In den USA kommt so etwas wie Ökobewusstsein auf, weil die Regierung es mit Infrastrukturmitteln fördert - Der neue Kongress allerdings dürfte diese und die Ambitionen Präsident Obamas beim Klimagipfel deutlich stutzen
Auf Dächern, sagt Kevin Blanchard, auf Dächern hält er es nie lange
aus.
Höchstens drei Stunden, dann beginnt sein Bein unerträglich zu
schmerzen. Das gerettete Bein, das rechte, übersät von hunderten Narben.
Wenigstens ist es noch da, während das linke unterm Knie amputiert
werden musste.
Auf den Dächern sollte eigentlich Blanchards neues Leben beginnen. Er
begrünt sie, pflanzt krautige Bodendecker und die großblütige
Felsenblume, was nicht nur schöner aussieht, sondern auch Strom spart.
Unter einem Dach, das nicht der reinste Glutofen ist, braucht die
Klimaanlage im langen, heißen Sommer der amerikanischen Atlantikküste
nicht ganz so kräftig zu laufen. Der Sportwarenhersteller Under Armour
ließ sich seinen Firmensitz neulich auf diese Weise begrünen. Das
Nationale Aquarium, der Stolz Baltimores, hat es schon vorher getan.
Kurzum, die Grüne-Dächer-Branche sonnt sich im Boom.
In diesem Jahr wächst sie um 15 Prozent, ein scharfer Kontrast zur
Krisenstimmung ringsum. Blanchard hat kurzerhand seine eigene kleine
Firma gegründet, Mid-Atlantic Green Roofs - "Ich will ja den Zug nicht
verpassen." Doch so sehr es ihn nervt, selber anpacken kann er nur
selten. Im Wesentlichen muss er sich auf Schreibtischarbeit beschränken.
Er ist erst 27 und schon Invalide, gezeichnet vom Krieg.
Wäre der Sprengsatz im Irak nicht detoniert, wäre er heute
wahrscheinlich immer noch bei den Marineinfanteristen. Es war am 30.
Juni 2005, da fuhr er in der Provinz Al-Anbar am Lenkrad eines Humvee
über eine Bombe. 13 Monate lag er im Krankenhaus. Als ihn die Mediziner
entließen, begann er zu studieren, internationales Business. Ein
Sommerpraktikum brachte ihn nach Dänemark und Schweden, wo junge
Amerikaner nachhaltiges Bauen lernten. Blanchard hat Glück im Unglück,
das Timing stimmt. Durch die USA rollt eine Förderwelle für "grüne"
Arbeitsplätze, und eigens gegründete Initiativen sorgen dafür, dass
Kriegsveteranen davon profitieren.
Zack Bazzi hat bei den "Veterans Green Jobs" angeheuert, einer
Organisation, die vor zwei Jahren in Denver entstand. Sie kam in Fahrt,
als die Kaufhauskette Wal-Mart 750.000 Dollar spendete. Später legte der
Naturschutzbund Sierra Club noch einmal 400.000 Dollar drauf. Von dem
Geld sollten in der Region Washington die Wände, Keller und Dachböden
von fünfzig Wohnhäusern besser isoliert werden, damit im Winter weniger
Wärme verpufft und im Sommer weniger Klimaanlagenkälte. Zunächst kamen
die Familien heimgekehrter, im Zivilleben oft arbeitsloser Soldaten in
den Genuss der Förderung.
Bei Margaret Ahmann, die an der Washingtoner Legation Street ein
großes
schönes altes Haus bewohnt, gab es so etwas wie eine Generalprobe. Viel
Überredungskunst war nicht nötig, um den Auftrag zu ergattern. Seit
langem engagiert sich die Pensionistin in einer Kirchengruppe für
Umweltschutz. "Das hier ist überfällig", sagt sie. Die bessere Dämmung
kostet sie knapp fünftausend Dollar, danach dürften die Heizkosten um
ein Viertel sinken, und weil Ahmann Energie sparen hilft, kassiert sie
einmalig 1500 Dollar als Steuergeschenk. Die Stadt Washington bezahlte
den Test, der ergab, wo es am kräftigsten durch die Ritzen zog.
Ohne die Subventionen, glaubt Bazzi, würden die meisten Kunden nicht
"über die Hürde springen". Ohne die Zuschüsse bliebe es eine Nische,
"beschränkt auf ein paar Baumfreunde" - so weit sei Amerika eben noch
nicht, und Energie noch immer zu billig. Doch die Förderwelle, ahnt der
Ex-Soldat, kann genauso schnell abebben, wie sie zu rollen begann. Die
jüngste Kongresswahl stärkte die Klimaskeptiker, jene Republikaner, die
Szenarien globaler Erwärmung für einen Witz halten. Mit ambitionierten
US-Klimagesetzen oder der Bereitschaft zu verbindlichen internationalen
Festlegungen ist nicht mehr zu rechnen. In der Silvesternacht laufen die
Steuervorteile für Energiesparer aus. Ob das Parlament sie verlängert,
ist mehr als ungewiss. Noch sind die Auftragsbücher der grünen Veteranen
voll. Aber ab Jänner droht ein großes Loch. (Frank Herrmann aus Baltimore, STANDARD-Printausgabe, 27./28.11.2010)