Frauenhaus als einzige Möglichkeit

25. November 2010, 14:54
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Ohne Unterstützung von Familie und Bekannten haben viele Migrantinnen, die in Gewaltbeziehungen leben, keine andere Möglichkeit als ins Frauenhaus zu flüchten

Migrantinnen sind in Frauenhäusern besonders zahlreich vertreten. Ohne Sprachkenntnisse und soziale Netzwerke fällt es ihnen besonders schwer ein eigenständiges Leben aufzubauen. daStandard.at sprach mit Andrea Brem, Geschäftsführerin des Vereines Wiener Frauenhäuser, über die erschwerte Situation der Frauen mit Migrationshintergrund.

daStandard.at: Mehr als die Hälfte aller Frauen, die in den Wiener Frauenhäusern Zuflucht suchen, sind nicht österreichische Staatsbürgerinnen. Wie kommt es zu diesem hohen Anteil an Migrantinnen?

Andrea Brem: Zunächst möchte ich vorausschicken, dass Gewalt an Frauen kein spezifisches "Migrantenthema" ist. Allerdings haben viele Frauen mit Migrationshintergrund keine anderen Ressourcen, ihnen bleibt nur die Flucht ins Frauenhaus. Die Situation dieser Frauen ist besonders schwierig, weil sie von den Männern finanziell abhängig sind. Viele lernen auch kein Deutsch, weil es die Männer verbieten und üben auch keinen Beruf aus. Wenn es dann zu Gewalt kommt, sind sie vollkommen isoliert.

Welche Probleme ergeben sich aus dieser Lebenssituation?

Brem: Weil die Frauen anhängig sind, bleiben sie oft lange in den Gewaltbeziehungen und brauchen oft länger um sich daraus zu befreien. Da geht es nicht nur darum die Beziehung zu beenden - es muss ein Job gefunden werden und sie müssen auch schauen, dass sie einen eigenständigen Aufenthaltstitel bekommen. Sie müssen ein vollkommen neues Leben beginnen.

Bleiben die Frauen mit Migrationshintergrund länger in den Frauenhäusern als autochthone Österreicherinnen?

Brem: Der Aufenthalt im Frauenhaus ist davon abhängig, wie lange die Gewaltsituation dauert. Das ist nicht unbedingt ein Unterscheidungsmerkmal. Aber der Aufbau einer neuen Existenz ist für Frauen mit Migrationshintergrund wesentlich langwieriger. Die autochthone Österreicherin hat in der Regel mehr Ressourcen.

Wie erfahren Migrantinnen von ihrer Einrichtung?

Brem: Das passiert auf unterschiedlichen Wegen. Ich glaube, dass wir in den Communities bekannt sind, Frauen tauschen zum Beispiel Informationen im Park aus. Wenn es zu einer Anzeige kommt werden die Frauen von der Polizei informiert. In letzter Zeit haben wir auch viele ArbeitgeberInnen, die sich melden und sagen: „Wir haben da eine Angestellte...". Am schwierigsten haben es aber natürlich jene, die nicht einmal alleine zum Billa gehen dürfen. Diese Frauen erreichen wir, glaube ich, kaum. Außer vielleicht durch Plakate oder Anzeigen.

Wie versuchen die Wiener Frauenhäuser das Sprachproblem zu umgehen?

Brem: Wie haben Kampagnen und Plakate auch in den verschiedenen Muttersprachen. Unsere Beraterinnen decken auch viele der migrantischen Muttersprachen ab. Wir betreuen rund 52 Nationen in unseren Einrichtungen und können natürlich nicht jede Sprache abdecken, aber es findet sich immer eine Lösung. Unser vorrangiges Ziel ist es aber, den Frauen ein selbständiges Leben zu ermöglichen und deswegen hat das Erlernen der deutschen Sprache Priorität. Am Anfang ist es sicher eine große Hilfe, wenn man sich über Probleme in der Muttersprache mit den Betreuerinnen und anderen Frauen austauschen kann, aber Deutsch zu lernen ist für ein eigenständiges Leben sehr wichtig und die ersten Erfolge geben den Frauen auch viel Selbstbewusstsein. (Olivera Stajić, 25. November 2010, daStandard.at)

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    "Wenn es zu Gewalt kommt sind sie vollkommen isoliert."

  • Andrea Brem, Geschäftsführerin des Vereines Wiener Frauenhäuser
    foto: alexandra kromus / pid

    Andrea Brem, Geschäftsführerin des Vereines Wiener Frauenhäuser

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