Anonyme Bewerbungen

"Die Wirtschaft sucht 'jung, weiß, männlich'"

Marietta Türk, 29. November 2010, 10:29
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    foto: bökli

    Personalberater Ediz Bökli hat eine praxisorientierte Dissertation im Bereich des Human Resource Management bzw. des Personalmarketings geschrieben.

Der türkischstämmige Personalberater Ediz Bökli sieht den Pilotversuch 'anonyme Bewerbungen' kritisch: "Mit solchen Tricks kommen wir nicht weit"

"Migranten haben in Deutschland mit sehr vielen Ressentiments am Arbeitsmarkt zu kämpfen", ist Ediz Bökli überzeugt. Er betreibt eine deutsch-türkische Personalberatung mit Jobportal in Deutschland und vermittelt hauptsächlich türkischstämmige Kandidaten. Häufig werden sie im Bewerbungsverfahren von Vornherein aussortiert, bekommen nicht einmal eine Chance auf ein Vorstellungsgespräch. Das bestätigen Erfahrungen und gezielte Bewerbungsexperimente. Zum Projektstart des Pilotversuchs "Anonyme Bewerbungen" in Deutschland äußert sich Bökli dennoch kritisch.

derStandard.at: Warum bedarf es einer Personalberatung speziell für türkisch-stämmige Akademiker?

Bökli: Menschen mit türkischem Hintergrund wird es in Deutschland am Arbeitsmarkt sehr schwer gemacht. Wir sind eine Personalberatung mit dem Fokus auf Vakanzen, die sich um das Thema "Türkei" drehen. Zum einen vermitteln wir für deutsche Firmen hochkarätiges Personal für ihren Standort Türkei. Zum anderen unterstützen wir deutsche Firmen bei der Besetzung von Positionen, in denen es um Vermarktungsprojekte hinsichtlich der türkisch-stämmigen Zielgruppe in Deutschland geht. 

In unserem Netzwerk sprechen wir über 18.000 türkische Akademiker direkt an und haben noch ein Netzwerk in der Türkei mit bis zu 25.000 türkischen Akademikern. Wir sind sehr stark über Social Media Plattformen wie Xing, Linkedin oder Facebook vernetzt.

derStandard.at: Sie wurden als Sohn türkischer Eltern in Deutschland geboren, sind in Deutschland aufgewachsen und haben ein Psychologiestudium inklusive ein Promotionsstudium in BWL erfolgreich abgeschlossen. Haben Sie ähnlich diskriminierende Erfahrungen gemacht?

Bökli: Anfangs nicht, denn als ich im Jahr 2000 mit dem Studium fertig war, gab es einen enormen Bedarf nach Hochschulabsolventen und ich hatte sehr gute Noten. 2004 habe ich aber auch hautnah erlebt, dass man mir nach einem gut gelaufenen Erstgespräch abgesagt hat. Nämlich mit der Begründung, dass ich nicht in das deutsche Team passe und dieses ein Problem mit meinem kulturellen Background hätte. Es hat sich damals um ein sehr großes deutsches Unternehmen gehandelt.

derStandard.at: Welche Konsequenzen hat diese Art der Diskriminierung für die Wirtschaft?

Bökli: Man muss davon ausgehen, dass der Staat diese Leute sehr teuer ausbildet, die deutsche und österreichische Wirtschaft schreit einerseits nach Talenten und übersieht dann Menschen, die im Land studiert haben, Deutsch, Englisch, Türkisch können, interkulturell sensibilisiert sind und global denken. Die deutsche Wirtschaft sucht nach dem Raster " jung, weiß und männlich". Dabei wird übersehen, dass in Deutschland nur 17 Prozent dieses Profil erfüllen. Sehr viele türkischstämmige Deutsche mit guten Qualifikationen wandern ins Ausland ab, weil man sie dort schätzt. Dabei haben wir in der deutschen Wirtschaft eine sehr große Fachkräfteproblematik und eine sehr stark belastete demografische Entwicklung.

derStandard.at: In Deutschland hat nun ein Projekt mit anonymen Bewerbungen gestartet, an dem fünf Unternehmen teilnehmen. Was halten Sie davon? 

