Rüdiger Frank

Nordkorea - ein Land im Zustand des Krieges

Rüdiger Frank, 26. November 2010, 19:50
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    foto: der standard

    Rüdiger Frank von der Universität Wien

Was veranlasst die totalitäre Führung in Pjöngjang zu ihrem derzeitigen Konfrontationskurs? - Über mögliche Hintergründe und Konsequenzen der drohenden militärischen Eskalation in der südostasiatischen Krisenregion

Erneut eskaliert der Konflikt um Nordkorea. Schon zum zweiten Mal in diesem Jahr - nach dem Untergang der Fregatte Cheonan im März mit 46 Toten - hat Südkorea Opfer zu beklagen. Bei der Attacke am 23. November waren erstmals auch zivile Ziele betroffen. Nun droht mit der Verlagerung eines amerikanischen Flugzeugträgers in die Krisenregion eine weitere Eskalation. Wie kann man diese Spirale der Gewalt und die Risikobereitschaft auf beiden Seiten erklären?

Die endgültigen Antworten zu den Motiven Nordkoreas wird es wohl nur mit genügend Abstand geben. Derzeit ergibt sich aber folgendes Bild. Das Land ist in einer schweren Krise, die das System und seine Führung zunehmend unter Druck setzt. Die Wirtschaft hat massive Probleme, die sich aus Jahrzehnten unter einer ineffizienten sozialistischen Wirtschaftsordnung, aus wirtschaftspolitischen Fehlentscheidungen und aus massiven internationalen Sanktionen ergeben. Letztere sind Folgen einer Außenpolitik, die auf Aggression setzt und das Land in einer Art dauerhaftem Kriegszustand hält, was wiederum innenpolitische Erwägungen zur Grundlage hat.

Die "Belagerungsmentalität" erlaubt es der Führung bis zu einem gewissen Punkt, der Bevölkerung gegenüber ein Primat der Politik vor der Wirtschaft glaubhaft zu vertreten. Insofern treten militärische Aktionen mit trauriger Regelmäßigkeit auf; sie sind Bestandteil der Strategie zum Systemerhalt. Diese ist riskant, aber bisher durchaus erfolgreich - immerhin existiert Nordkorea noch, allen Vorhersagen eines Zusammenbruches zum Trotz.

Südkorea steht auf der außenpolitischen Prioritätenliste Nordkoreas nach wie vor ganz oben. Daher kann man auch einen Zusammenhang zwischen dem Angriff vom 23. November und dem G-20-Gipfel herstellen, der nur etwas mehr als eine Woche zuvor in Seoul stattgefunden hat. Die dadurch demonstrierte internationale Anerkennung, gar Führungsrolle Südkoreas wird in Nordkorea als Affront angesehen.

Pjöngjang war immerhin klug genug, das Ende des Gipfels abzuwarten. Weder will man den Hauptverbündeten China brüskieren, noch die internationale Gemeinschaft. Nun betonen die staatlichen Medien und offizielle Vertreter Nordkoreas vehement, dass es sich um eine südkoreanische Provokation gehandelt habe, auf die man lediglich gemäß den eigenen Ankündigungen reagiert habe. Offenbar will man Entschlossenheit demonstrieren, gleichzeitig soll Südkorea außenpolitisch isoliert werden. Zumindest hat man Seoul die Feierlaune gründlich verdorben.

Die Demonstration von Stärke könnte aber auch an die eigenen Reihen adressiert sein. Im September wurde bei der ersten Parteikonferenz seit 44 Jahren eine neue Führung vorgestellt. Die Partei als zentrales Machtorgan wurde erheblich gestärkt. Die Herrschaft der Familie von Kim Jong-il wurde durch die Vergabe höchster Positionen an seinen Sohn, seine Schwester, seinen Schwager und weitere Verwandte bekräftigt.

Legitimationsbedürfnis

Nun geht es darum, dieser neuen Führungsriege Legitimität zu verschaffen. Das Verwandtschaftsverhältnis mag die Eintrittskarte in die Führung sein; um dort zu bleiben, müssen Leistungen erbracht werden. Eine resolute Antwort auf eine tatsächliche oder angebliche südkoreanische Provokation könnte unter diese Kategorie fallen.

Man kann auch eine Verbindung zum Besuch des amerikanischen Atomexperten Siegfried Hecker herstellen. Diesem wurden am 12. November im Atomkomplex Yongbyon weit fortgeschrittene Anlagen zur Urananreicherung präsentiert, welche für einen neuen Leichtwasserreaktor von 100 MW gebraucht werden. Dies ist keine zufällige Entdeckung; Hecker fungiert als unfreiwilliger Bote Nordkoreas. Die Nachricht lautet: Wir wollen endlich Resultate im Gespräch mit den USA erreichen.

