Afrika setzt in Sachen Klimaschutz auf Innovation - Beim Klimagipfel in Cancún fordern viele afrikanische Politiker deshalb die Einrichtung eines "grünen Fonds" - Die Wirtschaft geht mit eigenen Projekten voran
Monrovia/Nairobi - Dass der Klimawandel Afrika längst erreicht hat,
ist
für Anthony Nyong keine Frage - ebenso wenig wie die Tatsache, dass es
die Ärmsten sind, die besonders schwer betroffen sind. "In Afrika
besteht ein drängender, riesengroßer Klimafinanzierungsbedarf", glaubt
der Sprecher der Afrikanischen Entwicklungsbank. Um den zu decken,
fordern Nyong und zahlreiche Staats- und Regierungschefs aus Afrika
einen "grünen Fonds", aus dem Anpassungsmaßnahmen ebenso wie
emissionssenkende Projekte finanziert werden sollen. Nicht wenige machen
von der Einrichtung eines solchen Fonds ihre Kooperation bei den
weiteren Klimaverhandlungen abhängig.
Vom in Kioto beschlossenen "Clean Development Mechanism" (CDM), einem
Marktmechanismus, der das Einsparen von CO2 belohnt, hat Afrika bislang
kaum profitiert. "Das Schema erkennt Emissionen aus der Land- und
Forstwirtschaft nicht an, die für Afrikas Wirtschaft besonders große
Bedeutung haben", kritisiert Anthony Nyong. Industrie, die Emissionen
reduzieren könnte, gibt es in den meisten Teilen Afrikas nicht. Im
Gegenteil müssen die meisten Länder in Afrika derzeit wegen ihrer
boomenden Wirtschaft mit steigender Energie-nachfrage fertigwerden.
Schon heute sind innovative Lösungen besonders gefragt. In Liberia
etwa
will das Energieunternehmen Buchanan Renewables das geschredderte Holz
von brachliegenden Kautschukplantagen nutzen, um ein Biomasse-Kraftwerk
anzutreiben. "Ein Kautschukbaum produziert vielleicht 30 Jahre lang
Kautschuk, danach ist er wirtschaftlich tot", sagt der Geschäftsführer
von Buchanan Renewables, Liam Hickey.
Plantagen gibt es im westafrikanischen Liberia, einst
"Kautschukrepublik" genannt, viele. Doch seit in den 90er-Jahren die
Kämpfe zwischen dem brutalen Kriegsherrn Charles Taylor und den Truppen
des Putschistenpräsidenten Samuel Doe begannen, sind die meisten
Plantagen nicht mehr richtig bewirtschaftet worden. "Jetzt holzen wir
die alten Gummibäume ab, bezahlen für das Holz und pflanzen dann neue
Bäume", erklärt Hickey.
Sieben Jahre wachsen
Die neugepflanzten Gummibäume müssen sieben Jahre wachsen, bevor
Kautschuk abgezapft werden kann. "Die Bäume und das Land bleiben im
Besitz der Bauern, aber wir kümmern uns die sieben Jahre darum, dass die
Bäume richtig gepflegt werden", verspricht Hickey. Ab dem siebten Jahr,
wenn der zähe, weiße Kautschuk fließt, haben die Farmer eine sichere
Einkommensquelle - bis, nach etwa zwanzig Jahren, Buchanan Renewables
zurückkehrt, die Bäume fällt und der Kreislauf von neuem beginnt. Das
Konzept ist nicht nur CO2-neutral, sondern auch perfekt auf die
Gegebenheiten in Liberia zugeschnitten.
Das geplante Biomassekraftwerk, das Liberia eine verlässliche
Stromversorgung garantieren soll, soll zunächst 36 Megawatt erzeugen.
Das klingt nicht nach viel. Doch derzeit hat Liberia praktisch keinen
Strom. Wenn über Liberia die Nacht hereinbricht, legt sich die
Dunkelheit wie ein undurchdringlicher Schleier über alles. Strom gibt es
nur dort, wo Geschäftsleute am Abend einen ratternden Dieselgenerator
anwerfen. Der einzige andere Brennstoff ist Holzkohle. Nur in der
Millionen-Einwohner-Stadt Monrovia gibt es einen öffentlichen Generator,
der gerade einmal vier Megawatt produziert. Auch deshalb begrüßen viele
Liberianer das Projekt von Buchanan Renewables. Kritisch wird nur der
geplante Export der Holzchips als Brennstoff nach Europa beäugt.
Wenn es nach Afrikas Regierungen geht, sollen innovative Projekte wie
das in Liberia künftig von Förderungen aus dem "grünen Fonds"
profitieren. Dass Afrika das Potenzial hat, in Sachen Klimaschutz ganz
vorn mitzuspielen, scheint eindeutig. Dafür spricht nicht nur das
Solarenergie-Großprojekt DeserTec, sondern auch einige der weltgrößten
Windparks und Geothermie-Kraftwerke, die derzeit in Afrika geplant und
gebaut werden. (Marc Engelhardt, STANDARD-Printausgabe, 27./28.11.2010)