Bökli: Man hat 30 Unternehmen kontaktiert - nur fünf haben die Zusage zur Teilnahme an dem Projekt gegeben - und das ist eher prestigefördernd gedacht. Zweitens: dieses Projekt ist gut gemeint, aber von der Umsetzung her nicht effektiv und sogar sehr kontraproduktiv. Es bekämpft nicht die Ursache, denn die latente Diskriminierung findet immer noch statt. 

Die Probleme verlagern sich alle auf das Erstgespräch. Im Bewerbungsprozess wird ja nicht nach einem Gespräch entschieden, meist gibt es zwei bis drei und man kann einem Kandidaten dann immer noch mitteilen, dass man ihn nicht möchte. Menschen müssen vielmehr das Denken in den Köpfen ändern. Dieses anonyme Modell suggeriert Bewerbern außerdem, dass sie einen Makel haben, den sie kaschieren müssen. Alles, was das Migrantenprofil ersichtlich machen könnte, dürfen sie nicht nennen. Und das stärkt nicht das Selbstbewusstsein. 

derStandard.at: In den USA funktioniert dieses Modell.

Bökli: Das Modell in den USA kann man nicht mit Europa vergleichen. Dort gibt es eine ganz andere Art von Integration. Unternehmen wie Motorola sind beispielweise laut Ranking der beste Arbeitgeber für die Hispanics. Dort hat man standardisierte Bewerbungsformulare eingeführt um die Klagewelle zu reduzieren.

Die Integrationsproblematik ist in Europa aber viel stärker. Viele Migranten werden gleich auch dem Islam zugeteilt und deswegen haben viele Menschen Ressentiments. Auch in den deutschen Medien wird ein sehr negatives Bild von den Migranten erzeugt: es ist sehr stark defizitorientiert und das bleibt sehr stark in den Köpfen der Menschen hängen, die Migranten problembehaftet wahrnehmen. 

derStandard.at: Welchen Vorschlag haben Sie?

Bökli: Mit solchen Tricks kommen wir nicht weit. Daher müssen wir vielmehr an den gesunden Menschenverstand appellieren: Die Vorstände in den Unternehmen müssen Leitbilder als Top-Down Ansatz verfassen und diese authentisch und glaubwürdig bis nach unten kommunizieren. Der erste Sachbearbeiter, der die Bewerbungsunterlagen in die Hände bekommt, soll wissen: das ist ein Migrant, den müssen wir genau so behandeln wie den Deutschen. Man muss eine Quote innerhalb des Unternehmens haben und die gesellschaftliche Struktur auch in der Belegschaft widerspiegeln. Und wir müssen auch gezielt proaktiv auf die drei diskriminierten Segmente - ältere Mitarbeiter, Frauen mit Kindern und Migranten - zugehen. 

derStandard.at: Sind Sie für eine Migrantenquote in den Unternehmen?

Bökli: Ich bin für eine intern geregelte Quote, gesetzlich sollte das nicht festgelegt sein. Als die Deutsche Telekom die Frauenquote implementiert hat, gab es einen großen Aufschrei. Deutschland ist einfach ein Männerclub von konservativen, biederen Herrschaften. Die Unternehmen sollten schon frei entscheiden können, aber sie sollten nach gesunden Maßstäben urteilen, weil wir mittel- bis langfristig große Probleme haben werden, Positionen zu besetzen. 

derStandard.at: Unternehmen nehmen Diversity oft als PR-Tool. Ist das wenigstens ein kleiner Ansatz in die richtige Richtung?

