"Lord of no Chance" oder irisches Klackern

25. November 2010, 16:15
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Mit "Lord of the Dance" führt Stepp-Guru Michael Flatley den Iren vor, was gerade bei ihnen passiert

Dumpfe Glockenschläge und düstere Gestalten in Mönchskutten mit lodernden Fackeln können nur Gutes bedeuten. Der Funke springt sofort über, wenn Michael Flatley, US-Amerikaner mit irischen Wurzeln und menschgewordenes Steppbein als "Lord of the Dance" auf die Bühne prescht. Scherensprünge, frenetisches Klacken der Tanzsohlen in olympiaverdächtiger Synchronität lassen den Zuschauer in ein magisches Universum, irgendwo zwischen Mittelerde, irischer Legende und Folklore eintauchen. Es geht um den Kampf Gut gegen Böse, um Macht und Gefahr. Ein zeitloses Thema, nicht erst seit 1996, als die Show erstmals gezeigt wurde und Flatley weltberühmt machte.

35 Anschläge pro Sekunde klopft der "Riverdance"-Gründer zeitweilig in den Boden. Einmal im Leben so herzhaft aufzustampfen - welcher Ire, wenn er nicht gerade das Land verlässt, träumte angesichts des drastischen Sparpakets der Regierung nicht davon? Gar Böses hat sie vor, 15 Milliarden Euro will sie in den nächsten vier Jahren einsparen, um den eigenen Haushalt damit zu entlasten und "grün" für IWF- und EU-Hilfen zu sein. Wie das gehen soll? Erhöhungen der Mehrwertsteuer, Einschnitte bei Staatsausgaben und Kürzungen bei Sozialleistungen.

 

Wie sich die Choregraphie der irischen Regierung im Alltag durchsetzen kann, zeigen die Tänzerinnen in Flatleys Ensemble nur allzu beeindruckend. An der Grenze physischer und psychischer Kräfte reißen sie sich Röckchen und Leibchen vom Körper. Nie flog das letzte Hemd hingebungsvoller für einen Staat, dessen Defizit bei 32 Prozent liegt. Fast aufgelegt, dass das eineinhalbstündige Stepp-Spektakel extatische Unterstützung zweier Geigerinnen erhält. Platt, aber die Frage drängt sich auf: Was hat Irland vergeigt?

Kann man ein Land verdammen, weil es nach dem Platzen der Immoblase für seine Banken geradesteht und liebevoll, wie eine Mutter, deren Verpflichtungen übernimmt, bis der Schuldenberg unüberschaubar wird? Die Investoren zumindest hat das Land vergrätzt. Sie kommen zögerlicher und wenn überhaupt, wollen sie ihren Anteil, fette Zinsen. Teufel, Teufel - Schuldenkrise ohne Ende. Einem "Lord der Finsternis" steht auch Flatley gegenüber. Der will ihm ordentlich ans Leder, genauer gesagt an einen mit Funkelsteinen gespickten Gürtel. Tom Cunningham als "Don Dorcha" mag das am Höhepunkt gelingen, doch das Glück währt nicht lange. Ein zartes Flötenspiel, gehaucht von einer hinreißenden Katie Pomfret als "Little Spirit", entreißt dem Bösewicht die Macht samt Diebesgut.

Nun will Irland 85 Milliarden Euro aus dem Euro-Rettungsschirm nicht klauen, sondern leihen, nutzen werden sie dem Land auf lange Sicht aber nicht. Irland kann sich ohne ein tragfähiges Wirtschaftskonzept nicht von selbst retten. Also, ordentlich draufhauen: Zerschlagt eure maroden Banken, denkt beim Anzapfen nicht nur an Guinness und pokert um einen Forderungsverzicht. Eine andere Chance gibt es nicht. Damit endet der Mythos, und das Spektakel beginnt: Der europäische Steuerzahler wird blechen und stinksauer sein.

Die Stadhalle in Wien war übrigens ausverkauft. Und Irland? (Sigrid Schamall)

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