Die Stromrechnung als Armutsfalle

26. November 2010, 19:21
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Ehemalige Langzeitarbeitslose helfen sozial Schwachen beim Energiesparen

Wien - "Soll ich essen oder heizen?" Diese Frage ist in Österreich keine Seltenheit. Wie aus den Statistik-Austria-Daten dieses Jahres hervorgeht, können es sich 330.000 Menschen in Österreich nicht mehr leisten, ihre Wohnung angemessen warm zu halten. Gleichzeitig zahlen die Ärmsten der Gesellschaft zwischen 30 und 40 Prozent mehr für Energie - wegen der zusätzlichen Mahnspesen oder den Kosten für das Ab- und Einschalten von Strom oder Gas.

Dabei sind Arme weniger für den Klimawandel verantwortlich als Reiche: Sie machen keine Flugreisen, wohnen in kleinen Wohnungen, konsumieren weniger. Trotzdem sitzen sie "in der Energie-Armutsfalle, da das untere Einkommensfünftel kein Kapital hat, um Investitionen zu tätigen", erläutert Martin Schenk von der Armutskonferenz.

Allerdings können gerade bei den Ärmsten auch mit kleineren Maßnahmen deutliche Verbesserungen erzielt werden. Genau das hat sich nun das Wiener Reparatur- und Service Zentrum (R.U.S.Z.) vorgenommen. "Energieberatung auf Augenhöhe", beschreibt R.U.S.Z.-Geschäftsführer Sepp Eisenriegler das Projekt, das diese Woche startet. Denn jene, die Energiespartipps geben, wissen ganz genau, wie es ihren Kunden geht.

Energieberater

Seit Juni wurden im Reparatur- und Service-Zentrum 16 Langzeitarbeitslose als Energieberater geschult. Sie sollen nun im ersten Jahr rund 500 Gratisberatungen für sozial Schwache durchführen. Klar ist, dass teure Investitionen wie eine bessere Wärmedämmung der Häuser oder ein Austausch der Heizgeräte in diesen Fällen absolut unrealistisch sind. Daher wird bei den Beratungen in erster Linie das Nutzerverhalten analysiert - und da ist erfahrungsgemäß viel drinnen, wie Bernhard Wudy, Leiter der Energieberatung im R.U.S.Z., weiß. Wird etwa die falsche, zu große Herdplatte beim Kochen benutzt? Läuft der Fernseher die ganze Zeit, ohne dass jemand zuschaut? Brennt in Räumen Licht, ohne dass sich jemand darin aufhält? Können hinter Heizkörpern Folien geklebt werden, die Hitze reflektieren?

Die Energieberater geben dann an Ort und Stelle drei, vier Tipps - weitere Empfehlungen werden dann schriftlich nachgeliefert. Von den ersten Testberatungen, die bereits durchgeführt wurden, wissen die Energieexperten des R.U.S.Z., dass im Schnitt rund 36 Euro pro Monat eingespart werden können. Mehr als 400 Euro im Jahr - das ist für Haushalte an oder unter der Armutsgrenze sehr, sehr viel Geld.

Präsenz im Sozialmarkt

Ermittelt werden die Kunden auf einfache Weise: Das Team werde nicht nur in Sozialmärkten präsent sein, erläutert Eisenriegler - Wien Energie "wird die Beratung aktiv jenen Stammkunden anbieten, die immer wieder Ratenzahlungen und extra Zahlungsvereinbarungen beantragen".

Die Einführung einer derartigen Energieberatung hatten Armutskonferenz und Greenpeace bereits 2008 in einem gemeinsam erarbeiteten Grundsatzpapier vorgeschlagen, mit der Intention, Klimaschutz und Armutsbekämpfung stärker miteinander zu verbinden. Gleichzeitig wurde vorgeschlagen, gratis Sparlampen für die zehn Prozent Haushalte mit den niedrigsten Einkommen zur Verfügung zu stellen. Sowie eine Förderung für den Austausch fossiler Einzelöfen gegen Pelletsöfen. Die Kosten für diese drei "Sofortmaßnahmen" beziffert Schenk mit einmalig rund 250 Millionen Euro. Und die ärmsten Haushalte könnten sich so damit bereits im Schnitt 750 Euro an Energiekosten pro Jahr ersparen. "Die österreichischen Energieausgaben würden durch diese drei Sofortmaßnahmen um 120 Millionen Euro jährlich reduziert - und die CO2-Emissionen um beinahe 500.000 Tonnen pro Jahr", erläutert Schenk.

Als weitere Maßnahme forderten Armutskonferenz und Greenpeace eine Erhöhung der Sanierungsrate schlecht isolierter Wohnungen und Häuser. "Denn im Allgemeinen wohnen hier Personen mit niedrigem Einkommen." (Roman David-Freihsl/DER STANDARD-Printausgabe, 27.11.2010)

Nähere Informationen:
www.rusz.at
www.armutskonferenz.at

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    Mit kleinen Maßnahmen, wie dem Umstieg von Glühbirne auf Sparlampe, können sozial Schwache bis zu 400 Euro Energiekosten im Jahr sparen.

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