Weiß bleibt schwarz

  • Emily Jane White: "Ode To Sentience" (Talitres, 2010)
    coverfoto: talitres

    Emily Jane White: "Ode To Sentience" (Talitres, 2010)

Die kalifornische Songwriterin Emily Jane White wandelt auf ihrem dritten Album "Ode To Sentience" erneut auf schattigen Pfaden - sie kann nicht anders

Auch ein schlichtes Oh-oh-ohu-ohu-oh-ho füllt sie mir nichts dir nichts mit herzbrecherischer Substanz. So eine ist Emily Jane White nämlich. Aus titelgebenden Schlüsselwörtern könnte der flüchtige Betrachter sich anmaßen abzuleiten, dass sich die thematische Ausrichtung sich auch auf Ode to Sentience, dem dritten Album der Kalifornierin, nicht geändert habe. Und er würde ins Schwarze (sic!) getroffen haben. Adjektiva wie broken, clipped oder black (mehrfach) machen deutlich: dies bleibt die Zeit der Mühsal.

White, im provinziellen Fort Bragg geboren, erlag bald den Verlockungen San Franciscos, wo sie heute noch ihre Basis hat. Es folgten Collegeband-Erfahrungen, das Vertrauen in ihre Solokunst erlangte sie jedoch erst im französischen Exil. Ebendort formierte sich mittlerweile - auch als Folge intensiven Tourens -  offenbar eine überzeugte Anhängerschaft. Ihre Reiseroute führte White Anfang November auch für zwei Abende nach Österreich. Mit Tanja Frinta, der Sängering von Lonely Drifter Karen, besteht Freundschaft welche auch bereits punktuell berufliche Kollaborationen nach sich zog. Oder umgekehrt.

Auf dem Cover von Ode to Sentience dreht die 29-Jährige uns (also der Welt der Menschen) - sinnend hingefläzt in dunkler Waldung - den Rücken zu. Folgerichtig, dass White Erfahrungen von Isolation als einen bestimmenden Antrieb für ihre Kunst nennt. Für die leichte Muse ist sie verloren: "Ich schreibe keine fröhliche Musik. Ich bin fühle mich dazu hingezogen, traurige Lieder zu schreiben.  Ich glaube, das ist mein Job." Doch man muss sich keine Sorgen machen. Miss White kommt mit ihrer Rolle als Exponentin von Dunkelfolk (Verwandtschaft von Leonard Cohen bis Nina Nastasia) klar.

Musikalischen Ausdruck findet diese in flinkfingerig gepickter akustischer Gitarre, montiert mit schmerzlichem Schmelz vom Chello und untergehobenen Prisen halbmundigen Grams aus elektronisch verfremdeter Saite. Das gibt eine exquisit-subtile Melange mit prononcierter Hochnebelnote. Oder kurz gefasst: Grundgütiger, wie ist das zum Weinen schön!

Emily Jane White live: Requiem Waltz

Zentrales Stück (nicht nur weil fünftes von zehn): I Lay To Rest (California), ein recht komplexes Operchen komplett mit falschem Schluss und Coda. In The Cliff, dem kompaktesten Stück des Albums, eingespielt mit dem bewährten Personal des Vorgängers, kontrastiert ein beschwingt akzelerierter Golden-Gate-Countrysound mit Suizidbetrachtungen.

Selbstbeobachtung, auch wenn es weh tut, Beschäftigung mit menschlichen Beziehungen (und ihrem Scheitern), die Zumutungen einer Geworfenheit in die Welt: White packt an, worüber oft lieber nicht gesprochen wird, und geht recht in der Annahme, dass die Bearbeitungen eigener Erfahrungen in Moll bei nicht so Wenigen auf Widerhall treffen werden. Oh süßes Herunterziehen! Existenzialismus in Blümchenkleid und Ballerinas. In Schönheit stirbt eben nicht nur die holländische Fußball-Nationalmannschaft.

There is a crack in my facade, you ain't seen what I saw - heißt es im bewegenden The Law. Und ja, wer tiefer und hinter Oberflächen blickt, den erwarten oft unschöne Endeckungen. Eine nachdenkliche junge Frau ist sich darüber natürlich im Klaren. (rob)

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