"Erstarken Asiens ist Herausforderung für den Westen"

28. November 2010, 18:09
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Für Markku Wilenius wird der Aufstieg Asiens in seinen Auswirkungen auf Europa unterschätzt. Das Kippen der Alterspyramide berge zusätzlich Sprengstoff

Standard: Ihr Job besteht darin, die Zukunft vorauszusehen. Schwierig?

Wilenius: In der Tat, zumal es viel mehr Unsicherheiten gibt als früher. Auch wenn wir jetzt langsam, aber sicher aus der Wirtschaftskrise herauskommen, die Orientierung fällt zunehmend schwer.

Standard: Was ist der Grund?

Wilenius: Das hat mit der Globalisierung zu tun. Handel spielt sich nicht mehr innerhalb nationaler Grenzen ab, er findet weltweit statt - ein großer Unterschied zu früher. Auch der technologische Fortschritt trägt dazu bei, dass die Welt komplexer wird. Die Finanz- und Wirtschaftskrise, die im Herbst 2008 ihren Lauf genommen hat, ist selbst Folge dieser gestiegenen Komplexität. Während die Finanzströme die nationalen Grenzen längst überwunden haben, ist die Aufsicht zum Großteil noch immer national verfasst.

Standard: Welche großen Trends zeichnen sich ab?

Wilenius: Die Alterung der Gesellschaft ist einer der ganz großen. Damit geht eine dramatische Veränderung der Nachfrage einher. 2030 wird beispielsweise statt 15 Prozent knapp ein Drittel der österreichischen Bevölkerung 65 Jahre alt sein oder älter. Immer weniger aktiv Beschäftigte müssen immer mehr ältere Menschen erhalten. Das birgt sozialen Sprengstoff. Leider gibt es noch wenig Verständnis, was das bedeutet.

Standard: Politiker sagen, alles kein Problem, das Pensionssystem ist im Prinzip sicher, es genügen kleine Anpassungen.

Wilenius: Politiker sagen alles, um wiedergewählt zu werden. Oft haben sie aber auch gar nicht die Instrumente, langfristige Auswirkungen richtig einzuschätzen. Andernfalls würden sie wohl doch radikale neue Lösungen zumindest mitdenken. Das Problem ist, dass wir noch immer im alten Modell verhaftet sind, während die gesellschaftliche Entwicklung schon Riesenschritte weiter ist.

Standard: Was wäre zu tun?

Wilenius: Wir müssten wegkommen von der Vorstellung, dass jeder und jede ab einem gewissen Alter automatisch in Pension geht. Wir brauchen ein flexibleres System. Natürlich sollen die Menschen, die nicht mehr in der Lage sind zu arbeiten, in den Ruhestand treten. Aber das ist sicher nicht die Mehrheit.

Standard: Wir sollten also die Grenze zwischen Berufsleben und Pensionsantritt abschaffen?

Wilenius: Das hätte man schon vor zehn Jahren machen sollen. Auch jetzt wird es nicht ruck, zuck gehen, leider.

Standard: Aber wir müssen das jetzt diskutieren?

Wilenius: Nicht nur diskutieren, auch die Weichen stellen.

Standard: Außer Überalterung ...

Wilenius: ... zeichnet sich ein weiterer Trend ab: das Erstarken der asiatischen Volkswirtschaften infolge der Globalisierung. Das stellt den Westen vor viel größere Herausforderungen, als wir glauben.

Standard: Inwiefern?

Wilenius: Das Gleichgewicht zwischen Ost und West wird sich zugunsten des Ostens verschieben. Wir sehen nur die Märkte, wohin wir unsere Produkte verkaufen können. Was wir nicht sehen, ist der gewaltige Ressourcenverbrauch, der damit einhergeht. Wir steuern Engpässen entgegen, die Preise werden in die Höhe schießen, und damit werden Dinge an die Oberfläche gespült, die wir in Europa schon für überwunden geglaubt haben: etwa Armut.

Standard: Engpässe bei Rohstoffen, Klimawandel: Könnte das nicht auch Chancen bergen - Stichwort Umwelttechnologien?

Wilenius: Gewiss ist es eine Chance. Die Frage ist nur, ob es auch eine für Europa ist. Denn auch bei grünen Technologien hat Asien stark aufgeholt. Die Chinesen kopieren nicht nur Technologie, sie verstehen sich inzwischen auch auf Innovationen.

Standard: In den 1980er-Jahren sind viele Manager von überall her nach Japan gepilgert, um von der damals dynamischsten Volkswirtschaft der Welt zu lernen. Tatsächlich ist Japan dann in eine lange Phase der Stagnation gerutscht. Warum?

Wilenius: Der Erfolg Japans beruhte auf den starken Unternehmerfamilien und dem starken Export. Dann aber passierten drei Sachen: Erstens funktionierte das, was bisher erfolgreich war, in einer Welt mit vielen neuen Playern nicht mehr. Zweitens ist die Alterspyramide in Japan früher gekippt als anderswo. Folge war, dass das Wachstum eingebrochen ist. Selbst die höhere Produktivität konnte das nicht wettmachen.

Standard: Könnte dasselbe auch China blühen?

Wilenius: Das wird dort in rund 20 Jahren passieren. China wird aufgrund der Ein-Kind-Politik in ein noch viel tieferes Loch fallen. Bei Japan kommt übrigens noch etwas hinzu: Die haben nie verstanden, dass es wichtig ist, Humankapital zu importieren. In Japan findet man selbst jetzt kaum ausländische Arbeitskräfte.

Standard: Europa ist in einer besseren Situation?

Wilenius: Ja, weil wir eine viel heterogenere Gesellschaft sind. (Günther Strobl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.11.2010)

Markku Wilenius (49) ist Professor für Zukunftsforschung und Direktor des Zentrums für Zukunftsforschung an der finnischen Wirtschaftshochschule Turku. Wilenius ist außerdem Vorstandsmitglied des Club of Rome und berät den Versicherungskonzern Allianz in Zukunftsfragen.

  • Markku Wilenius: "Politiker sagen alles, um wiedergewählt zu werden."
    foto: allianz

    Markku Wilenius: "Politiker sagen alles, um wiedergewählt zu werden."

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