Der Staat als Heuschrecke?

28. November 2010, 18:43

Warum die geplante Kursgewinnsteuer mehr mit Hedgefonds-Praktiken gemein hat denn mit einer weitsichtigen Finanzpolitik - Paul Severin

Mit der Einführung einer Kursgewinnsteuer ("Capital gains tax") übernimmt der Staat Praktiken, die man in der Finanzbranche eigentlich nur von Hedgefondsanbietern kennt. Auch Hedgefonds heben von den Investoren bei entsprechender Performance (Kurszuwachs) eine Zusatzgebühr ("Performance-Fee") ein. Im Unterschied zu der 25-Prozent-Steuer, die bei uns in Österreich geplant ist, fällt bei den Hedgefonds diese Gebühr allerdings erst an, wenn mit der Veranlagung ein bestimmter Mindesterfolg erreicht wurde. Die Gebühr wird also gestaffelt.

Vater Staat nimmt aber immer 25 Prozent weg! Der Anleger, der auch das Risiko der Veranlagung trägt, wird somit bestraft. Wenn es mit der Veranlagung nämlich danebengeht, muss der Anleger einen mühsamen Weg beschreiten und im Rahmen der jährlichen Steuerveranlagung Verluste geltend machen - sofern er diese überhaupt mit eventuellen Gewinnen aus anderen Geschäften gegenrechnen kann.

Durch diese Steuer kommt es zu folgenden Situationen: Derzeit sieht der Gesetzesentwurf nicht vor, dass wirtschaftliche Gegengeschäfte als eine Einheit gesehen werden. Am Beispiel einer US-amerikanischen Aktie, die in US-Dollar notiert, lässt sich dies gut erläutern. Die Aktie weist ein Dollar-Währungs-Risiko auf, das über einen Devisenterminkontrakt abgesichert werden soll. Mit der neuen Steuer werden Aktie und Devisentermingeschäfte vom Finanzamt nicht als wirtschaftliche Einheit gesehen, obwohl das der Fall ist. Wertet der US-Dollar beispielsweise um 25 Prozent ab, so kassiert der Staat 25 Prozent des Ertrags des Absicherungsgeschäfts in Form von der Kursgewinnsteuer. Durch die Steuer kommt es daher zu einer Schieflage, da zu wenig abgesichert wurde. Sollte das Absicherungsgeschäft im Nachhinein gesehen allerdings nicht notwendig gewesen sein, kann man den Verlust nur auf dem Weg der Veranlagung geltend machen, sofern man einen eventuellen Gewinn gegenrechnen kann.

Ein weiteres Beispiel zum Thema "Unterdeckung". Eine Veranlagung, die eine jährliche Rendite von sieben Prozent abwirft, verdoppelt sich grob gerechnet alle zehn Jahre. Mit Einführung der Kursgewinnsteuer werden am Ende der Laufzeit (und bei aktiv verwalteten Veranlagungen auch während der Laufzeit) 25 Prozent des Substanzzuwachses versteuert. Damit kommt es zu einer Unterdeckung bei Krediten, die mit Tilgungsträgern bedient werden. Auch sonst muss jeder Einzelne die Sparquote um den Steuereffekt erhöhen. Indirekt wirkt sich das negativ auf den privaten Konsum aus.

Ein weiterer unerwünschter Effekt ist, dass Veranlagungsprodukte künftig viel mehr nach Steuergesichtspunkten ausgerichtet werden, und damit wird diese Steuer auf die Veranlagungsstrategien vieler Produkte direkt Einfluss nehmen. Dies wird steuermotivierte Transaktionen provozieren und damit die Transaktionskosten erhöhen.

Auf jeden Fall wird die Risikobereitschaft der Anleger unter der Steuer leiden. Welcher Anleger ist bereit, Risikokapital zur Verfügung zu stellen, wenn im Falle des Erfolgs 25 Prozent an den Fiskus abzutreten sind?

