Vereinigte Staaten

Die grüne Welle der Kriegsveteranen

Frank Herrmann aus Baltimore, 26. November 2010, 19:38

In den USA kommt so etwas wie Ökobewusstsein auf, weil die Regierung es mit Infrastrukturmitteln fördert - Der neue Kongress allerdings dürfte diese und die Ambitionen Präsident Obamas beim Klimagipfel deutlich stutzen

Auf Dächern, sagt Kevin Blanchard, auf Dächern hält er es nie lange aus. Höchstens drei Stunden, dann beginnt sein Bein unerträglich zu schmerzen. Das gerettete Bein, das rechte, übersät von hunderten Narben. Wenigstens ist es noch da, während das linke unterm Knie amputiert werden musste.

Auf den Dächern sollte eigentlich Blanchards neues Leben beginnen. Er begrünt sie, pflanzt krautige Bodendecker und die großblütige Felsenblume, was nicht nur schöner aussieht, sondern auch Strom spart. Unter einem Dach, das nicht der reinste Glutofen ist, braucht die Klimaanlage im langen, heißen Sommer der amerikanischen Atlantikküste nicht ganz so kräftig zu laufen. Der Sportwarenhersteller Under Armour ließ sich seinen Firmensitz neulich auf diese Weise begrünen. Das Nationale Aquarium, der Stolz Baltimores, hat es schon vorher getan. Kurzum, die Grüne-Dächer-Branche sonnt sich im Boom.

In diesem Jahr wächst sie um 15 Prozent, ein scharfer Kontrast zur Krisenstimmung ringsum. Blanchard hat kurzerhand seine eigene kleine Firma gegründet, Mid-Atlantic Green Roofs - "Ich will ja den Zug nicht verpassen." Doch so sehr es ihn nervt, selber anpacken kann er nur selten. Im Wesentlichen muss er sich auf Schreibtischarbeit beschränken. Er ist erst 27 und schon Invalide, gezeichnet vom Krieg.

Wäre der Sprengsatz im Irak nicht detoniert, wäre er heute wahrscheinlich immer noch bei den Marineinfanteristen. Es war am 30. Juni 2005, da fuhr er in der Provinz Al-Anbar am Lenkrad eines Humvee über eine Bombe. 13 Monate lag er im Krankenhaus. Als ihn die Mediziner entließen, begann er zu studieren, internationales Business. Ein Sommerpraktikum brachte ihn nach Dänemark und Schweden, wo junge Amerikaner nachhaltiges Bauen lernten. Blanchard hat Glück im Unglück, das Timing stimmt. Durch die USA rollt eine Förderwelle für "grüne" Arbeitsplätze, und eigens gegründete Initiativen sorgen dafür, dass Kriegsveteranen davon profitieren.

Zack Bazzi hat bei den "Veterans Green Jobs" angeheuert, einer Organisation, die vor zwei Jahren in Denver entstand. Sie kam in Fahrt, als die Kaufhauskette Wal-Mart 750.000 Dollar spendete. Später legte der Naturschutzbund Sierra Club noch einmal 400.000 Dollar drauf. Von dem Geld sollten in der Region Washington die Wände, Keller und Dachböden von fünfzig Wohnhäusern besser isoliert werden, damit im Winter weniger Wärme verpufft und im Sommer weniger Klimaanlagenkälte. Zunächst kamen die Familien heimgekehrter, im Zivilleben oft arbeitsloser Soldaten in den Genuss der Förderung.

Bei Margaret Ahmann, die an der Washingtoner Legation Street ein großes schönes altes Haus bewohnt, gab es so etwas wie eine Generalprobe. Viel Überredungskunst war nicht nötig, um den Auftrag zu ergattern. Seit langem engagiert sich die Pensionistin in einer Kirchengruppe für Umweltschutz. "Das hier ist überfällig", sagt sie. Die bessere Dämmung kostet sie knapp fünftausend Dollar, danach dürften die Heizkosten um ein Viertel sinken, und weil Ahmann Energie sparen hilft, kassiert sie einmalig 1500 Dollar als Steuergeschenk. Die Stadt Washington bezahlte den Test, der ergab, wo es am kräftigsten durch die Ritzen zog.

Ohne die Subventionen, glaubt Bazzi, würden die meisten Kunden nicht "über die Hürde springen". Ohne die Zuschüsse bliebe es eine Nische, "beschränkt auf ein paar Baumfreunde" - so weit sei Amerika eben noch nicht, und Energie noch immer zu billig. Doch die Förderwelle, ahnt der Ex-Soldat, kann genauso schnell abebben, wie sie zu rollen begann. Die jüngste Kongresswahl stärkte die Klimaskeptiker, jene Republikaner, die Szenarien globaler Erwärmung für einen Witz halten. Mit ambitionierten US-Klimagesetzen oder der Bereitschaft zu verbindlichen internationalen Festlegungen ist nicht mehr zu rechnen. In der Silvesternacht laufen die Steuervorteile für Energiesparer aus. Ob das Parlament sie verlängert, ist mehr als ungewiss. Noch sind die Auftragsbücher der grünen Veteranen voll. Aber ab Jänner droht ein großes Loch. (Frank Herrmann aus Baltimore, STANDARD-Printausgabe, 27./28.11.2010)

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