Das Hexenhaus als letzte Zuflucht

25. November 2010, 18:10
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Immer mehr Frauen werden in dem westafrikanischen Staat der Hexerei bezichtigt - auch von Gebildeten

Vor den Lehmhütten in dem Dorf nahe der Stadt Yako in Burkina Faso hat sich die Dorfgemeinschaft zu einer Krisensitzung versammelt. In wenigen Tagen sind mehrere Kinder gestorben. Malaria, Meningitis, Aids oder Durchfall könnten die Ursache sein. Die BewohnerInnen kennen den wahren Grund: "Hexerei."

Mithilfe eines Wahrsagers wird die vermeintliche Hexe ausfindig gemacht. In Mooré, einer der rund 60 Landessprachen, nennt man sie "Chouinba". Seelenfresserin. Sie wird beschuldigt, die Seele der Menschen zu vernichten und sie somit zu töten. Die Frau wird verprügelt und aus dem Dorf gejagt. Für die Betroffenen ist das Urteil fatal. Ohne Familie ist eine Frau weniger Wert als ein Huhn. Suizid erscheint oft als einziger Ausweg.

Wer sich für das Leben als "Hexe" entscheidet, endet oft in einem "Hexenhaus" - wie dem "Cour de Solidarité de Paspanga" in der Hauptstadt Ouagadougou. Mehr als 100 Frauen sitzen oder liegen auf dem staubigen Boden im Innenhof, umgeben von barackenähnlichen Verschlägen. Man wähnt sich in einem heruntergekommenen Altenheim ohne Krankenpflege und Mobiliar, wo es weder fließendes Wasser noch Elektrizität gibt. Katholische Ordensschwestern versorgen die Frauen mit dem Nötigsten. Pro Tag gibt es eine Mahlzeit - Bohnen und getrockneten Fisch. Man teilt das Wenige, was man hat: das karge Essen und die tragische Geschichte.

"Die Frauen entsprechen alle dem typischen Hexenprototyp", erklärt die Ordensschwester Rosalie. "Junge Mädchen werden nicht verstoßen, denn sie sind arbeits- und gebärfähig. Alte Frauen hingegen werden oft als Last gesehen - wenn sie kinderlos, unverheiratet, verwitwet sind oder nicht dem gewohnten Bild entsprechen. Die Hexenvertreibung ist das ideale Mittel, sich ihrer zu entledigen. Männer sind nur selten betroffen".

Die Verstoßenen wirken wie vertriebene Tiere; ängstlich, verwirrt und hilflos. Sie erzählen lediglich Bruchstücke ihrer Geschichte. Die jüngste Frau, knappe 40 Jahre alt, besuchte Verwandte. Am Tag ihrer Ankunft im Dorf starben zwei Menschen. Seither gilt sie als Hexe. Amalie beschützte ihre Mutter vor dem Mob. Auch sie wurde zur Hexe. Beide werden wohl in dem Heim sterben. Reintegration ist kaum möglich.

Ali Nooma ist darüber froh. "Die Seelenfresserinnen haben schon immer eine Gefahr dargestellt", erklärt der 42-jährige Familienvater, der seinen richtigen Namen nicht nennen möchte. Er arbeite für ein internationales Unternehmen und möchte kein Risiko eingehen. Seine Haltung habe nichts mit Ignoranz oder Unwissen zu tun. Er besitzt einen Universitätsabschluss, hat Europa bereist und ist gläubiger Muslim. "Religion und Hexenglauben sind zweifellos kompatibel", erklärt er. "Das Böse war vor der Religion da."

Die Regierung appelliert in Broschüren an das Gewissen des Volkes. Der Sinn ist fraglich: Mehr als 70 Prozent der Erwachsenen können weder lesen noch schreiben. (Christa Wüthrich aus Ouagadougou/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26.11.2010)

  •  Alte Frauen werden oft als Last gesehen:
 Die Hexenvertreibung ist das ideale Mittel, sich ihrer zu entledigen. Reintegration ist für die "Seelenfresserinnen" kaum möglich.
    foto: apa/epa/jane hahn

    Alte Frauen werden oft als Last gesehen: Die Hexenvertreibung ist das ideale Mittel, sich ihrer zu entledigen. Reintegration ist für die "Seelenfresserinnen" kaum möglich.

  • Artikelbild
    foto: apa/epa/jane hahn
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