Die Konsequenz wird sein, dass Anleger künftig entweder noch konservativer, oder im Gegenteil extrem riskant veranlagen werden. Anleger werden nach dem Motto "Hopp oder dropp" geradezu in "Hebelprodukte" hineingezwungen, die zuletzt besonders stark kritisiert wurden.

Es ist auch zu hoffen, dass der Gesetzgeber für die zweite Säule (private Pensionsvorsorge) noch Korrekturen vornimmt. Erst jüngst wurde die prämienbegünstigte Zukunftsvorsorge adaptiert. Zum Beispiel könnten durch die Einrichtung eines Pensionskontos bestimmte Produkte seitens des Gesetzgebers (oder FMA) für die Pensionsvorsorge als geeignet klassifiziert werden. Diese könnten wie bereits die prämienbegünstigte Zukunftsvorsorge für das Ziel der privaten Vorsorge steuerbefreit werden (aber bitte nicht nur Versicherungen). Anleger könnten damit selbst entscheiden, was mit ihrem Geld passiert.

Die Globalisierung ist in der Finanzwelt Realität. Nirgendwo sonst herrscht weltweit eine so hohe Transparenz. Geld findet immer den Weg der Stabilität, geringer Kosten und niedriger Steuern.

Die jetzige Maßnahme führt dazu, dass der Finanzplatz Österreich massiv geschwächt wird. Die Steuer wird die kleineren und mittleren Vermögen treffen, die jetzt schon die höchste Steuerlast tragen. Kapital und Vermögen wird aus Österreich in Richtung Steuerparadiese abgezogen, die erwarteten Steuereinnahmen werden unter den Erwartungen bleiben. Am Ende des Tages wird der Staat erkennen, dass er wie eine Heuschrecke vieles zerstört hat. Das Anknabbern des grünen Pflänzchens "Österreichischer Kapitalmarkt" wird das Wachstum auf Jahre hinaus bremsen. Kann dies vom Fiskus gewünscht sein? Sollte es nicht vielmehr Ziel sein, an der Erholung der Finanzwirtschaft teilzuhaben anstatt den Aufschwung zu behindern? (Paul Severin, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.11.2010)

Paul Severin ist Präsident der Österreichischen Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Management (ÖVFA).

1) Der zugehörige Aufmacher des "Wirtschafsblatts" befasste sich damals (März 2007) allerdings mit den Investitionspraktiken österreichischer Großunternehmen.

 

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    Posting 1 bis 25 von 104
    1 2 3
    keine namen bitte
    41
    29.11.2010, 20:17
    haha!

    der anleger als philantrop. soll man ihn denn noch bestrafen wenn er schon für uns alle das risiko der veranlagung auf sich nimmt. wirklich bedauernswert diese märtyrer an den börsen. drohen unter der ganzen lasten der gesellschaftlichen verantwortung zu ersticken. bitte, wo kann ich spenden?

    der mit den Schlümpfen tanzt
    00
    30.11.2010, 10:37

    man merkt sie haben nichts verstanden! sie sollten der SPÖ beitreten, oder besser den Grünen.

    Helmut Mayer
    01
    29.11.2010, 19:59
    Kann mir jemand...

    ...erklaeren, warum eine 1-Promille Transaktionssteuer "das Kapital" ins Ausland fluechten anlaesst (angeblich), aber eine 25-Prozent Gewinnsteuer dies nicht tut?
    Fuer Politiker uebersetzt "die Transaktionssteuer wird dann auf die Kunden uebertragen, eine 250-fach hoehere aber nicht"!?
    Ich mag ein bisschen naiv sein, aber ich wuerde lieber 1 Promille als 25 Prozent zahlen...

    x x5
    00
    2.12.2010, 23:55

    weil die Transaktionssteuer auf die (wegen des Leverage extremst hohen) Umsätze geht und die Spekulationssteuer nur auf die tatsächlich erzielten auf die Gewinne:

    Beispiel: Daytrading mit DAX-Futures:

    Ein einziger Roundturn (= Kauf + Verkauf eines Futures) bedeutet einen Umsatz von 7000*25*2 = 350,000 EUR --> Transaktionssteuer (0.1%) = 350 EUR

    Dh auch wenn kein Gewinn oder sogar ein Verlust entstanden ist müsste beim Kauf + Verkauf eines einzigen DAX-Futures 350 EUR Steuer bezahlt werden.