Die Wünsche schließen Wirtschaftshilfe, die Aufhebung von Sanktionen, den Zugang zu internationalen Finanz- und Absatzmärkten, die diplomatische Anerkennung durch die USA, die Anerkennung als Nuklearmacht und einen Friedensvertrag zur Beendigung des Koreakrieges ein. Letzterer wird sicher auch Reparationszahlungen enthalten.

Nordkorea möchte jedoch Seoul aus solchen Verhandlungen mit den USA heraushalten. In der Tat wird es jetzt für Südkoreas Präsident Lee Myung-bak nahezu unmöglich sein, sich mit Pjöngjang an einen Tisch zu setzen. Nordkorea wird seinerseits argumentieren, dass der Süden zuerst geschossen habe, somit ein Aggressor sei und nicht gesprächsfähig. Japan wurde dieser Status schon längst aberkannt.

Was bliebe, wären die lange angestrebten quasi-bilateralen Gespräche mit einem schwächer werdenden Barack Obama, unterstützt durch die VR China, welche in diesem Falle von Nordkorea als Verbündeter angesehen wird.

Vor diesem Hintergrund ist die Entsendung einer Offensivstreitmacht um die USS Washington zwar politisch verständlich. Es wäre aber weitsichtig, eine weitere Eskalation zu vermeiden, indem man auf Operationen in von Nordkorea beanspruchten Gewässern verzichtet.

Die Erfahrung der letzten Jahrzehnte zeigt, dass Pjöngjang gerade nach schweren Zwischenfällen gesprächsbereit ist. Im Interesse der Vermeidung weiterer Opfer sollte der Stärkere auch der Besonnenere sein. (Rüdiger Frank, STANDARD-Printausgabe, 27./28.11.2010)

 

Rüdiger Frank ist Professor für Wirtschaft und Gesellschaft Ostasiens an der Universität Wien; bei seinem bislang letzten Besuch in Nordkorea im Oktober 2010 reiste er acht Tage lang durch das ganze Land.

    Kommentar posten
    Posting 1 bis 25 von 77
    1 2 3
    Heinz Anderle
     
    43
    28.11.2010, 05:56
    Jö, noch ein Chamberlain! Appeasement hat ja schon 1938 so verläßlich wie erfolgreich funktioniert.

    Die stalinistische Metastase des sonst untergegangenen Totalitarismus liegt im Endstadium in den letzten Zuckungen. Dank Google-Satellitenbildern läßt sich aber die nordkoreanische Infrastruktur schön aus dem All erkennen, und dank noch besserer Satellitenbilder lassen sich sicher auch die Tomahawks u. ä. entsprechend treffsicher programmieren.

    Auch wird wohl kein einziges nordkoreanisches Flugzeug abheben oder zumindest jemals wieder im Ganzen landen.

    Der Wiederaufbau wird wohl so teuer wie die Re-Education aufwendig. Fest steht aber, daß dieser Schandfleck keine Zukunft hat.

    Herr Professero, pilgern's ins MAK oder schwelgen's im Blumen für Kim-Katalog, der ist so schöngefärbt.

    Dr. Heinz Anderle, abendländischer Freigeist

    p1234
    00
    28.11.2010, 19:44

    Nein, Nordkorea lässt sich nicht problemlos in die Steinzeit bomben. Nordkorea hält Südkorea in militärischer Geiselhaft. Dem Regime ist es leider zuzutrauen ihr komplettes Rakenarsenal Richtung Seoul loszuschicken, wenn es nichts mehr zu verlieren hätte. Die regelmässigen militärischen Provokationen (ob zuletzt Südkorea oder Nordkorea angefangen hat sei mal dahingestellt), sind auch ein "Wir bluffen nicht" Statement.

    Rüdiger Frank
    11
    28.11.2010, 11:18
    Serh qualifiziert war das ja nicht...

    ...weder inhaltlich noch formal. Der Vergleich Nazi-Deutschland und Nordkorea ist, wie so oft, abwegig. Dass man Nk problemlos zerstören kann, ist uns allen klar. Doch wenn man damit den Menschen dort helfen will, kann man sie ja schlecht mit zerbomben. Und wer ein wenig denken kann, der schaut sich auch die internationalen Konsequenzen an.
    Was die Bedrohung durch das nk Militär angeht, reden Sie mal mit Leuten aus dem Pentagon. Die machen sich durchaus Sorgen, wenn auch nicht um die Flugzeuge. Der einzige Punkt, wo ich Ihnen zustimme, betrifft die Zukunft Nordkoreas.
    Herr Doktor, äußern's sich mal besser zu Ihrem eigenen Fachgebiet.

