Engagement für das Klima geht stark zurück

26. November 2010, 19:18
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Wirtschaftsthemen und das eigene Geld sind für viele wichtiger als das Klima

In Wirtschaftskrisen, sagt man, gehe die Bereitschaft zum Umweltschutz zurück. Die neueste Umfrage für den Standard stützt diese These: Wirtschaftsthemen und das eigene Geld sind für viele wichtiger als das Klima.

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Daran, dass Österreich ein Umweltmusterland wäre, glauben die Österreicher längst selber nicht mehr. Nur 31 Prozent sagen, dass "in Österreich Umweltpolitik mit größerem Erfolg gemacht wird als in anderen Ländern der EU." Noch im Frühjahr 2009 waren 39 Prozent der Bevölkerung dieser Meinung. Das geht aus dem Vergleich der politischen Meinungsforschung des Linzer Market-Instituts für den STANDARD hervor.

Es sind vor allem die weiblichen Befragten, die keinen Glauben an die oft behauptete Vorreiterrolle Österreichs haben. Mehrheitlich sagen sie, dass Österreich etwa gleich gute Umweltpolitik mache wie andere EU-Mitgliedsländer. Die Männer zeigen da ein deutlich höheres Zutrauen zur österreichischen Politik.

Besonders auffällig: Die politisch nicht deklarierten Befragten sagen in besonders hohem Maße, dass es mit der sterreichischen Umweltpolitik besonders schlecht laufe. Market-Chef Werner Beutelmeyer: "Es gibt eine wachsende Gruppe, denen alles schlecht erscheint, was politisch passiert - und die haben eben auch kein Zutrauen zur Umweltpolitik."

Viele Frustrierte

Es ist diese Gruppe von Frustrierten, die auch in besonders hohem Maße persönliche Verantwortung für den Klimawandel ablehnt. DER STANDARD ließ fragen: "In diesen Tagen sind auch wieder Argumente aufgekommen, dass der Klimawandel gar nicht vom Menschen verursacht ist und von ihm daher nicht beeinflusst werden kann. Was meinen Sie persönlich: Ist der Klimawandel vom Menschen verursacht und kann daher durch Maßnahmen beeinflusst werden, oder passiert der Klimawandel unabhängig von dem, was die Menschen dafür bzw. dagegen tun?"

Dass der Klimawandel nicht vom Menschen beeinflusst werde, sagten bei der Befragung in dieser Woche 24 Prozent. Das ist ein mehr als doppelt so hoher Anteil verglichen mit derselben Frage, die Market auch vor der letzten Klimakonferenz in Kopenhagen gestellt hat. Damals meinten nur elf Prozent, der Klimawandel habe mit dem Menschen nichts zu tun. Auch hier ist es in besonders hohem Maß (nämlich 36 Prozent) die Gruppe der politisch Indifferenten und Frustrierten, die die Zusammenhänge bestreitet.

Und: Diese Befragten wollen auch selber wenig klimafreundliche Aktionen setzen. Es ist diese Gruppe, die sich dem Austausch von Elektrogeräten, der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel oder der Verwendung alternativer Energieträger am konsequentesten verweigert.

Von den Maßnahmen, die man persönlich zum Schutz des Klimas setzen kann, hat nur eine verstärkte Wärmedämmung in allen Bevölkerungsgruppen starken Zuspruch. "Da sehen die Menschen auch, dass sie sich selber Geld ersparen können. Fragt man sie aber, ob sie höhere Stromkosten für Ökostrom in Kauf nehmen würden, sehen wir praktisch das umgekehrte Bild: Da ist ein klare Mehrheit persönlich nicht bereit dazu", sagt Beutelmeyer.

Nein zu Ökosteuern

Dazu passt, dass die Österreicher auch immer weniger bereit sind, Ökosteuern zu akzeptieren. Market fragte: "Als wichtiges Instrument gegen den Klimawandel und Treibhauseffekt werden immer wieder Steuern auf Erdölprodukte, Gas und Kohle - also sogenannte Ökosteuern - genannt. Dazu gibt es generell zwei Meinungen: Die einen sagen, solche Ökosteuern sollten eingeführt werden, um umweltschädigendes Verhalten quasi zu bestrafen. Die anderen sagen, dass solche Ökosteuern nicht eingeführt werden sollten, weil man in Österreich ohnehin schon genug Steuer zahlt. Welche dieser Meinungen trifft auf Sie eher zu?"

73 Prozent sagten darauf, dass Ökosteuern nicht eingeführt werden sollten - nur 21 Prozent sind dafür. Dies ist ein markanter Rückgang gegenüber einer Vergleichsumfrage, die der STANDARD bereits im Februar 2004 in Auftrag gegeben hat: Damals waren immerhin 30 Prozent für Ökosteuern, 66 Prozent waren dagegen.

Die relativ höchste Bereitschaft, Ökosteuern zu zahlen, zeigen jüngere, höher gebildete Befragte - und solche mit kleinen Kindern im Haushalt.

Was die aktuelle Market-Umfrage insgesamt belegt, ist eine verringerte Bereitschaft, etwas gegen den Klimawandel zu tun. Auf einer Liste mit 16 relevanten Politikfeldern belegen der Umweltschutz und die von der Politik immer wieder behauptete "Vorreiterrolle im Kampf gegen den Klimawandel" die letzten Plätze.

An vorderster Stelle liegen die mit der Wirtschaftskrise und den Sparmaßnahmen zusammenhängenden Themen:

  • 70 Prozent nennen die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit als vorrangiges Thema, weitere 24 Prozent sehen die Frage als „auch noch wichtig" an. Nur sechs Prozent sehen das als „weniger wichtig"an.
  • Absicherung der Pensionen ist für 69 Prozent vorrangig, 23 Prozent reihen das Thema in die zweite Reihe. Frauen sind übrigens die Pensionen wichtiger, Männern die Arbeitsplätze.
  • Die Qualität der schulischen Ausbildung nennen 64 (plus 28) Prozent - besonders Grün-Wähler.
  • Bekämpfung der Kriminalität (69 plus 29 Prozent) ist vor allem ein Männer- und FPÖ-Thema.
  • Die Verhinderung des Abwanderns von Unternehmen ins Ausland nennen 54 Prozent als erstrangiges, 30 als zweitrangiges Politikziel.
  • Augenmerk auf familienfreundliche Politik fordern 53 plus 34 Prozent.
  • 51 Prozent nennen die Sicherung der Energieversorgung als Priorität.

In der Liste folgen die soziale Absicherung aller Bevölkerungsgruppen (für 49 Prozent "vorrangig"), leistbare Energiekosten (48), Qualität von Forschung und Lehre an den Unis (46), Sicherung des Euro (45), ein ausgeglichenes Budget (42), Integration von Zuwanderern (34 Prozent - 31 halten das aber für unwichtig), Lösung des Facharbeitermangels (30), Umweltschutz (28 Prozent vorrangig, für 21 aber weniger wichtig) und die Vorreiterrolle beim Klimaschutz (für 21 Prozent vorrangig, für 29 aber ganz unwichtig). (Conrad Seidl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27./28.11.2010)

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