Sprechen ohne Grenzen

26. November 2010, 16:48
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Der Redewettbewerb "Sag´s Multi" macht aufmerksam auf die Sprachvielfalt in den Wiener Schulen und die Vorteile der Mehrsprachigkeit

Mit gewissenhafter Vorsicht legt Dorotina ihren Zettel auf das Rednerpult und wendet sich anschließend der Jury zu. Sie hat sich ausreichend vorbereitet, ist ihre Erzählung bereits viele Male durchgegangen. Die 13-Jährige erzählt auf Deutsch von den emotionalen Stationen ihres Lebens, wie sie als Einjährige mit ihren Eltern aus dem Kosovo nach Österreich kam und von den Anfangsschwierigkeiten in dem fremden Land. Nach kurzer Zeit wechselt sie ganz natürlich in ihre Muttersprache, ins Albanische. Der sprachliche Übergang ist fließend, das Thema ihrer Erzählungen bleibt gleich.

So wie Dorotina stehen in diesen Tagen über 200 Jugendliche in der Vorausscheidung für den mehrsprachigen Redewettbewerb "Sag´s Multi", der in Wien zum zweiten Mal abgehalten wird. Ziel ist es die Sprachenvielfalt in Österreich in die Öffentlichkeit zu tragen. "Wir wollen mit dem Wettbewerb ein Signal geben, dass in Österreich alle Sprachen willkommen sind", erklärt Zwetelina Ortega, Geschäftsführerin des Vereins Wirtschaft für Integration und Organisatorin des Wettbewerbs. "Derzeit gibt es etliche Sprachen, die in der österreichischen Wahrnehmung negativ konnotiert sind, wie beispielsweise Serbisch oder Türkisch". Zu selten betrachtet man die Sprachenvielfalt als eine Ressource, die kreativ für Österreich genutzt werden kann.

Stärkung über Wertschätzung

Vor allem Kindern mit Migrationshintergrund gilt es bei "Sag´s Multi" ein Gefühl der kulturellen Akzeptanz und Wertschätzung zu vermitteln. Mehrsprachigkeit soll in der Gesellschaft nicht als Startnachteil ausgelegt werden. Sie ist ein Zeichen einer offenen und vielfältigen Gesellschaft. "Hier wollen wir ansetzen", sagt Ortega und fügt hinzu, dass "wir den Kindern und Jugendlichen auch bei dem wichtigen Prozess der Identitätsfindung helfen müssen." Viele der TeilnehmerInnen legen eine bemerkenswerte Reife bei der kritischen Auseinandersetzung mit ihren jeweiligen Migrationsgeschichten an den Tag. Innere Konflikte und Erlebnisse in Zusammenhang mit ihrer Herkunft werden mit selbstbewusster Offenheit vorgetragen. Intention des Wettbewerbs ist sowohl Förderung der deutschen Sprache als auch der Muttersprache der zugewanderten Menschen. Diese Vielsprachigkeit gelte es in Zukunft auch besser zu nutzen.

In guter Gesellschaft

Natascha aus dem Gymnasium Gehringergasse ist achtzehn und spricht in ihrer Muttersprache Urdu, nationaler Amtssprache in Pakistan und einigen indischen Bundesstaaten. Sie ist in Österreich geboren und fragt man sie nach ihrer Erstsprache, gibt sie Deutsch an. Die Professorin Michaela Stary, die die Teilnehmerinnen der Gehringergasse betreut, weiß, dass Natascha kein Einzelfall ist. "30 Prozent unserer Schüler haben einen Migrationshintergrund, wenn man ihnen zuhört, unterschieden sie sich nicht von den Muttersprachlern", betont Stary.

Viele Familien halten ihre Kinder dazu an, sich eher die Sprache des neuen Landes zu Nutze zu machen. Nicht selten mit dem Hintergedanken, dass die Kinder später ein erfolgreicheres Leben führen sollen. Die Muttersprache wird dann häufig nur unzureichend erlernt. "Die Teilnehmer von Sag´s Multi haben ein ganz unterschiedliches Sprachlevel in ihren Muttersprachen", sagt Ortega. "Manche beherrschen sie aber sehr gut, obwohl sie in Österreich geboren sind."

Zum Leitthema "Das Leben ist eine Reise" erzählten die Jugendlichen dieses Jahr Geschichten und Erlebnisse in ihren beiden Sprachen. Viele der Vorträge zeugten von einem kreativen und spielerischen Umgang mit den sprachlichen Fähigkeiten. Immer mit dem Anspruch über sprachliche Grenzen hinweg Verständnis zu finden. (Armand Feka, 26. November 2010, daStandard.at)

Beim ersten mehrsprachigen Redewettbewerb "Sag's multi!", der im Schuljahr 2009/2010 an den Wiener Schulen stattfand, haben insgesamt 114 SchülerInnen aus 35 Schulen teilgenommen.

Dieses Jahr sind es bereits 208 TeilnehmerInnen, die in 40 unterschiedlichen Sprachen ihre Vorträge abhalten.

Links:

Sag's multi

Vereins Wirtschaft für Integration

 

  • Michaela Stary mit den Teilnehmerinnen aus der Gehringergasse.
    foto: armand feka

    Michaela Stary mit den Teilnehmerinnen aus der Gehringergasse.

  • Mit viel Begeisterung und viel Lampenfieber habe die SchülerInnen ihre Reden zum Thema "Das Leben ist eine Reise" vorgetragen.
    foto: armand feka

    Mit viel Begeisterung und viel Lampenfieber habe die SchülerInnen ihre Reden zum Thema "Das Leben ist eine Reise" vorgetragen.

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