Als Junkies Helden waren

25. November 2010, 21:13
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Das theater.wozek erinnert im Dschungel Wien an die Junkie-Größe "Christiane F.": ein Theateressay - nicht rundum gut, aber hochinteressant.

 

Wien - Es gibt nach wie vor Momente in Karl Wozeks Theater, die diesen zwar geförderten, aber nie entscheidend gewürdigten Regisseur und Stückemacher als eigensinnigen Riesen ausweisen. Sein neues Stückprojekt Christiane F. ist eine szenische Meditation über die gleichnamige berühmte Berliner Junkie-Ikone.

Das aus Film (Wir Kinder vom Bahnhof Zoo) und Stern bekanntgewordene prototypische Exemplar der "No Future"-Generation wirkt heute merkwürdig zeitentrückt. Heroin galt in den Jahren des "Thin white duke" (David Bowie!) als authentische Keinen-Bock-auf-gar-nichts-Medizin: als Gegenteil jener Stimulanzien, die Teilhabe an der Party-Gesellschaft gewährleisten sollen.

Wozek, dessen theater.wozek im Wiener Dschungel Quartier bezogen hat, lässt sich auf klassische Einfühlungsdramatik erst gar nicht ein. Seine vier Schauspieler sind Teil einer Versuchsanordnung, die - Stück im Stück - eine Probe auf dem Theater vorstellt. Ein Schauspieler schlüpft völlig folgerichtig in die Rolle des leiblichen Sohns jener Christiane Felscherinow, deren fehlendes Pflichtbewusstsein mindestens seine Kindheit auf dem Gewissen hat.

Da mit posthumen Schuldzuweisungen aber nichts getan ist, rekonstruieren die Schauspieler einzelne Szenebrocken; spielen Lebensstationen mit Plastikfiguren auf dem Klodeckel nach. Aus den kälteklirrenden New-Wave-Herzgebieten der 1980er-Jahre bleiben die schmutzigen Elemente über: die aussichtslose Liebe eines gefallenen Mädchens (Sandra Selimovic) zu einem Stricher. Die Mühsal von Entzug, Wiedereinstieg und jener quälenden Gewissheit, dass der gesellschaftliche Umgang mit Suchtmittelmissbrauch kaum vom Fleck kommt.

Christiane F. gleicht am ehesten einem Theater-Essay: einem szenischen Elaborat, das sich selbst kommentiert und ins Wort fällt. Wenn Wozek noch sorgfältiger im Umgang mit seinen Schauspielern wäre - er könnte fast ein Riese sein. (Ronald Pohl/ DER STANDARD, Printausgabe, 26.11.2010)

Dschungel Wien, 7., Museumsplatz 1, 01/522 07 20 20. 19.30

  • Der Weg allen Unglücks führt in das städtische Abwassersystem: Sandra 
Selimovic (Vordergrund) und Marion Rottenhofer in "Christiane F."
    foto: pálffy

    Der Weg allen Unglücks führt in das städtische Abwassersystem: Sandra Selimovic (Vordergrund) und Marion Rottenhofer in "Christiane F."

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