Die Geschichte krummbuckeliger Meisterwerke

25. November 2010, 17:46
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Eines der langlebigsten Independent-Labels feiert sein zwanzigjähriges Bestehen: City Slang

Ein Porträt des europäischen Musikverlags von Indie-Lieblingen wie Arcade Fire, Calexico oder Caribou.

Wien - Obwohl Christof Ellinghaus erst 47 Jahre alt ist, vermeint man, einem Dinosaurier gegenüberzusitzen. So nennt er sich mitunter selbst. Schließlich arbeitet er seit mehr als zwanzig Jahren im Musikgeschäft. Und das hat sich in dieser Zeit so gravierend verändert, dass nur wenige dort ein derlei biblisches Berufsalter erreichen wie er.

Mit dem von ihm gegründeten Label City Slang feierte er letztes Wochenende in Berlin drei Abende lang das zwanzigjährige Bestehen - mit Konzerten von Hausbands wie Lambchop, Tortoise, Yo La Tengo oder Calexico, die zu den meistverkauften Acts des Labels zählen.

Zwanzig Jahre sind auch deshalb eine beachtliche Zeitspanne, weil City Slang sogenannte Independent-Musik veröffentlicht. Der schwammig gewordene Begriff "Independent" bedeutet heute noch, dass nur selten große Brote gebacken werden. Das hat sich in all den Jahren nicht verändert. Seinem Ansatz ist der zweifache Vater dennoch treu geblieben: "Ich bin tatsächlich immer noch nur so ein Musikaussucher." Mit einer guten Nase.

Erste Erfahrungen im Business sammelte der Musikfreak bei Glitterhouse, der europäischen Dependance des Sub-Pop-Labels. Ellinghaus organisierte und begleitete dort Tourneen von Nirvana, Soundgarden oder Mudhoney, bevor diese weltberühmt wurden. Die US-Band Flaming Lips suchte damals ein europäisches Label, Ellinghaus gab vor, ein solches zu haben. Als verlängerter Arm der Plattenfirma Vielklang gründete er City Slang, das heute in seinem Segment als wichtigster Verlag für amerikanische Rockmusik außerhalb der USA gilt. Nach zwei Jahren trennte sich Ellinghaus von Vielklang, das mit seinen Erfolgen eigene Fehlinvestitionen ausbügelte.

Aus jener Zeit datiert auch eine der größten verpassten Möglichkeiten. "Eine Band namens Pavement hatte mir eine Kassette geschickt, begleitet von so einem ausgebissenen Zettel mit einer Telefonnummer. Ich habe dann dort angerufen und auf den Anrufbeantworter gesprochen, aber da kam nichts zurück. Und wenige Monate später waren Pavement plötzlich überall und das nächste große Ding."

So ein nächstes großes Ding ereilte City Slang 1994. Vier Tage nach Kurt Cobains Freitod veröffentlichte dessen Witwe mit ihrer Band Hole das Album Live Through This, das sich via City Slang in Europa über 300. 000-mal verkauft hat. Zu Ellinghaus' persönlichen Favoriten gehören allerdings andere Arbeiten.

"Meine liebsten City-Slang-Alben sind seltsamerweise Platten, mit denen die Musiker eher krummbuckelig zu mir kamen. Neon Golden von The Notwist war eines davon. Bei Is A Woman von Lambchop war es genauso. Kurt Wagner hat sie mir gegeben: ,Hier unsere neue Platte, alles sehr lahm, sehr lange Songs, bleibt im Tempo unten, klingt alles gleich. Hoffe, es gefällt dir trotzdem.' - Ich habe tatsächlich drei Durchläufe gebraucht, aber dann hat es Klick gemacht - eine Wahnsinnsplatte! So ist es zum Glück vielen Leuten gegangen. Jetzt gibt es sie wieder, und sie geht weg wie geschnitten Brot."

Auf Höhe der Zeit

Dieses intime Meisterwerk der Country-Band Lambchop ist eines von fünf Alben, die rund um das Jubiläum als Deluxe-Edition neu aufgelegt wurden, nachdem Ellinghaus einige Jahre lang nicht die Rechte dafür besaß. Gelten Katalogveröffentlichungen oft als Indiz dafür, dass ein Label weder für die Gegenwart geschweige denn für die Zukunft Interessantes bereithält, muss sich City Slang diesen Kopf nicht zerbrechen. Mit Bands wie Caribou, Junip, Get Well Soon oder Broken Social Scene befindet man sich auf der Höhe der Zeit. Dass eine mittlerweile weltberühmte Band wie Arcade Fire dem Label die Treue hält, schadet auch finanziell nicht. Trotzdem - selbst das erfolgreichste Presswerk ist heute weniger ausgelastet als früher.

Und Enttäuschungen sind zeitlos. "Am schlimmsten ist es jedes Mal, wenn wir an ein Album wirklich glauben, wir damit aber den Markt nicht erreichen, es einfach nicht rüberbringen."

Um über solche Rückschläge nicht zu stolpern, baut man auf eine Strategie der kleinen Schritte. Neben dem Verlag etablierte Ellinghaus ein Merchandise-Unternehmen und eine Agentur, die Konzerttourneen plant. Dinge, die im wichtiger gewordenen Konzertgeschäft große Bedeutung erlangt haben.

Für die Zukunft plant er, den Musikverlag auszubauen. "Irgendwer in Tschechien spielt ein Lied, das du verlaglich administrierst, und plötzlich kommt dabei Geld heraus. Das erzeugt ein finanzielles Grundrauschen, das wiederum dem Label hilft."

Für das nächste Frühjahr stellt dieses Veröffentlichungen von lauter neuen Bands in Aussicht. Für das Weihnachtsgeschäft platziert es neben den Deluxe-Wiederveröffentlichungen ein limitiertes Lambchop-Boxset. Auf acht CDs und zwei DVDs bietet dieses rares Live-Material der Band, die mit ihrer Darbietung von Is A Woman im Berliner Admiralspalast eindringlich daran erinnert hat, welch Schönheit die Unaufgeregtheit zu gebären imstande ist. (Karl Fluch / DER STANDARD, Printausgabe, 26.11.2010)

  • Kurt Wagner, Chefmütze der US-Band Lambchop, gratulierte am Wochenende 
in Berlin dem Label City Slang zum  20. Geburtstag.
    foto: standard / fischer

    Kurt Wagner, Chefmütze der US-Band Lambchop, gratulierte am Wochenende in Berlin dem Label City Slang zum 20. Geburtstag.

  • Christof Ellinghaus, Gründer von City Slang.
    foto: city slang

    Christof Ellinghaus, Gründer von City Slang.

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