Die Weltrevolution fällt aus

25. November 2010, 18:14
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Oskar hat 1974 im spießigen München keine Zeit, mit Resa zu kuscheln - 2006 treffen sich die beiden zufällig wieder

Man muss den jungen Oskar verstehen. Er hat 1974 im spießigen München keine Zeit, mit Resa zu kuscheln, schließlich gilt es die Weltrevolution vorzubereiten, und da ist Oskar (David Rott) ganz vorn mit dabei. Jusstudentin Resa (Rosalie Thomass) hat in "Die letzten 30 Jahre" (Mittwoch, 20.15Uhr, ARD) meist das Nachsehen.

Aber sie gibt nicht auf. Obwohl ihre Lebensentwürfe völlig gegensätzlich sind - Oskar ist einfach die große Liebe. Nach und nach zwingt sie ihn in ein bürgerliches Leben mit Meerschweinchen und Wohnzimmersofa. Oskar antwortet mit Karl Marx, Brandreden über die "herrschende Klasse" - und eines Tages ist er verschwunden, keiner weiß, wohin.

2006 treffen sich die beiden zufällig wieder. Oskar hat sich vollkommen verändert, nicht nur weil er jetzt von August Zirner gespielt wird. Er ist Pressesprecher der Wirtschaftsministerin, wohnt im peinlich-protzigen Eigenheim und hat zwei Kinder. Der Zuseher ist ebenso fassungslos wie die ältere Resa (Barbara Auer).

Natürlich lieben sie sich immer noch, aber diesmal fällt Resa nicht mehr auf ihn rein. Gut so, ein derartiges Happy End wäre unerträglich gewesen. Im Gegenteil: Man kann es Resa nicht verdenken, dass sie Oskar seine früheren Parolen (man darf es sich nicht im Privaten gemütlich machen) derart um die Ohren haut, dass er vor Scham im Boden versinkt.

Aber gerade weil es ein traurig-schöner Film über unerfüllte Liebe ist, hätte man gerne mehr über Oskars Wandel erfahren. Zwar wird die frühe Revoluzzerzeit in dreckigen Wohngemeinschaften und bei marxistischen Schulungen detailliert gezeigt. Oskars Motive, seine Ideale später zu verraten, bleiben leider im Dunklen. (Birgit Baumann/DER STANDARD; Printausgabe, 26.11.2010)

  • Einst und jetzt.
    foto: wdr

    Einst und jetzt.

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