"Schule verantwortet ein Drittel der Pisa-Leistung"

28. November 2010, 17:35
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Günter Haider, bis 2007 Pisa-Österreich-Chef, über aussortierte Risikoschüler, blockierende Lobbys, neue Problemzonen und die alte Schwachstelle im heimischen Schulsystem: das Lesen

STANDARD: Muss sich Österreich fürchten vor der neuen Pisa-Studie, die am 7. Dezember gelüftet wird?

Haider: Niemand muss sich fürchten, wenn er sich bemüht hat. Pisa stellt fest, was Österreichs Bemühungen letztendlich real an Schülerleistungen erbringen. Österreich bekommt ein Zeugnis im Vergleich mit anderen Ländern.

STANDARD: Wer kriegt das Zeugnis? Schüler? Lehrer? Die Politik?

Haider: Das Zeugnis enthält eine Gesamtnote, für alle Anstrengungen von Schülern, Eltern, Lehrern und Schulpolitik. Nehmen wir die Lese-Ergebnisse: Zwischen dem sechsten und achten Lebensjahr lernen die Kinder fließend und sinnerfassend lesen. Familiäre Unterstützung ist wichtig, also, ob dem Kind viel erzählt und vorgelesen wird, wichtig ist die Sprachförderung im Kindergarten, eine gute Volksschule, aber auch die Anstrengung des Schülers. Die Summe bestimmt den Erfolg.

STANDARD: Wird rund um Pisa zu sehr nur auf die Schule gestarrt?

Haider: Bei Leseschwäche liegt's oft nicht an der Schule allein. Hier muss auch der Zusammenhang mit dem Elternhaus, mit den sozioökonomischen Faktoren und der vorschulischen Erziehung beachtet werden. Für Lehrer als Experten fürs Lesenlernen gilt allerdings eine erhöhte Ergebnisverantwortung.

STANDARD: Wo stößt die beste Schule an ihre Grenzen?

Haider: Mangelnde Begabung, fehlende Förderung durch die Eltern, negative Einflüsse von Freunden oder Medien können Pädagogen nie ganz ausgleichen. Bei optimaler Gestaltung des Kindergartens, gutem Unterricht und Zusatzförderung etwa in einer Ganztagsschule kann aber vieles kompensiert werden. Dieser Schulteil hat am Endergebnis einen Anteil von 20, vielleicht 30 Prozent. Schule verantwortet also nur ein Drittel.

STANDARD: Es geistern schon wilde Spekulationen herum, vom Absturz ist die Rede – zu Recht?

Haider: Manche Medien lieben halt die Dramatisierung. Das Zeugnis gibt's am 7. Dezember um 11 Uhr. Tatsache ist, dass unsere Schüler bei den letzten Pisa-Studien erhebliche Schwächen gezeigt haben, vor allem im Lesen. Sprach- und Leseunterricht und Förderung vor und in der Schule erwiesen sich als zu wenig effektiv. Und Achtung, entscheidend war ja in Pisa 2009 der Unterricht zwischen 1999 und 2002, damals haben diese Schüler lesen gelernt. Maßnahmen wie die kleineren Klassen konnten noch nicht wirken, und die Standards kommen erst 2012. Es dauert immer eine ganze Weile, bis Reformen in der Realität etwas bewirken und das in Pisa ankommt.

STANDARD: Lesen ist zum zweiten Mal Pisa-Schwerpunkt. Welche Sprünge sind realistisch in einem Jahrzehnt?

Haider: Um innerhalb von zehn Jahren wirklich durch die Schule etwas Substanzielles zu bewegen, muss man an verschiedensten Stellen – im Kindergarten, bei Unterrichtsmethoden, Rahmenbedingungen, Lehrerbildung – gleichzeitig optimieren. Erinnern Sie sich noch an die Zukunftskommission?

STANDARD: Von Ministerin Elisabeth Gehrer (ÖVP) eingesetzt, Sie waren der Vorsitzende, und der Abschlussbericht ist 2006 offenbar in einem Aktenschrank gelandet ...

Haider: Wir haben ein umfassendes Reformkonzept vorgelegt, das von der Schulorganisation über Lehrerausbildung und Unterstützungssysteme bis zu Bildungsstandards reicht. Zuerst geschah wenig bis gar nichts. Erst unter Unterrichtsministerin Schmied wurde in den letzten Jahren Wichtiges auf den Weg gebracht. Vieles steht noch immer aus. Trotz wachsenden öffentlichen Drucks geht's aber zu langsam, die politischen Prozesse sind bei uns unglaublich kompliziert und werden von einflussreichen Lobbys massiv behindert. Und die Ressourcen kommen zu wenig im Unterricht an.

STANDARD: Wer ist denn politisch "schuld" an diesem Pisa-Ergebnis?

Haider: Die Schulpolitik der letzten zehn bis 15 Jahre hat die notwendigen Verbesserungen weitgehend verweigert. Mängel und Ursachen sind ja längst bekannt. Es gibt ja nicht nur Pisa. Die Wirtschaftskammer erinnert uns regelmäßig, dass die Schüler, die in die Lehre wollen, größte Mängel im Lesen, Schreiben, Rechnen haben. Es tönt aus vielen Ecken, dass Schüler in den Grundkompetenzen immer schlechter werden und auf die Weiterbildung schlecht vorbereitet sind. Man hätte längst energischer reformieren müssen.

