"Master kann keine Frage des Geldbörsels sein"

25. November 2010, 11:16
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Die Herabsetzung der Familienbeihilfe könnte dazu führen, dass weniger Studenten sich ein Masterstudium leisten können, sagt Martin Schenk

UniStandard: Werden durch die Herabsetzung der Familienbeihilfebezugsdauer mehr Studierende von Armut betroffen sein?

Schenk: Aus den empirischen Daten kann man drei Tendenzen herauslesen: Je niedriger die soziale Schicht, desto höher sind erstens die finanziellen Schwierigkeiten und desto mehr Studienabbrüche gibt es zweitens. Drittens muss auch mehr daneben gearbeitet werden, deswegen werden viele ihr Studium weiter zurückstellen müssen. Auch die Gefahr, das Studium aufzugeben, wird dadurch größer. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Krankenversicherung. In Österreich sind etwa 100.000 Leute nicht ordentlich krankenversichert. Eine davon betroffene Gruppe sind Studierende an der Schnittstelle, wenn die Mitversicherung ausläuft.

UniStandard: Welche Studierenden trifft die Herabsetzung besonders hart?

Schenk: 53 Prozent der Studierenden, die schlecht mit ihren finanziellen Mitteln auskommen, sagen: Meine Eltern können mich nicht mehr unterstützen. Natürlich gibt es einerseits ein Stipendiensystem, aber das Problem dabei ist, dass es nur die Ärmeren erfasst, die wirklich wenig Geld haben. Alle darüber, die unteren Mittelschichten, die seit einigen Jahren sehr unter Druck und von Abstiegssorgen geplagt sind, fallen meist heraus.

UniStandard: Kann man in Extremfällen auch von Armutsgefährdung sprechen?

Schenk: Das ist eine schwierige Frage und eine große Debatte in der Armutsforschung. Eine Unterscheidung ist da hilfreich: Es gibt Einkommensarmut, wo die Grenze derzeit bei zirka 950 Euro liegt. Die große Mehrheit der Studierenden ist einkommensarm. Es gibt aber auch ein zweites Maß, die Deprivation, das heißt inwieweit Leute ausgegrenzt sind, unter bedrückenden, schwierigen oder krankmachenden Verhältnissen leben. Da ist es so, dass zum Glück die meisten Studierenden nicht an Deprivation leiden, auch weil ihr Status als Studierende selbst ein vorübergehender ist. Die meisten haben die Aussicht auf ein besseres Einkommen. Das trifft leider mittlerweile aber auch nicht mehr auf alle zu.

UniStandard: Bekommt die Armutskonferenz Anfragen von Studierenden?

Schenk: Ja, immer wieder. Wegen Einkommensarmut allein kommen aber fast keine Studierenden in die Beratungsstellen der Hilfsorganisationen, meistens kommt noch etwas dazu. Eine plötzliche Deprivation, ein Burnout beispielsweise. Viele kommen auch in der Phase der Diplomarbeit. Da versucht man dann zu vermitteln, zu stützen und zu stabilisieren, wo es geht. Die zweite Gruppe, die zu uns kommt, sind Studierende, die ein Kind bekommen und deswegen nicht mehr weiterwissen. Hier geht es meistens um Wohnungen. Oft sind es auch Schwierigkeiten mit der Geburt, wie man Unterstützung bekommt, wenn man allein ist.

UniStandard: Scharf formuliert: Ist es fair, dass in Zukunft nur noch Studierende aus reichen Familien einen Master anhängen können?

Schenk: Rein aus Gerechtigkeits- und Fairnessgründen kann es nicht sein, dass der Master eine Frage des Geldbörsels der Eltern ist, dass es natürlich auf die Fähigkeiten und Talente der Studierenden ankommen muss. Das ist nicht gesichert, auch wenn die Sonntagsreden anders klingen. Da werden viele rein aus finanziellen Gründen entscheiden, dass der Bachelor ausreicht. Aber damit können bestimmte Einflusspositionen vorselektiert werden, was in Bezug auf Machtpositionen in der Gesellschaft Folgen haben könnte.

(Stefanie Preiner, DER STANDARD, Printausgabe, 25.11.2010)

MARTIN SCHENK (40) ist Sozialexperte der Diakonie Österreich und Mitinitiator der Armutskonferenz. Im Februar 2010 ist sein Buch "Es reicht! Für alle! Wege aus der Armut" beim Deuticke-Verlag erschienen.

  • "Die objektive Einkommensarmut trifft auf Studierende ganz stark zu", 
sagt Martin Schenk im UniStandard-Interview.
    foto: standard/urban

    "Die objektive Einkommensarmut trifft auf Studierende ganz stark zu", sagt Martin Schenk im UniStandard-Interview.

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