Bökli: Wenn Unternehmen nach Diversity schreien, sind das meist nur Lippenbekenntnisse und ich finde diese Aktionen nicht glaubwürdig. Wenn sie striktes Diversity Management betreiben, müssen sie auch wirklich ganz strategische operative Rekrutierungmaßnahmen aufbauen. Aber es gibt sehr sehr wenige Unternehmen, die striktes Diversity Management machen, der Rest ist einfach nur Publicity. (Marietta Türk, derStandard.at, 29.11.2010)

EDIZ BÖKLI , Jahrgang 1974, studierte Psychologie und Betriebswirtschaftslehre an den Universitäten Osnabrück, Bochum und Münster. Nach dem Studium arbeitete er in diversen Unternehmen als strategischer Berater und schrieb zusätzlich im Auftrag eines großen renommierten Unternehmens eine praxisorientierte Dissertation im Bereich des Human Resource Management bzw. des Personalmarketings. Doktor Bökli ist Leiter der Management- und Personalberatung.

Siehe

Wenn Bewerber Phantome sind

VorgesetztBlog: Bewerben ohne Namen und Foto

Links

Jobportal für türkischstämmige Bewerber: www.turkvita.de

www.boekli.de

Aktueller Report zum Thema

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 251
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Posten Sie mich bloß nicht an!
00
8.12.2010, 17:19
Eher jung, weiß, weiblich.

Hans Müller1
 
00
30.11.2010, 12:17
Vor allem suchen Firmen keine Schulabbrecher

bibliothekar
110
30.11.2010, 10:40

Das es benachteiligungen aufgrund von rasse oder geschlecht gibt wird wohl niemand bestreiten und das gehört bekämpft. Dass türken allerdings nicht weiß und männlich sind, ist mir neu ;)

Ein anderes problem sind menschen, die ihre religion oder politische einstellung offen zu schau stellen. Die würde ich nicht einstellen. Das führt zu konflikten im team und ist auch kunden nicht zumutbar.

per verser
41
30.11.2010, 12:37

sie haben natürlich recht - solche leute kann man nicht einstellen, die verursachen nur konflikte und sind unzumutbar. die müssen halt 3. nationalratspräsident, övp-justizministein, övp-innenministerin oder universitätsprofessor für geschichte (lothar höbelt) werden.

bibliothekar
01
30.11.2010, 14:29

Würden sie jemanden einstellen, der mit neonazisymbolen herumrennt?

Loyalist
10
30.11.2010, 10:31
Bin zwar kein Türke kenne aber das Problem und empfehle folgendes!

Entweder Selbständigkeit!
oder:

Die Aneignung eines Verhaltens das als typisch Österrreichisch gilt, nähmlich "raunzen"

Ich habe 5 Jahre nach meinen Uni Abschluss geraunzt und mir eingeredet: "Wenn sie mich nicht wollen, dann sollen sie sich nicht wundern dass ich auf ihre Kosten lebe!" Dieses Recht habe ich nähmlich als Staatsbürger.
5 Jahre arbeitslos, davon fast 4 Jahre Sozialhilfeempfänger war gar nicht so schlecht.
Schliesslich wars die neue Frau die mehr von mir erwartet hat und mich unter Druck setzte.
Ich wusste dass ich nicht ewig so leben kann, aber wenn ich wieder arbeiten würde, dann nur noch als Selbständiger.
Gesagt getan und es war die beste Entscheidung!

Benzino Gasolini
00
7.12.2010, 15:51

Der Rechtschreibfehler juckt mich überhaupt nicht aber:

Wenn das so einfach wäre mit der Selbständigkeit in Österreich, dann würde die Arbeitsmarktsituation etwas anders aussehen.

Daher meine Frage: "In welchem Job sind Sie selbständig?"

buena1vista1
14
30.11.2010, 11:21
mit Uni-Abschluß ...

sollte man wissen, dass man nämlich ohne "h" schreibt ... schließlich mit "ß" .... und ....

Gemein wie 10
04
30.11.2010, 12:10

ist doch egal, er ist ja jetzt

sehlpstsdändich

^^

Gemein wie 10
14
30.11.2010, 10:52

wer nämlich mit h schreibt ist dämlich! hat schon meine oma gesagt ;o)

Jambala Magdalena
12
30.11.2010, 08:56

Warum soll ein Betrieb einen Migranten oder eine Frau anstellen, nur wegen einer Quote?