STANDARD: Aber das heißt doch: Die österreichische Schule versagt total in ihrem Kerngeschäft.

Haider: Das klingt zu dramatisch, in Mathematik und Naturwissenschaft lagen wir 2006 immerhin im Mittelfeld. Aber in Lesen gab's zuletzt wirklich alarmierende Werte, vor allem etwa 22 Prozent extrem leseschwache Schüler, vor allem Buben. Die besten Länder hatten ungefähr sechs Prozent. Die Reduktion dieser Lese-Risikogruppe wäre die vordringlichste Aufgabe für alle Verantwortlichen. Da ist die Lehrerbildung gefordert, denn im Unterricht müssten die Schwächen besser erkannt und gezielter beseitigt werden. Da versagt Schule in Österreich in einem erheblichen Ausmaß.

STANDARD: Bedeutet ein schlechtes Pisa-Ergebnis, dass die Lehrer in dem Land schlecht sind?

Haider: Ich sage es so: Die Lehrerschaft kann nicht besser sein, wenn Personalauswahl, Ausbildung und Rahmenbedingungen so sind, wie sie sind. Oft sind Lehrer Leidtragende des Systems und leisten vor allem in den Pflichtschulen Schwerstarbeit, weil wir ja die schlechten Leser gezielt aussortieren und in Gruppen der Schwächsten zusammenfassen. So sind Leistungsgruppen in den Hauptschulen pädagogisch wenig effektiv. Und es entwickeln sich weitere Problembereiche. Der Zugang zu den Fach- und Handelsschulen verändert sich dramatisch. Dort landen immer mehr Risikoschüler, darunter viele Migranten mit Sprach- und Leseproblemen. Wieso? Weil sie in den Berufsschulen nicht unterkommen. Da gibt's als Türsteher nämlich Lehrherren, die niemanden gern nehmen, der nicht gut Deutsch kann, nicht ordentlich lesen und schreiben.

STANDARD: Beliebte Ausrede nach Pisa sind ja die Kinder mit Migrationshintergrund – ruinieren sie das österreichische Ergebnis?

Haider: Eine solche Schuldzuweisung wäre ungerecht – diese Kinder haben ja nichts angestellt und bedürfen in ihrer speziellen Lage besonderer Förderung, die in Österreich zu schwach ist. Übrigens: Drei Viertel der Risikoschüler sind schließlich Einheimische. Im Jahrgang 1993 gibt's rund 15 Prozent Migranten, Tendenz steigend. Schon 2003 und 2006 war der Abstand zu den Einheimischen groß, bis zu 60, ja 70 Punkte. Aber Kinder mit Migrationshintergrund stammen gerade in Österreich oft aus sozioökonomisch niedrigeren Schichten, bildungsfernen Familien. Vergleicht man sie mit einheimischen Schülern aus ähnlichen Schichten, dann verschwindet ungefähr ein Drittel des Unterschieds. Es bleibt aber noch eine erhebliche Differenz, die größer ist als in vielen anderen Ländern.

STANDARD: Wird die neue Pisa-Studie etwas dazu sagen, ob eine gemeinsame Schule von Vorteil ist für die Reduktion der Risikoschüler?

Haider: Für eine solche direkte Folgerung wurde die Pisa-Studie nicht geschaffen. Es ist aber schon bemerkenswert, dass unter den führenden Ländern sehr viele mit einem gesamtschulartigen System sind und wenig Risikoschüler haben. Viele schlechte Schüler fallen in unserem selektiven System durch das Sieb langsam nach unten. In Gesamtschulen jedoch kann man niemanden abschieben. Daher sind die Förderungsmaßnahmen energischer und individueller. Das kann in Summe schon eine Menge ausmachen.

(Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, Printausgabe, 29.11.2010)

GÜNTER HAIDER (58), Erziehungswissenschafter und Psychologe, leitete bis 2007 die Pisa-Studie in Österreich, seit 2008 ist er neben Josef Lucyshyn Direktor des Bundesinstituts für Bildungsforschung, Innovation und Entwicklung des österreichischen Schulwesens (Bifie).

  • "Alarmierende Werte in Lesen": Die letzte Pisa-Studie wies für  Österreich 22 Prozent leseschwache Schüler aus. Die besten Länder haben  nur sechs Prozent Risikoschüler, sagt Günter Haider.
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    "Alarmierende Werte in Lesen": Die letzte Pisa-Studie wies für Österreich 22 Prozent leseschwache Schüler aus. Die besten Länder haben nur sechs Prozent Risikoschüler, sagt Günter Haider.

  • Pisa-Studie - Schwerpunkt Lesen
    grafik: standard

    Pisa-Studie - Schwerpunkt Lesen

  • PISA-Studie - Entwicklung seit 2000
    grafik: standard

    PISA-Studie - Entwicklung seit 2000


  • WISSEN

    Die von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) durchgeführte Studie Pisa (Programme for International Student Assessment) ist der größte internationale Schüler-Leistungstest. Für die aktuelle, vierte Ausgabe wurden Anfang 2009 in 67 Ländern Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten von rund 400.000 15- bis 16-jährigen Schülern des Altersjahrgangs 1993 in den Disziplinen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften getestet. In Österreich wurde dafür eine Zufallsstichprobe von rund 5000 Jugendlichen in 150 Schulen untersucht. Diesmal steht erstmals eine Disziplin - Lesen - zum zweiten Mal im Mittelpunkt der Pisa-Studie.

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