Der Sound zum Trauma

25. November 2010, 17:12
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Vom Hurra-Patriotismus zum Protestsong: Die CD-Box "Next Stop Is Vietnam" beleuchtet das Echo des Vietnamkriegs in der Popmusik

Karl Fluch hat sich durch 330 Songs auf den 13 CDs gehört: Make love, not war!

Die beiden Bilder zeigen, wie wenig Unterschied bestand. Bloß die Haarlänge verrät, dass Welten zwischen den Interpreten liegen. Und Weltanschauungen. Oben lauschen GIs in einer Gefechtspause in einem Feldlager in Vietnam der Musik eines Kameraden, unten klampft Country Joe McDonald bei dem 1969 in der Nähe von Woodstock ausgetragenen gleichnamigen Großfestival. Es war jener Auftritt, der den singenden Hippie berühmt machen sollte.

Als Pausenfüller auf die Bühne gebeten, sang er Feel-Like-I'm-Fixin'-To-Die Rag, das zur Hymne der Anti-Vietnamkrieg-Bewegung wurde. Zeilen wie "And it's one, two, three/ What are we fighting for?/ Don't ask me, I don't give a damn/ Next stop is Vietnam/ And it's five, six, seven: Open up the pearly gates/ Well there ain't no time to wonder why, Whoopee! We're all gonna die" brachten den Wahnsinn des Krieges für eine ganze Generation auf den Punkt.

Next Stop Is Vietnam titelt auch die wohl umfangreichste Zusammenstellung von Popmusik, die sich dem Vietnamkrieg und dem davon ausgelösten Trauma widmet, das in der US-amerikanischen Gesellschaft bis heute nachwirkt.

Auf 13 CDs beleuchtet dieses Kompendium unter verschiedenen Gesichtspunkten jenen Krieg, der 58.195 US-Amerikanern den Tod brachte. Es war der erste Krieg, den die Popmusik und die davon infizierte Jugendkultur begleitete. Euphorisch oder in Opposition. Vom strammen Proud To Serve über Hell No, We Won't Go! über War Is Hell bis zu Vets Look Back - so einige der Programmtitel - reicht diese Sammlung. Mehr als 330 Stücke wurden aus einem Fundus von über 4000 ausgewählt.

Wenn man nach dem Durchhören eines mit Sicherheit sagen kann, dann das: Die Kriegsgegner hatten die bessere Musik. Hurra-Patriotismus, für den drollige Kinderstimmen in Redneck-Schunklern Briefe an ihre eingezogenen Väter vorlesen, stinkt gegen eindringliche Meisterwerke wie Bob Dylans Masters Of War, Edwin Starrs Soul-Eruption War (What Is It Good For?) oder Marvin Gayes What's Going On dann doch etwas ab. Diesen berühmten Stücken, einigen der prominentesten Protestsongs ihrer Zeit, räumt das aus dem Hause Bear Family kommende Boxset ebenso Platz ein wie Ungehörtem. Unterfüttert werden diese von Originaltönen aus dem Weißen Haus (US-Präsident Richard Nixon) oder dem Pentagon (Verteidigungsminister Robert McNamara). Diese Dokumente unterstreichen, wie sehr dieser Krieg über die Medien die US-Haushalte erreichte, wie entsprechend groß die Anteilnahme war und wie mit Fortdauer des Kriegs die öffentliche Meinung kippte.

Während Mütter um ihre Söhne fürchteten, drang aus dem Radio zeitgleich Ernest Tubb und Phil Ochs. Der eine verdammte die Kriegsgegner im reaktionären It's America, Love It Or Leave It während der andere I Ain't Marching No More sang. Doch nicht nur zu Hause wurde Musik gemacht, auch im Feld entstanden unter dem Eindruck der Schlacht viele Lieder. Diese sind gespalten zwischen der Einsicht, dem Wahnsinn ausgeliefert zu sein, und der eingeimpften Propaganda, hier im Dschungel das eine halbe Welt entfernte Vaterland zu verteidigen. Nicht wenige Erkenntnisse lassen sich auf andere von den USA bis heute geführte Kriege anwenden, lediglich die Präsidenten und die Mittel der Kriegsführung haben sich geändert. Und die Zensur.

Wurde damals das tägliche Blutbad zum Abendessen in den News kredenzt und die heimkehrenden Särge mit der Morgenzeitung dem Frühstück beigelegt, wird heute längst kontrolliert, welche Informationen freigegeben werden. Dem tragen einige Beiträge Rechnung und verweisen auf Parallelen zwischen damals und aktuellen Kriegen.

Next Stop Is Vietnam ist in seiner Dichte und Aufmachung, die jeden Titel erläutert, ein über 300 Seiten starken Hardcoverbuch und ein Stück Zeitgeschichte geworden. Es bietet den umfassenden Soundtrack zu Apokalypse Now!, zu Rambo zu Platoon und Full Metal Jacket.

Dass bei einem Thema, das von Begriffen wie Heimat, Ehre und Patriotismus geprägt ist, das Pathos nicht zu kurz kommt, beschert einige unfreiwillige Schmunzler. Ergriffenheit und Heldenbeschwörung haben selten einen guten Song ergeben. Gerade das Country-Genre war sich diesbezüglich zu nichts zu schade und steuerte einige Unglaublichkeiten bei. Etwa Hoyt Axton mit seinem 1990 erschienenen Schmalzfass Cowboys On Horses With Wings.

Schon der Titel erinnert an Airbrush-Kunst des Grauens, an übergewichtige Kuhbuben in Trucks, an deren Stoßstangen Jesus, Dixie, Mutti oder alle drei gewürdigt werden.

Musiker der Aufklärung wie R.E.M., Steve Earle, Bruce Springsteen oder Paul Hardcastle mit seinem 80er-Jahre-Hit 19 sorgen für hier das notwendige Gegengewicht. (DER STANDARD, Printausgabe, 26.11.2010)

Next Stop Is Vietnam: Various Artists, 13 CDs plus ein 308 Seiten starkes Hardcoverbuch im Schuber (Bear Family Records / Vertrieb Lotus Records)

  • Der Vietnamkrieg war der erste Krieg, der von der Popkultur begleitet wurde - bis hinein in den Dschungel.
 
    foto: bear family

    Der Vietnamkrieg war der erste Krieg, der von der Popkultur begleitet wurde - bis hinein in den Dschungel.

     

  • Country Joe McDonald singt in Woodstock den zur Anti-Vietnamkrieg-Hymne gewordenen "Feel-Like-I'm-Fixin'-To-Die"-Rag. 
 
    foto: bear family

    Country Joe McDonald singt in Woodstock den zur Anti-Vietnamkrieg-Hymne gewordenen "Feel-Like-I'm-Fixin'-To-Die"-Rag. 

     

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