Alternative Ideen

Eine Kautschuk-Republik setzt auf Biomasse

Marc Engelhardt, 26. November 2010, 19:33
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    foto: reuters/luc gnago

    Ein Arbeiter in einer Kautschuk-Plantage. Das Holz soll später genutzt werden, um Biomassekraftwerke voranzutreiben

Afrika setzt in Sachen Klimaschutz auf Innovation - Beim Klimagipfel in Cancún fordern viele afrikanische Politiker deshalb die Einrichtung eines "grünen Fonds" - Die Wirtschaft geht mit eigenen Projekten voran

Monrovia/Nairobi - Dass der Klimawandel Afrika längst erreicht hat, ist für Anthony Nyong keine Frage - ebenso wenig wie die Tatsache, dass es die Ärmsten sind, die besonders schwer betroffen sind. "In Afrika besteht ein drängender, riesengroßer Klimafinanzierungsbedarf", glaubt der Sprecher der Afrikanischen Entwicklungsbank. Um den zu decken, fordern Nyong und zahlreiche Staats- und Regierungschefs aus Afrika einen "grünen Fonds", aus dem Anpassungsmaßnahmen ebenso wie emissionssenkende Projekte finanziert werden sollen. Nicht wenige machen von der Einrichtung eines solchen Fonds ihre Kooperation bei den weiteren Klimaverhandlungen abhängig.

Vom in Kioto beschlossenen "Clean Development Mechanism" (CDM), einem Marktmechanismus, der das Einsparen von CO2 belohnt, hat Afrika bislang kaum profitiert. "Das Schema erkennt Emissionen aus der Land- und Forstwirtschaft nicht an, die für Afrikas Wirtschaft besonders große Bedeutung haben", kritisiert Anthony Nyong. Industrie, die Emissionen reduzieren könnte, gibt es in den meisten Teilen Afrikas nicht. Im Gegenteil müssen die meisten Länder in Afrika derzeit wegen ihrer boomenden Wirtschaft mit steigender Energie-nachfrage fertigwerden.

Schon heute sind innovative Lösungen besonders gefragt. In Liberia etwa will das Energieunternehmen Buchanan Renewables das geschredderte Holz von brachliegenden Kautschukplantagen nutzen, um ein Biomasse-Kraftwerk anzutreiben. "Ein Kautschukbaum produziert vielleicht 30 Jahre lang Kautschuk, danach ist er wirtschaftlich tot", sagt der Geschäftsführer von Buchanan Renewables, Liam Hickey.

Plantagen gibt es im westafrikanischen Liberia, einst "Kautschukrepublik" genannt, viele. Doch seit in den 90er-Jahren die Kämpfe zwischen dem brutalen Kriegsherrn Charles Taylor und den Truppen des Putschistenpräsidenten Samuel Doe begannen, sind die meisten Plantagen nicht mehr richtig bewirtschaftet worden. "Jetzt holzen wir die alten Gummibäume ab, bezahlen für das Holz und pflanzen dann neue Bäume", erklärt Hickey.

Sieben Jahre wachsen

Die neugepflanzten Gummibäume müssen sieben Jahre wachsen, bevor Kautschuk abgezapft werden kann. "Die Bäume und das Land bleiben im Besitz der Bauern, aber wir kümmern uns die sieben Jahre darum, dass die Bäume richtig gepflegt werden", verspricht Hickey. Ab dem siebten Jahr, wenn der zähe, weiße Kautschuk fließt, haben die Farmer eine sichere Einkommensquelle - bis, nach etwa zwanzig Jahren, Buchanan Renewables zurückkehrt, die Bäume fällt und der Kreislauf von neuem beginnt. Das Konzept ist nicht nur CO2-neutral, sondern auch perfekt auf die Gegebenheiten in Liberia zugeschnitten.

Das geplante Biomassekraftwerk, das Liberia eine verlässliche Stromversorgung garantieren soll, soll zunächst 36 Megawatt erzeugen. Das klingt nicht nach viel. Doch derzeit hat Liberia praktisch keinen Strom. Wenn über Liberia die Nacht hereinbricht, legt sich die Dunkelheit wie ein undurchdringlicher Schleier über alles. Strom gibt es nur dort, wo Geschäftsleute am Abend einen ratternden Dieselgenerator anwerfen. Der einzige andere Brennstoff ist Holzkohle. Nur in der Millionen-Einwohner-Stadt Monrovia gibt es einen öffentlichen Generator, der gerade einmal vier Megawatt produziert. Auch deshalb begrüßen viele Liberianer das Projekt von Buchanan Renewables. Kritisch wird nur der geplante Export der Holzchips als Brennstoff nach Europa beäugt.

Wenn es nach Afrikas Regierungen geht, sollen innovative Projekte wie das in Liberia künftig von Förderungen aus dem "grünen Fonds" profitieren. Dass Afrika das Potenzial hat, in Sachen Klimaschutz ganz vorn mitzuspielen, scheint eindeutig. Dafür spricht nicht nur das Solarenergie-Großprojekt DeserTec, sondern auch einige der weltgrößten Windparks und Geothermie-Kraftwerke, die derzeit in Afrika geplant und gebaut werden. (Marc Engelhardt, STANDARD-Printausgabe, 27./28.11.2010)

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