Von Ohrenstöpseln und Zettelkatalogen

25. November 2010, 14:29
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Alfred Dorfer ist ein bibliophiler Mensch und lernte in Büchereien Freunde und Frauen kennen - Auf einem Rundgang testete er mit dem UniStandard Räume und Atmosphäre von vier Wiener Uni-Bibliotheken

Wien - Das Wiedersehen nach 25 Jahren ist überwältigend: "Das ist eine Bibliothek!" Alfred Dorfer steht im Lesesaal der Hauptbibliothek der Uni Wien und erinnert sich. "Dieser Raum, diese Atmosphäre, hier habe ich meine Zeit mit Lesen verbracht." Nostalgie? "Ein bisserl. Sentimental bin ich aber nicht, es schaut alles aus wie damals in den Achtzigerjahren."

Dorfer ging regelmäßig in Bibliotheken, weil er gerne unter Büchern und unter Menschen war. "Die Bibliothek ist ein genialer Ort, um Leute zu treffen. Ich habe dort einige Freunde gefunden, aber auch Frauen kennengelernt." Quasi Bücher- und Beziehungsbörse? Der Gentleman schmunzelt und schweigt. Bibliotheken sind nicht nur Lernräume, sondern auch kommunikative und soziale Orte. "Man war ja nicht ständig am Anbandeln, auch ein Lernaustausch fand statt", schöpft Dorfer aus seinen Erinnerungen. Die Faszination ist bis heute ungebrochen: "Ich liebe Bücher. Sie beruhigen und inspirieren mich." Der Kabarettist mag auch das Haptische. Wenn er ein Buch in der Hand halten kann, es berührt, dann ist das ein ganz besonderes Gefühl.
Hort des Wissens

Mit dem UniStandard machte der Schauspieler einen Test in vier Wiener Universitätsbibliotheken und bewertete sie mit Schulnoten (1-5) nach ihrer räumlichen Aufteilung und Atmosphäre. Fachmännisch begutachtet Dorfer jeden Winkel, freut sich bei den Zettelkatalogen und lässt sich von so viel Bücherwissen nicht einschüchtern. Ob Menschen nur zum "sehen und gesehen werden" auf die "Bib" gehen, kann er sich gut vorstellen, selbst putzte er sich dafür nicht heraus. Manche Erinnerungen stimmen den Büchernarr nachdenklich: "Im ersten Semester war ich verloren, wusste nicht, wo und wie ich suchen sollte. Das war peinlich."

  • Fachbereichsbibliothek (FB) für Bildungs-, Sprach- und Literaturwissenschaft Dorfer bemerkt einen Ohrstöpsel-Automat und findet ihn lustig: "So etwas gab's früher nicht, etwas hochpreisig für einen Euro, aber meine eigenen würde ich ja wiederverwenden." Achtung, Ohrenschmalzgefahr. Dem 49-Jährigen mit trockenem Humor fiel auch auf, dass die Damen "übergewichtig" sind, will heißen, in der numerischen Überzahl. Die Freude darüber wird im Lesesaal getrübt: "Schlechte Luftqualität hier, durch die niedrige Raumhöhe ist es bedrückend und ermüdend", und fügt hinzu: "Alles topmodern, eh klar. Aber einen Lerntag will ich hier nicht verbringen, es gibt ja fast kein Tageslicht." Die neue FB ist barrierefrei zugänglich, für die Garderobe braucht man einen Schlüssel. Im Aufenthaltsraum laden Kaffeeautomaten zum Plaudern ein. Aber aufgrund des Mangels an Tageslicht: Note: 4
  • Universitätsbibliothek (UB) Uni Wien Wir sind in Dorfers "Traumbibliothek"! "Der Raum ist hoch und vom Stil her wunderschön. Zwar sitzen viele Studierende hier dicht aneinander, aber es stört nicht." Mehr als 350 Sitzplätze gibt es hier: "Wann sind so viele Menschen zusammen still?", fragt Dorfer und gibt sich selbst die Antwort: "Nirgends. Hier ist die Atmosphäre so, wie ich mir eine Bibliothek vorstelle." Ob ihn die monotonen Geräusche herumgehender Menschen stören? "Nein." Aufenthaltsräume gibt es auf der UB nicht, hier sitzen die Studierenden auf den Treppen und verzehren ihre Jause. "Das hat für uns damals so gepasst", sagt Dorfer. Kein Kaffeeautomat geschweige denn eine Kantine ist zu finden, die nächste Toilette weit entfernt. Fasziniert ist der in Erinnerungen schwelgende Kabarettist vom Zettelkatalog einen Raum weiter: "Die Karteikarten! Es gibt sie noch." Und nimmt eine vorsichtig heraus, flüstert: "Handgeschrieben." Jüngere Semester werden Zettelkataloge nur mehr vom Hörensagen kennen. Dass die Digitalisierung der Buchbestände die Suche nach Literatur über Onlinekataloge immens erleichtert, dem stimmt Dorfer zu. Note: 1
  •  UB Wirtschaftsuniversität Wien In der Garderobe sind die Münzkästchen mit Glasfront "transparenter als die Wirtschaft", merkt Dorfer an, ist aber vom Lesesaal überrascht: "Wider Erwarten eine angenehme Stimmung, weitläufig und viel Platz." Der "penthouseartige" Hort des Wissens geht über zwei Stockwerke: "Die Aufteilung der Lesebereiche ist gut gelöst." Begeistert zeigte er sich auch von den biegsamen Leselampen: "Auch eine gute Bibliothek kann modern sein." Dorfer wundert sich, warum man juristische Fachwerke in der WU-Bibliothek findet. Banker stehen doch nicht über dem Gesetz? Note: 2
  • UB Technische Universität Wien Eine steinerne Eule begrüßt den Besucher und begleitet ihn in den Lesesaal: "Der Raum bedrückt mich, die Atmosphäre ist unruhig und quirlig, hier hallt es am meisten", so Dorfers erster Eindruck. "Hier würde ich nicht studieren wollen." Tatsächlich sitzen in diesem "Marktplatz", wo es mehr Laptops als Menschen gibt, weniger Leute als in der UB der Uni Wien, dennoch ist es lauter. Nachdem der Kabarettist wiederum den Zettelkatalog beäugt hatte, änderte er im hinteren Bereich, wo die ruhigen Leseplätze sind, seine Meinung. "Die einzelnen Leseplätze, die abgeschottet mit Blick auf die Straße sind, finde ich toll." Hier gibt es, wie in der WU, einen Selbstverbuchungsautomaten für die Zeit ohne Personal (nach 19 Uhr). Eine Pausenzone beim Eingangsbereich bringt die TU-Studierenden zusammen. Note: 2

(Sebastian Gilli, DER STANDARD, Printausgabe 25.11.2010)

  • Alfred Dorfer lässt sich von Buchrücken nicht erdrücken. Die 
Magazinreihen der neuen Bibliothek in der Sensengasse beherbergen das 
Wissen der Bildungs-, Sprach- und Literaturwissenschaft.
    foto: standard/corn

    Alfred Dorfer lässt sich von Buchrücken nicht erdrücken. Die Magazinreihen der neuen Bibliothek in der Sensengasse beherbergen das Wissen der Bildungs-, Sprach- und Literaturwissenschaft.

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