    Heinz Anderle
     
    00
    29.11.2010, 06:46
    Es geht nicht um "Qualifikation",...

    ... sondern um Entschlossenheit. Die stalinistischen Bonzen wird man so wie einst die Nazischergen als das behandeln, was sie sind: als Aussätzige.

    Nein, mit solchen Gestalten verhandelt man nicht auf "gleicher Augenhöhe". Man diktiert ihnen die bedingungslose Kapitulation - und dann stellt man sie wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor Gericht. Nürnberg schon vergessen?

    Es gibt "Gelehrte", und es gab standhafte Politiker wie Churchill, de Gaulle und Roosevelt. Diese Politiker haben auch uns die Freiheit gerettet.

    Wir haben die Chance. Nützen wir sie!

    Dr. Heinz Anderle, abendländischer Freigeist

    Heinz Anderle
     
    00
    28.11.2010, 10:40
    ... muß "Professor" heißen.

    (PS: der sowjetische Expansionismus konnte nur durch die Entschlossenheut der Freien Welt aufgehalten werden.)

    Dr. Heinz Anderle, abendländischer Freigeist

    anders and
     
    03
    28.11.2010, 13:43
    die Entschlossenheit des Westens

    war ja immer wieder beeindruckend:

    1953, 1956, 1968 und 1981.
    Nie hat der Westen gezögert der Demokratie zur Hilfe zu kommen!

    Pepi friß weniger
    63
    28.11.2010, 02:16
    In Nordkorea wechselt die Führung = kritisch

    der Kim ist todkrank, der Nachfolger alles andere als fest im Sattel
    =>
    jetzt an Nordkorea rütteln = super Gelegenheit

    Deshalb gab's als allererstes mal amerikanische Manöver dort.

    Dann versank ein Schiff aus lachhaft konstruierten Gründen

    Dann bezeichneten die USA Nordkorea als "Gefahr"

    fast könnte man meinen, um sicherzustellen, daß die verärgert sind und tags darauf (!) zurückschießen, wenn von irgendwo auf ihre Stellungen geballert wird

    Hat geklappt: sie haben zurückgeschossen. Auf die Südkoreaner, die sich natürlich ihrerseits angegriffen fühlen

    Diesen Trick haben schon Max & Moritz von Wilhelm Busch geschafft

    Kern der Problems ist, daß man eine Chance sieht, daß der todkranke Kim - oder sein frisch gebackener Nachfolger purzeln

    Mein kleiner, grüner Kaktus...
    13
    28.11.2010, 09:49
    In medizinischen Kreisen..

    ...nennt man Ihr Problem mit den USA Paranoia.

    Gesunden Geistes sollte man schon sehen, dass die Obama-Administration wirklich andere Bedürfnisse hat, als noch eine Krise mit Kriegs-Option. Und ich glaube auch nicht, dass Obama in Wahrheit vom Vorstand von General Electric eingesetzt wurde.

    Pepi friß weniger
    31
    28.11.2010, 14:41
    medizinische Kreise

    sind da halt der falsche Fachbereich, genauso wie Blasorchester

    Hingegen Historiker, die erklären auch Ihnen (falls nötig mit viiiiel Geduld), daß exakt der Koreakrieg aufgrund einer solchen US-Lüge begann

    Stichwort Tonkin. Stichwort bei Kuba Northwoods, hätte es Kennedy nicht verhindert.

    Absicht & Schuld auf Seiten der USA sind die Regel, nicht die Ausnahme

    Sie glauben, daß Obama da etwas verhindern kann ? Nun vielleicht verhindert er ja grad, weil es ohne ihn sowieso schon losgebrochen wäre.

    Mein kleiner, grüner Kaktus...
    16
    27.11.2010, 22:15
    Ist es nicht möglich, dass es viel einfacher ist?

    Hier wird von einem rational handelnden Regime ausgegangen, das eine Strategie hat und verfolgt. Aber übersieht man da nicht, dass hier letztlich nur ein einziger Mann uneingeschränkt herrscht?
    Könnte es nicht sein, dass da - vielleicht ähnlich unter Stalin - keine besonders durchdachte Strategie besteht, sondern dass eher persönliche Stimmungen einer - vielleicht nicht 100% "normalen" - Person von seiner Umgebung umgesetzt werden?

    Aus meiner Sicht würde das die Politik der letzten Jahre besser erklären, als Strategien.

    anders and
     
    00
    27.11.2010, 23:04
    Sie gehen davon aus, dass Stalin keine Strategie hatte?

    Sehr originell, sehr gewagt, sehr falsch.

