Die Wachstumsgrenzen der Giganten

26. November 2010, 11:48
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Das Aussterben der Saurier ließ die Säugetiere rasant größer werden - bis sie ihr Energiebedarf stoppte

Calgary - Seine Erscheinung dürfte furchterregend gewesen sein. Indricotherium transouralicum war ein acht Meter langer und mehr als fünf Meter hoher Gigant, der vor rund 28 Millionen Jahren dort lebte, wo sich heute die kasachischen Steppen ausbreiten. Damals gab in diesen Gebieten eine üppige Waldvegetation und damit reichlich Futter für die mit den Nashörnern verwandten Kolosse. Sie waren Vegetarier und wahrscheinlich ziemlich friedliche Kreaturen. Wer so groß ist, hat kaum noch Feinde.

Die Entstehung von Indricotherium als Gattung bedeutete den vorläufigen Höhepunkt eines Evolutionsprozesses, dessen Startschuss das schlagartige Verschwinden der Dinosaurier vor 65 Millionen Jahren war war. Bis dahin hatten Säugetiere zwar schon seit etwa 140 Millionen Jahren existiert, doch ihre Entwicklung blieb im Schatten der Riesenechsen stecken.

Die größten Säuger erreichten gerade 10 bis 15 Kilo. Und dann änderte sich plötzlich alles. Die ausgestorbenen Saurier hinterließen zahllose ökologische Nischen, die es neu zu besetzen galt. Den überlebenden Warmblütern boten sich nahezu unbegrenzte Möglichkeiten.

Tausendfaches Gewicht

Es dauerte etwa 25 Millionen Jahre, bis sich das maximale Körpergewicht von Säugetieren um das Tausendfache steigerte. "Das ist ziemlich schnell, auf einer evolutionären Zeitachse", sagt die Paläontologin Jessica Theodor von der kanadischen University of Calgary. Theodor ist Mitglied eines Forscherteams, dass die Evolution von Riesensäugern neu unter die Lupe genommen hat und darüber im Fachblatt Science (Bd. 330, S. 1216) publizierte.

Die Wissenschafter analysierten Daten von Säuger-Fossilien aus der ganzen Welt und fügten diese in mathematische Modelle ein. Sie zeigt einen bemerkenswerten Trend auf: Großspezies wuchsen praktisch zeitgleich auf sämtlichen Kontinenten heran. Offensichtlich gab es in allen damaligen Weltteilen Nischen für füllige Pflanzenfresser.

I. transouralicum war mit einem Gewicht von schätzungsweise 17 bis 20 Tonnen der größte aller landlebenden Säuger. Nur Ur-Elefanten der Gattung Deinotherium erreichten später im Miozän ähnliche Gewichte. An die gewaltigen Ausmaße von Sauriern kamen sie jedoch nicht heran.

Warum nicht? Die Ursache liegt wohl im Stoffwechsel, erklärt Jessica Theodor. "Dinosaurier konnten größer werden, weil sie weniger aßen." Als kaltblütige Tiere brauchten sie nicht so viel Energie. Ab einer bestimmten Größe hätten die Säugetiere gar nicht mehr so viel Futter aufnehmen können wie sie bräuchten, um den Metabolismus aufrecht zu halten.

Für Elefanten & Co erfordert die Nahrungsaufnahme bereits jetzt einen enormen Aufwand. "Große Pflanzenfresser fressen praktisch ständig", so Theodor. Fragen des Gewichts und des Knochenbaus dagegen hätten das Wachstum der warmblütigen Giganten nicht eingeschränkt, meint die Expertin. "Die biomechanischen Grenzen scheinen die Säugetiere nie ausgereizt zu haben." (Kurt de Swaaf/DER STANDARD, Printausgabe, 26.11.2010)

  • Riesensäuger im Größenvergleich: Elefant (grau), Ur-Elefant (blau), Indricotherium transouralicum (hellblau).
    illustration: impps

    Riesensäuger im Größenvergleich: Elefant (grau), Ur-Elefant (blau), Indricotherium transouralicum (hellblau).

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