz. Die dem Wirtschaftsministerium unterstellten Waffenprüfer können überhaupt auf eine lange Berufstradition verweisen. Kaiser Maximilian I. ließ vor 500 Jahren erstmals Büchsen systematisch erproben. Der Grundgedanke, mangelhafte Schießeisen mit Selbstverletzungsgefahr auszusieben, ist gleich geblieben.

Heute müssen die Experten freilich nicht mehr selbst abdrücken. Die geladene Waffe wird in die Beschussmaschine eingespannt, der Abzug auf Knopfdruck hydraulisch betätigt. Durch ein Sichtfenster im schallgedämpften Gehäuse kann der Vorgang beobachtet werden. Es kommt "Überdruckmunition" zum Einsatz, die im Beschussamt selbst hergestellt wird. Die Spezialpatronen entwickeln beim Abfeuern einen bis zu dreißig Prozent höheren Gasdruck als für die Waffe zugelassen. Nur wenn sie dieser Belastung standhält, bekommt sie das amtliche Okay. Das Beschusszeichen wird nicht mehr wie früher mit kräftigen Schlägen ins Metall geprägt, sondern per Laser eingebrannt.

Geschossen wird übrigens in flachem Winkel in ein Wasserbecken. Sand als Geschoßstopper hat sich als unbrauchbar herausgestellt, weil durch den Abrieb eine für die Waffenprüfer gefährlich hohe Bleibelastung entsteht.

Was schiefgehen kann, ist im Beschussamt mit Beispielen aus der Praxis dokumentiert: geplatzte Läufe, abgesprengte Verschlüsse oder geborstene Patronenlager. Waffenwracks werden auch zur Begutachtung ins Beschussamt geschickt. Meistens seien Bastler, die mit selbstbefüllter Munition experimentieren, an Unfällen schuld, so Götz.

Auch Patronen müssen den Sicherheitstest bestehen. Um die Pulver-Maßhaltigkeit zu überprüfen, wird die Hülse angebohrt, damit der Gasdruck in der speziellen Abschussvorrichtung entweichen und gemessen werden kann. Jedes der 470 im Beschussamt aufliegenden Kaliber hat ein genormtes Höchstmaß. Herzstück der Gasdruckprüfanlage ist eine quarzgesteuerte Messeinheit, die Ergebnisse als Kurve auf dem Computerbildschirm darstellt. "Darum beneiden uns europaweit viele Beschussämter", so Götz.

Bei Großkunden erledigt das Beschussamt auch Hausbesuche. Wie zum Beispiel beim Flugzeughersteller Airbus. Die Aufgabenstellung: Testen der Schottwände, die im Frachtraum unter anderem die Löschleitungen schützen und verrutschtem Ladegut standhalten müssen. Für den Belastungstest erfanden die Waffenprüfer eine speziellen Versuchsanordnung mit Druckluftflaschen, mit denen Aluminiumkugeln mit einem Durchmesser von 12,7 Millimetern auf die Schottwände abgefeuert werden konnten.

Weit häufiger geht es aber um herkömmliche Tests. Auch Privatpersonen, die zum Beispiel Waffen geerbt haben, können diese beschießen lassen. Und dann gleich ausprobieren, denn am Wielandweg gibt es auch mietbare Schießstätten. Wohl auch deswegen hat das Beschussamt am Stadtrand keine unmittelbaren Nachbarn. (Michael Simoner/DER STANDARD, Printausgabe, 29. November 2010)

  • Selbst abdrücken müssen die Mitarbeiter im Beschussamt nur mehr indirekt. Ein Knopfdruck sorgt dafür, dass die Beschussmaschine die Spezialmunition abfeuert.
    foto: der standard/robert newald

    Selbst abdrücken müssen die Mitarbeiter im Beschussamt nur mehr indirekt. Ein Knopfdruck sorgt dafür, dass die Beschussmaschine die Spezialmunition abfeuert.

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