Der Duft und die Seele der Wüste

28. November 2010, 16:24
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Arizona ist auch abseits der roten Schluchten des Grand Canyon eine vielseitige Schönheit. Colette Schmidt hat sie kennengelernt

"Alle reden immer vom Überleben in der Wüste", wundert sich Jim, "aber alles hier ernährt sich prächtig, die Wüste ist voller Lebenskraft." Jim ist Biologe im Desert Museum bei Tucson. Er wandert auf einem schmalen Pfad zwischen haushohen Kakteen, wie den säulenartigen Saguaro, der seine Arme in den Himmel streckt, als ob er die Schönheit der Sonora Wüste so wenig fassen könnte wie Jims Gäste.

In diesem riesigen Wüstenpark wandelt man, vorbei an Gehegen mit Bären und Wölfen, umgeben von Stille und den Farben, die Arizona bestimmen: türkisblau, wie der Himmel, und die Steine, aus denen Ureinwohner Schmuck fertigen, tiefrot, wie das Innere der Erde, die in diesem Vulkanland aufgebrochen ist, um sich in ihre aufregende Seele blicken zu lassen, und grün, wie die lederhäutige, üppige Vegetation.

Die Wüsten Arizonas sind die fruchtbarsten der Erde. Das ist ein Wunder, denn "in den letzten 100 Jahren haben wir 98 Prozent unserer Wasserreserven verloren", erklärt Jim, den Blick nach Mexiko gerichtet. Teils grub Menschenhand Wasser für Städte wie Phoenix ab, teils trocknete der Klimawandel das Land aus.

Die Wüste hat nicht nur Farben, sie hat auch einen Geruch: den des Creosote Busches, den man vor allem wahrnimmt, wenn es regnet. Auf Regen zu warten ist aber meist sinnlos. Man kann auch einfach einen Zweig mit den Händen umfassen, warme Atemluft in die Handhöhle blasen und riechen: Es duftet nach Weihnachtskeksen, Pfeifentabak und Sonne.

In dieser Landschaft, die auch durch eine Weite beeindruckt, die einen glauben lässt, es gäbe sonst nichts mehr auf der Welt, würde ein vorbeispazierender Dinosaurier nicht überraschen.

John Wayne in jeder Gasse

Doch wenige Autominuten vom Desert Museum entfernt landet man sanft im 19. Jahrhundert. In den Old Tucson Studios wurden in den letzten Jahren nicht mehr oft Filme gedreht, aber der Geist der großen Western Helden weht noch immer durch die Gassen, die jedem, der ein paar alte Westerns gesehen hat, vertraut sind. Die Studios sind eigentlich der Nachbau des Ort Tucson, wie er 1860 aussah. 1939 schuf man die originalgetreue Reproduktion samt Lehmhäusern für nur einen Film, der Arizona hieß. Heute kommen Senioren und Fans von John Wayne her. Kinder, die sich weder an alte Westernfilme, noch an Serien wie High Chaparral oder Unsere kleine Farm erinnern können, spielen im kleinen Vergnügungspark mit Nostalgiezug und Gefängniszelle zum Probesitzen. Wahre Fans suchen die Stelle, wo W ayne als John T. Chance vom betrunkenen Sheriff alias Dean Martin in Rio Bravo (1959) attackiert wird und mit dem legendären Satz "Sorry don't get it done, Dude" kontert.

Während die Filmstars damals oft Wohnwagen auf dem Areal wohnten, kann man heute relativ nahe im neu eröffneten Ritz-Carlton in Dove Mountain einchecken - Luxus-Spa inklusive.

Die meisten Besucher Arizonas beginnen ihre Reise in Phoenix, weil sie am Sky Harbor Airport erstmals Bodenkontakt mit dem Canyon-State haben. Doch es ist egal, aus welcher Himmelsrichtung man seine Reise beginnt. Ohne Auto kommt man nicht weit. Mit Auto allerdings auch nicht. Die Straßen, die über hunderte Kilometer gerade durchs Land laufen, sind gut und von Stau wird man, sobald man Phoenix verlassen hat, verschont. Es gibt ein anderes Problem: Man muss alle 15 Minuten anhalten, um Fotos zu machen oder sich verzückt umzusehen. Wenn das Wort atemberaubend auf etwas zutrifft, dann auf die extremen Landschaften Arizonas.