The Chaos Path
00
30.11.2010, 12:58

gesamtgesellschaftliches denken?

uinsel
02
30.11.2010, 11:07

naja. wenn man sich die quote selber aufdoktriniert, weil das ja keine verpflichtung ist, sollte man sich vielleicht daran halten auch.

suboptimal
 
05
30.11.2010, 10:18
Weil es massenhaft dazupassende Kunden gibt?

Und weil das für eine doch recht große Zielgruppe ein Hinweis dafür ist, dass sie dort als Kunden willkommen sind?

do the evolution
218
30.11.2010, 08:13
die wirtschaft sucht "anspruchslos, widerspruchslos, und am besten gehaltslos"

buena1vista1
00
30.11.2010, 11:23
Sehe ich auch so ....

die neuen Leute, die in "meiner" Firma aufgenommen wurden, scheinen alle IQ ZERO zu haben ... raunzen viel (sagen natürlich nie was) und der Gehalt geht auch gegen ZERO ....

Publius C. Pulcher
00
30.11.2010, 08:28

für wen auch immer meint , rote stricherl zu geben: generation praktikum ....

kauf nix
03
30.11.2010, 08:26
schlechte erfahrungen gemacht, oder???

ich darf ihnen versichern - es ist nicht überall so und auch sie werden ihr platzerl finden. herzlichst ihre edith klinger.

do the evolution
02
30.11.2010, 12:20
ich hab schon ein tolles frauli gefunden, danke

ärgern tuts mir eher wegen den jüngeren wauzis, die neu auf fraulisuche sind

mag2412
42
30.11.2010, 08:05
Typisch, wenn ein Türke in den Medien was von sich gibt

ist es in der Regel ein Angriff oder eine Kritik, die Türken, die selbst nichts anderes tun als Unzufriedenheit und Zwist zu sähen, nur die kommen in den Medien vor.

Bei uns in der Personalabteilung arbeitet ein Türke. Ein sympatischern netter fleisiger aufgeschlossener junger Mann. Wie fähig er in seinen Job ist, kann ich nicht beurteilen weil ich davon nichts verstehe. aber er wäre sicher nicht bei uns wenn er es nicht gut machen würde.

unspektakulär, normal.....

was solls, ein mensch, der sich wie einer benimmt. der nicht mitn schafspelz und mohamed bart in das büro zockelt, der einen teil der europäischen kultur übernommen und akzeptiert hat.

wer das nicht will hat keine Chance

Mode Biller
14
30.11.2010, 09:51
Passt scho.

Mit deinem einen Türken in deiner Personalabteilung hast du die Kritik an der Personalpolitik in Deutschland für türkischstämmige Bürger ratzfatz entwertet.

Ich kenne ja auch einen 90jährigen Kettenraucher...

Was ich eher nicht kenne sind Türken mit "Schafspelz und Mohamed(sic!) Bart".

travelmike
11
30.11.2010, 06:09
Naja, wir brauchen auch nichts beschönigen,

ich kenn jede Menge Betriebe die generell keine Türken oder türkischstämmige Bewerber einstellen. Aber sehr vielen Betrieben, vorallem den Leasingfirmen und am Bau ist die Herkunft ziemlich wurscht.

Der Tod
00
8.12.2010, 09:16

Den leasing firmen ist aber auch wurscht was der kann.
Da kommen dann Zuckerbäcker als Elektriker daher.
Aber hauptsache die Aktionäre sind glücklich.

Mann sollte sich bei Personal ohne direkte Firmenbindung nur bitte nicht über den Qualitätsanspruch wundern.

uinsel
02
30.11.2010, 10:43

wieso sollte jemand mit einem master in psychologie am bau arbeiten wollen?

buena1vista1
00
30.11.2010, 08:05
aha ...

vielleicht weil sie nicht der deutschen Sprache mächtig sind???

Ich kenne wiederum jede Menge Betriebe (auch österr.) die sehrwohl viele Türken angestellt haben, z. B. weil sie billige Arbeitskräfte sind, da sie ja der Sprache nicht mächtig sind ....

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