    Ähnlich ist es natürlich im Forex-Bereich wo mit Wertdifferenzen die sich 4 Stellen hinter dem Komma befinden gehandelt wird.

    Foromat
    00
    30.11.2010, 13:57

    Die Frage ist, was sie genau unter einer Transaktionssteuer verstehen und wir sie implementiert ist.

    Bis dato hör ich von hiesigen (linken) Politikern (und ihren Kampfpostenden Kohorten im Standardforum) immer nur Finanztransaktionsteuer, aber wie die im Detail gestaltet sein soll (für die einzelnen Instrumente wie Wertpapiere, FX , Geldmarkt (&Kredite), Zinsderivate ).

    Warentester
    01
    30.11.2010, 01:23

    Weil große, institutionelle Anleger von der Steuervon der Steuer ausgenommen sind. Die zahlen auch weiterhin nichts, warum sollten sie also flüchten? Treffen tut's nu die Kleinen, die schwer flüchten können.

    Foromat
    00
    30.11.2010, 13:50

    können sie erklären warum institutionelle Anleger keine Steuer zahlen ?

    Ganz im Gegenteil, alle Hedgefonds, institutionelle, juristische Personen (GmbH, AG) haben schon bis dato für ALLE Gewinne Steuern gezahlt, nämlich KÖST.

    Wenn ich als GmbH mit meinem Kapital eine Investion tätige und den Gewinn realisiere, dann fällt dieser Gewinn unter die Körperschaftsteuer.

    Warentester
    00
    30.11.2010, 14:24

    Ja, aber bei den internationalen Finanzkonzernen ist die KöSt stets weit von 25% Prozent. Schauen sie sich an was die so an Steuer zahlen: liegt fast immer im unteren Einstelligen Prozentbereich. Ganz besondere Akrobaten schaffen es allerdings auch immer wieder mal, auf eine negative Steuerquote zu kommen.

    Foromat
    00
    30.11.2010, 21:08

    wenn ich den handel mit wertpapieren zu meinem geschäft mache dann muss ich meine Gewinne versteuern und kann meine verluste vortragen (so wie wenn ich mit erdäpfeln handeln würde)

    finanzkonzerne sind steuerlich nicht bevorzugt ggü anderen unternehmen.

    Hugo Wiesinger
    01
    29.11.2010, 17:50
    Inkompetente Politik

    kann nichts anderes als den Staat zu ruinieren.
    Dank Demokratie ist das Volk "selber schuld".

    Raunzerle
     
    02
    29.11.2010, 17:42
    Steuersteuer von der Steuer

    ein lustiges Modell, dass sich über Jahre bewährt hat.

    1. Ich versteuere mein Einkommen, lege es auf die Bank und zahle wieder Steuern - KEST

    2. Beim Tanken zahle ich Mineralölsteuer und vom somit versteuerten Betrag Mehrwertsteuer

    3. Ich erwerbe Eigentum mit meinem versteuerten Vermögen und zahle Grunderwerbssteuer

    4. Jetzt spare ich weiter um mir mein Leben im Alter zu finanzieren. Notwendig, weil sich der Staat aus seiner Verantwortung nimmt, und wieder wird lustig kassiert.

    Das Ganze hat mich krank gemacht - ich habe Tinnitus auf den Augen. Egal welche Partei, ich sehe nur Pfeifen.

    rumps 2
    00
    29.11.2010, 18:52
    wenn sie ihr Eink auf die Bank legen sind sie wohl nicht die Zielgruppe

    europa fassen
    02
    29.11.2010, 15:43
    Wenn ich ein Jahr gut verdiene und im nächsten Jahr

    arbeitslos bin, dann werde ich von der Lohnsteuer keinen Cent zurück bekommen.

    Wieso soll das bei Aktiongewinnen, die ja soundso noch immer viel besser behandelt werden, als Einkommen auf Leistung, anders sein?

