Deutsche Studenten flüchten trotz Bildungsmilliarden

25. November 2010, 12:59
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Obwohl in Deutschland Milliarden in die Unis investiert werden, strömen die Deutschen an die österreichischen Unis

Wien/Berlin - "Wir haben die Kraft für die Bildungsrepublik Deutschland!" Euphorisch wirkte Angela Merkel, als sie diese vor zwei Jahren auf dem Bildungsgipfel in Dresden verkündete. Erklärtes Ziel: Bildung für alle, Investitionen in Wissenschaft und Forschung. Reine Lippenbekenntnisse, oder greift die Republik für ihre Studierenden tatsächlich tief in die Tasche?

Der jüngste Budgetbeschluss sieht Investitionen von zwölf Milliarden in Bildung vor, davon 4,2 Milliarden in die Unis. In einem Hochschulpakt, der noch bis 2020 läuft, hat das Bildungsministerium vereinbart, mehr Studienplätze zu schaffen.

Zwar investiert der Bund nun Milliarden, die Verteilung bleibt jedoch in den Händen der Länder. Manche nutzen die zusätzlichen Bundesmittel zur Umverteilung. Thüringen etwa plant, 20 Millionen aus seinem Landesbudget weniger in Bildung zu investieren und stattdessen den Hochschulen 16 Millionen über das Bundesbudget zukommen zu lassen. De facto ist das eine Verschlechterung für die Thüringer Unis.

Andere Länder, etwa Nordrhein-Westfalen, möchten mit 2011 die Studiengebühren abschaffen, um "bildungsgerechter" zu werden, so Wissenschaftsministerin Svenja Schulze (SPD), und wollen jetzt die Finanzspritze nutzen, um das fehlende Geld zu kompensieren.

Trotz des Größenunterschieds der Länder wirken Österreichs Mehrinvestitionen dagegen bescheiden. Der aktuelle Budgetbeschluss sieht vor, dass 80 Millionen jährlich bis 2014 in die Unis fließen sollen. Gleichzeitig wird das Uni-Budget aber unabhängig von den derzeitigen Zusatzmillionen gekürzt - tatsächlich wird das Budget somit eingefroren. Die Unis bräuchten jedoch, so Rektorenchef Hans Sünkel, ab 2013 jährlich das Vierfache, um den Status Quo zu erhalten.

Barrieren an den Unis

Die unterfinanzierten Unis in Österreich stehen vor einem Kapazitätsproblem: Seit Jahren verzeichnen sie einen regen Zulauf von Inländern und auch von Studierwilligen aus Deutschland. Denn obwohl dort mehr Studienplätze geschaffen werden, verlassen viele ihre Heimat. Es wird nämlich selektiert: Neben dem geforderten Mindestnotenschnitt gibt es mancherorts Auswahlverfahren mit Eignungstests. Auf der Suche nach einem schnelleren Studiumseinstieg lockt der relativ freie Uni-Zugang nach Österreich.

Zudem gibt es im Nachbarland eine phasenweise Verkürzung der Gymnasialzeit. Bis 2016 werden jedes Jahr doppelt so viele Abiturienten abschließen und die Hochschulen vor neue Herausforderungen stellen. "Trotz Investitionen fehlen bis 2015 etwa 225.000 Studienplätze", erklärt der deutsche Bildungsökonom Dieter Dohmen.

Um dem Ansturm der Deutschen entgegenzuwirken, plant Österreichs Wissenschaftsministerin Beatrix Karl, den Zugang über das "Herkunftslandprinzip" zu regeln. Dabei müssen Studierende einen Platz in ihrem Herkunftsland vorweisen, um in Österreich studieren zu dürfen. 2005 entschied der Europäische Gerichtshof, dass es diskriminierend sei, Deutsche aufgrund dieser Regelung an einem Studium in Österreich zu hindern. Daher möchte Karl nun ihre Pläne "auf europäischer Ebene diskutieren". Aus dem deutschen Bildungsministerium wird Verständnis signalisiert. Man "unterstütze jede Lösung, die international tragfähig ist und die Interessen aller Beteiligten berücksichtigt", heißt es auf Nachfrage.

Auch auf nationaler Ebene lautet das Credo der österreichischen Politik: Qualität vor Quantität. Der freie Hochschulzugang bleibt dabei auf der Strecke. In einer bevorstehenden Novelle des Universitätsgesetzes (UG) sollen ab nächstem Wintersemester Aufnahmeverfahren für alle Studienrichtungen ermöglicht werden.

Für Kurt Grünewald, Wissenschaftssprecher der Grünen, ist hier das politische Agieren "aberwitzig", denn einerseits wolle man eine höhere soziale Durchmischung erreichen, andererseits regle man den Zugang. Derzeit bestimmt das Bildungsniveau der Eltern über die Zukunft ihrer Kinder. Jene aus bildungsnahen Schichten studieren 2,6-mal häufiger als jene aus bildungsfernen Milieus. Zusätzlich hat Österreich eine sehr niedrige Akademikerquote: Nur 18 Prozent der Bevölkerung haben einen Hochschulabschluss, der EU-Schnitt liegt bei 26 Prozent.
Verbesserungen erwünscht

In der "Bildungsrepublik" Deutschland herrsche laut Hochschulforscher Andrä Wolter ein "hoher gesellschaftspolitischer Konsens darüber, dass in Bildung investiert werden muss".

Dennoch besteht Verbesserungsbedarf. Laut OECD investiert Deutschland 1,1 Prozent des BIPs in den tertiären Sektor, die Akademikerquote liegt bei 21 Prozent, und auch bezüglich der Chancengleichheit ist noch einiges aufzuholen. Seit zehn Jahren ist die Wahrscheinlichkeit, ein Studium zu beginnen, bei gleichen Abiturnoten deutlich größer, wenn ein Elternteil Akademiker ist.

Einen politischen Konsens über den Wert der Bildung gibt es zwar auch in Österreich, für Grünewald ist dieser aber nur eine "Verbalbeteuerung". Denn das Ziel, die Investitionen in Bildung von derzeit 1,3 Prozent auf zwei Prozent des BIPs zu steigern, sei in weite Ferne gerückt. Die ursprünglich festgelegte Frist bis 2020 ist aus dem Regierungsprogramm verschwunden. "Die Umsetzung kann also auch erst in 100 Jahren erfolgen", kritisiert er.

(Kristina Nedeljkoviæ, Sophie Niedenzu/ DER STANDARD, Printausgabe, 25.11.2010)

  • Um zu beschränken, möchte Wissenschaftsministerin Karl nun das 
"Herkunftslandprinzip" auf europäischer Ebene diskutieren.
    foto: standard/corn

    Um zu beschränken, möchte Wissenschaftsministerin Karl nun das "Herkunftslandprinzip" auf europäischer Ebene diskutieren.

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