    Zur uneingeschränkten Gewaltherrschaft: das mag auf Kim Il Sung und Stalin zugetroffen haben, aber nicht mehr auf ihre Nachfolger.

    MiFi
    42
    27.11.2010, 21:37
    2 Wochen Shock and Awe und das Thema NK ist gegessen

    Pepi friß weniger
    34
    28.11.2010, 02:24
    2 Wochen der Notstand gestrichen und das Thema MiFi ist gegessen

    muppetbasher
    01
    27.11.2010, 21:08
    Dieser Steinzeit-Kim wäre nach entsprechender Vorbereitung innerhalb von ein paar Tagen erledigt!

    Die ausgebluteten N-Koreaner würden ihre Brüder herzlich begrüssen! Wetten?

    HahahaIrakhahaAfghahahaha
    00
    28.11.2010, 09:38

    baerli1
    01
    27.11.2010, 18:14
    erfreulich

    dass frank als autor hier mitpostet.

    beowulf2
     
    02
    27.11.2010, 17:57

    Ich möchte mich auf jeden Fall hier bei Herrn Frank bedanken. Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass sich ein Gastkommentarschreiber aktiv an der Diskussion zu seinem Artikel beteiligt und sachlich auf Fragen und Kommentare eingeht.

    Egal wie man zur jetzigen Situation steht und ob man die Meinung von Herrn Frank teilt oder nicht, ist das ein äußerst begrüssenswertes Verhalten.

    Walter Tiefenthaler
    80
    27.11.2010, 16:03
    so gescheit herr frank ist...

    ...das foto sieht schon sehr nordkoreanisch aus.

    beowulf2
     
    01
    27.11.2010, 19:12

    Die Bewertungsfunktion "unnötig" trifft es zum erstenmal haargenau.

    sotho talker
     
    42
    27.11.2010, 15:08
    völlig richtiger kommentar!

    wer zuerst "geschossen" hat ist übrigens völlig unklar. beide beschuldigen den jeweils anderen und verbreiten wertlose propaganda.
    spieltheoretisch ist das spiel "tit for tat" welches auf jede aktion eine angemessene reaktion erfolgen lässt äußerst erfolgreich.
    die erfahrung mit der realität seit tausenden jahren mit diesem spiel spiegelt die geisteshaltung der meisten menschen wider.
    erweitert man "tit for tat" allerdings um absolute waffen führt es direkt zur auslöschung aller beteiligten, seine taktik wird unbrauchbar.
    die akzeptanz dieser grundlegenden regeländerung ist in den köpfen der meisten menschen noch nicht angekommen, schon gar nicht in denen der militärs.
    es nützt den toten nichts wenn noch mehr tote hinzugefügt werden!

    TuringBot
    22
    27.11.2010, 14:34
    Ich bin wirklich für eine möglichst friedliche und diplomatische Lösung

    aber ein Punkt der Analyse stößt mir schon ziemlich auf - es genügt also, dass Nordkorea BEHAUPTET, Südkorea hätte zuerst angegriffen, um zu erreichen, dass die an den Verhandlungen nicht teilnehmen dürfen?

    Also, das kann es wohl wirklich nicht sein. Was wäre denn das für ein Signal?

    Rüdiger Frank
    02
    27.11.2010, 16:19
    Dürfen ist nicht die Frage,

    sondern wollen. Da braucht es keine Ablehnung durch Nordkorea; die südkoreanische Regierung kann es sich innenpolitisch nicht leisten, sich mit diesem Land in absehbarer Zeit an einen Tisch zu setzen.
    Übrigens wird die Behauptung sogar bestätigt; allerdigs heißt es aus Seoul, man habe im Kontext der Manöver in eine andere Richtung geschossen.

    Walter Tiefenthaler
    00
    27.11.2010, 16:07
    und jetzt raten sie mal...

    ...wer laut nordkorea den koreakrieg angefangen hat.

    . Kramar
     
    50
    27.11.2010, 15:33

    Naja, was offiziell eine Behauptung sein mag, kann inoffiziell Fakt sein - über diesen Jahrzehnte dauernden Konflikt gibt es einen Haufen Geheimnisse: was wir wissen/was wir nicht wissen, das bestimmen andere.

    Roperato
    70
    27.11.2010, 14:13
    Der Hintergrund ist doch offensichtlich !

    Der Konflikt zwischen USA und China soll auf dem Boden Nord und Südkoreas ausgetragen werden.
    Genauso wie in den Zeiten des "Kalten Krieges" der Konflikt zwischen USA und Russland auf europäischem Boden ausgetragen werden sollte. Hauptsache die Verursacher selbst sind nicht betroffen.

    Kommentar posten
    Posting 1 bis 25 von 77
    1 2 3

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