    Salomon1969
    00
    30.11.2010, 17:50

    Wenn Sie nichts verdienen haben Sie aber noch lange keinen Verlust... Das ist etwas völlig anderes!

    Foromat
    00
    30.11.2010, 13:58

    aber sie bekommen arbeitslose , oder ?

    ist doch was.

    DerMäx
    00
    29.11.2010, 19:11

    Deshalb arbeitet der kühle Rechner immer von Juli bis Juli, macht ein Jahr Schaffenspause, arbeitet wieder von Juli bis Juli,.........

    Ist im Endeffekt gar nicht soviel, was man dabei verliert. Gutbezahlter Job natürlich vorausgesetzt, den man halt auch nach Belieben ausführen kann.

    Willi Kuhdungl
    12
    29.11.2010, 15:16
    Will man mühsam was in Fonds für die Pension ansparen, frisst der Saat mit.

    Von dem wenigen das netto bleibt, will man in Erwartung einer mickrigen Pension ab 70 was mühsman ansparen und nun kommt der Staat und bedient sich auch dabei.

    Orionos
    10
    29.11.2010, 19:03
    Nicht nur der Staat ...

    vor allem auch VERSICHERUNGEN und BANKEN !

    Kühnemund
    24
    29.11.2010, 15:00
    Nur Neid

    wenn man sich die Kommentare so durchliesst muss man feststellen dass jeder jedem alles neidig ist.
    Der Politiker hat somit seine Arbeit gut gemacht, das Ziel ist erreicht, das Volk wird gegeneinander aufgehetzt.
    Jedes Steuersystem ist unfair. An einigen erkennt man es deutlich an einigen nicht ganz so deutlich.
    Fakt ist, dass der Staat den einzelnen immer tiefer in die Tasche greift. Warum? Weil er sich bis jetzt nicht gewehrt hat. Einen Schuldigen, warum man für das selbe jetzt mehr zahlen muss hat der Politiker auch immer bereit ("die Spekulanten", "die Banken",...) Das Wählvieh fällt eh immer wieder drafu rein und wählt den selben.
    Steuern sind Raub am Eigentum mit staatlicher Gewalt, wer das nicht kappiert hat wählt Sklaverei.

    senf_drauf
    02
    29.11.2010, 16:52
    je mehr Steuern eingehoben umso unfairer wird das System

    es gibt keine Steuergerechtigkeit.

    fem.-jüd.-islam. freimaurer-bilderberger, reptiloid
    13
    29.11.2010, 13:36
    Vater Staat nimmt aber immer 25 Prozent weg!

    ich heul gleich. die zwei größten budgetposten: mehrwertsteuer und lohnsteuer. den arbeitern und angestellten wird, obwohl sie das ganze risiko alleine tragen (es droht arbeitslosigkeit etc), so viel genommen.

    icybobo
    01
    29.11.2010, 14:37
    Ist ja nicht so dass ich jetzt lohnsteuerbefreit bin nur weil ich Aktien hab

    Ich zahl zusätzlich zu den 50% auf Arbeit jetzt noch 25% auf meine Aktiengewinne. Von Möst etc gar nicht zu reden...!

    fem.-jüd.-islam. freimaurer-bilderberger, reptiloid
    10
    29.11.2010, 14:41

    na, dann sei doch für erbschaftssteuern.

    icybobo
    00
    29.11.2010, 19:20
    bin ich dagegen?

    Ja, wenn ich die AUCH NOCH zahl, wenn ich 20 Jahr mal ein Häusl erb.

    Wenn dafür die Lohsteuerprogressionsstufen angehoben werden - liebend gern. Das wirds aber net spielen, wenn ma wieder großzügige Abliderungen für die kleinen Erben einführen...

    fem.-jüd.-islam. freimaurer-bilderberger, reptiloid
    00
    29.11.2010, 20:38

    lst und mwst runter, erbschaftssteuern (saftige)! weil erben mit leistung nix zu tun hat!

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    Posting 1 bis 25 von 104
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