"Wir brauchen eine offensive Universitätspolitik"

25. November 2010, 11:51
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In Loipersdorf lief nicht alles rund, die Unis sind unterfinanziert und in jedem von uns steckt ein kleiner Mozart, sagt Claudia Schmied

UniStandard: Die SPÖ scheint sich momentan schleichend von liebgewonnen Idealen wie dem freien Hochschulzugang und der gebührenfreien Uni zu verabschieden.

Schmied: Das sehe ich nicht so. Die Sozialdemokratie bekennt sich zum freien Zugang, der ja in Parteibeschlüssen festgehalten ist. Es ist mir wichtig, das Thema Studiengebühren herauszulösen aus der derzeitigen Finanzierungsklemme, in der die Universitäten stecken. Faktum ist, dass die Zahl der Studierenden zunimmt. Wir brauchen eine offensive Universitätspolitik, mehr Studienplätze und mehr Absolventen. Worüber wir jetzt mit der ÖVP Gespräche führen, betrifft eine Studieneingangsphase in einzelnen Massenfächern, wo es in der Tat für die Unis schwierig ist zu planen, weil sich viele Studierende zwar anmelden, dann aber die Veranstaltungen nicht besuchen. Der Studienbeginn muss nicht nur im Interesse der Universitäten, sondern auch im Interesse der Studierenden geregelt werden, das heißt eine Serie von Prüfungen, die für das Studium angerechnet werden und einen Einblick ins Studium, eine Orientierung zu ermöglichen.

UniStandard: Sie sehen darin keinen Widerspruch zum freien Hochschulzugang?

Schmied: Nein, das ist für mich kein Widerspruch, wenn es Teil des Studiums ist und mehrere Prüfungen umfasst.

UniStandard: Auch wenn die SPÖ bei Studierenden immer noch besser ankommt als die ÖVP, scheint sie die Unis demonstrativ als Stiefkinder zu behandeln.

Schmied: Faktum ist, dass wir insgesamt für den Bereich Bildung mehr Geld aufwenden müssen, das zeigen uns ja auch internationale Studien. Wir werden über die Offensivmittel, die wir jetzt bekommen haben, in den nächsten Jahren verstärkt in Bildung investieren. Österreich hat keine Bodenschätze, unsere Schätze sind die Menschen, die hier leben.

UniStandard: Renommierte Studien empfehlen, gerade jetzt in konjunkturschwachen Zeiten in Bildung zu investieren. Warum fällt es der Politik trotzdem so schwer?

Schmied: Wenn Sie bei einer Regierungssitzung dabei wären, würden Sie merken, dass wir im Bildungsbereich noch - relativ betrachtet - in einer privilegierten Partnerschaft leben, weil andere Ressorts viel massivere Kürzungen hinnehmen müssen. Wir müssen das in den Relationen sehen. Immerhin bekommt der Bildungsbereich jetzt Offensivmittel.

UniStandard: Die ÖVP meint, für die meisten sollte die Uni mit dem Bachelor vorbei sein. Vertrauen auch Sie einem Titel, dem die Wirtschaft nicht vertraut?

Schmied: Ich vertraue dem Bachelor. Nach der Bologna-Architektur müssen wir vorsehen, dass mit dem Bachelor auch der Berufseinstieg möglich wird. Allerdings, Stichwort Bologna reloaded, sollten wir uns schon Zeit nehmen, uns anschauen, wie die Studiengänge aufgebaut sind. Außerdem müssen wir die Verschulung begrenzen, damit Prüfungen wieder flexibler absolviert werden können. Ministerin Karl hat hier meine volle Unterstützung. Außerdem setzen wir in der Schule Schwerpunkte mit Blickpunkt Universitäten. Die Berufsentscheidung wird besser vorbereitet. Wir sollten uns in der Schule generell mehr Zeit lassen, um die Talente und die Interessen der Schüler zu entdecken. Mein Credo lautet: Wir brauchen mehr Menschen mit höherer Bildung, denen es gelingt, entlang ihrer persönlichen Interessen und Neigungen ihren Berufsweg zu gehen und zu mehr Selbstverantwortung, zu einem selbstbestimmteren Leben zu kommen. Ich zitiere gerne Antoine de Saint-Exupéry "In jedem von uns steckt ein kleiner Mozart!", es muss ja nicht immer die Komposition sein. (lacht)

UniStandard: Wäre die Familienbeihilfe auch gekürzt worden, wenn es die längeren Diplomstudien noch gäbe?

Schmied:Ich glaube, das wäre auch dann gekommen, nämlich aus einer budgetären Not heraus. Ich kann nur die generelle Stimmung von Loipersdorf wiedergeben, und die war sehr stark von Budgetrestriktionen geprägt, was letztlich auch dazu geführt hat, dass wir gewisse Punkte, etwa den Konnex Stipendien und Familienbeihilfe, schlicht und einfach übersehen haben.

UniStandard: Können Sie den Eindruck bestätigen, dass es gerade in Österreich besonders schwierig ist, den Bildungsbereich zu forcieren?

Schmied: Wir werden in der nächsten Zeit intensive Schritte setzen müssen, der Bildung auch gesellschaftlich einen höheren Stellenwert zu geben, und daher freue ich mich über das angekündigte Volksbegehren von Hannes Androsch. Wir brauchen im Bildungsbereich über die Parteigrenzen hinweg einen Schulterschluss der Vernunft und der intellektuellen Kräfte im Land.

UniStandard: Apropos Androsch: Gerade die Kreisky 'sche Bildungsoffensive machte die SPÖ beim damaligen Wähler hochattraktiv. Wieso ist es nicht möglich, dass die SPÖ auch heute eine breitangelegte Bildungsoffensive als politisches Vehikel verkauft?

Schmied: Das wird schon noch. Ich arbeite fest daran! (lacht).

(Tanja Traxler, Dominik Zechner/ DER STANDARD, Printausgabe, 25.11.2010)

CLAUDIA SCHMIED (51) studierte Wirtschaftswissenschaften an der WU Wien. Die kunstsinnige Bankerin wurde am 11. Jänner 2007 als Ministerin für Unterricht, Kunst und Kultur (SPÖ) angelobt.

  • Einen "Schulterschluss über Parteigrenzen hinweg" fordert Claudia 
Schmied für die Bildung.
    foto: standard/corn

    Einen "Schulterschluss über Parteigrenzen hinweg" fordert Claudia Schmied für die Bildung.

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