Bricht man im Süden im herbstlichen Tucson bei milden 30 Grad Celsius nach Norden auf, weiß man bald, warum die Dame bei der Autovermietung einen Wagen mit Gangschaltung empfohlen hat: Es geht nun leicht, aber ständig bergauf. Dann fährt man über die letzte Kante und befindet sich plötzlich in einer anderen Welt, in der Steppe des Colorado-Hochplateau. Eine weitere Stunde später sieht man nur mehr Pinienwälder, schaltet die Klimaanlage ab und zieht einen Pulli an.

Während für die Sonora Wüste die Reise-Saison im Oktober beginnt und im April, während der Kaktusblüte, endet, kann man das auf mehr als 2000 Meter gelegene Flagstaff ruhig auch im Sommer besuchen. Denn im Herbst geht es in der Stadt mit dem schönsten Sternenhimmel nachts unter den Gefrierpunkt. Der klare Himmel über dem mächtigen Gebirgszug der San Francisco Peaks überzeugte 1894 den Bostoner Astronomen Percival Lowell, hier nach langer Standortsuche ein Observatorium zu bauen. 1930 wurde im Lowell Observatory Pluto entdeckt.

Durch Flagstaff führt auch die viel besungene und stark befahrene Route 66. An ihr liegt der legendäre Museums Club, den man sich nach dem Besuch der Sternwarte, ansehen sollte. Die große alte Blockhütte hatte unter Musikern den Namen "The Zoo". Denn der Club war in den 1930ern das Haus eines Präparators. Seine Tiere blicken noch heute auf die Gäste herab. Im "Zoo" soll es übrigens, wie in fast jedem Haus in Flagstaff, spuken.

In eine völlig andere Welt, auf die man sich in Flagstaff im Museum of Northern Arizona vorbereiten kann, taucht man ein, wenn man auf dem Weg zum South Rim des gigantischen Grand Canyon nach Tuba City über die Reservate der Navajo und Hopi Indianer fährt: Alkoholverbot, kein Handy-Empfang, keine Sommerzeit, pure Einsamkeit. Man sollte daher bei jeder Weggabelung sicher sein, wohin man will, denn die durchwegs hilfsbereiten Einwohner Arizonas sind hier mitunter für eine Stunde verschwunden. Man trifft nur spektakuläre, aber schweigende Felsformationen.

In Tuba City kann man im Navajo Museum viel über Mythen und Lebensart eines der ältesten Völker Amerikas lernen. Zur Schöpfungsgeschichte der Navajo zählt etwa die Phase, in der sich Männer und Frauen in verschiedene, von einem Fluss getrennte, Länder aufteilten, weil sie zu viel zankten. Sie fanden wieder zueinander: Die Frauen wollten nicht dauernd jagen, die Männer hatten den Haushalt satt. Wie sie sich in der Zwischenzeit vermehrten, ist unbekannt. Ab 1942 jedenfalls, im Kriegs der USA gegen Japan, schrieben die Navajo als "Code Talkers" mit ihrer Sprache, welche die Japaner nicht knacken konnte, Geschichte.

Ebenfalls in Tuba City eröffnete heuer das Moenkopi Legacy. Das gemütliche Hotel ist seit 50 Jahren das erste, das auf Hopi-Land erbaut wurde.

Nahe Phoenix gibt es schon seit 2002 ein Hotel auf einem Reservat, das ebenfalls Indianer-Gemeinden gehört und sie finanziert. Es ist das Sheraton Wild Horse Pass am Gila River, wo Pima und Hohokam Indianer schon vor 100 Jahren Durchreisende versorgten. Hinter dem Golfplatz leben tatsächlich wilde Pferde. Im Spa kann man eine Medizinfrau für traditionelle Anwendungen aufsuchen.

Die Wüste hat auch einen Geschmack: Prickly Pear Kaktus-Sirup. Mit ihm mariniert man Büffelfleisch, versüßt Pancakes - oder man bestellt sich einen Prickly Pear Margarita an der Hotelbar im Wild Horse Pass: So schmeckt Arizona. (Colette Schmidt/DER STANDARD/Rondo/26.11.2010)

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