Müde Buben, schlechte Witze

24. November 2010, 18:38
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Stermanns Auschwitz-ÖBB-Witz bei "Willkommen Österreich" - bloß ein Ausrutscher oder die logische Konsequenz des gehobenen City-Slacker-Humors? Kleines Pamphlet gegen zwei Galionsfiguren der Austro-Spaßkultur - Von Richard Schuberth

Eine Generation von FM4-Hörern und Fernsehern ist fassungslos: Wie konnten Stermann & Grissemann, die ihnen zwanzig Jahre vorgezeigt hatten, wie man der eigenen Fadesse Lässigkeit aufpinselt und sich mit bösen Scherzen über Haiders Tod trotzdem irgendwie auf die richtige Seite blödelt, wie konnten sich diese Galionsfiguren der eigenen Kurslosigkeit so im Ton vergreifen? Die Antwort: Der Ton war bloß schriller als sonst, doch die Tonart von Anfang an dieselbe. Denn hätte man Karl Kraus' Kommentare zum antifaschistischen Humor gelesen, der "einer Gedankenarmut entsprechen" (könnte), "die unter Umständen an eine Rohheit streift, die der innersten Beziehung zum Übel nicht entbehrt", so wäre ganz klar, dass Stermanns Auschwitz-Witz nicht Bruch, sondern Vollendung seines satirischen Lebenswerks darstellt. Kurzum: Es war nur eine Frage der Zeit, dass dieser Luluhumor in die eigene Hose geht.

Die Verlockung, sich die humorige Kopplung von ÖBB-Langsamkeit mit Massenmord an Juden nicht verkneifen zu können, und der feige Ordnungsruf: "Man muss dazusagen: kein Thema, das man verblödeln darf", mit dem Grissemann gleich danach bei ORF und Öffentlichkeit um Ablass schnorrte, sind Ausdruck ein und derselben Lauserlustigkeit, die ihre Lacherfolge erst aus dem Blödelverbot bezieht, das sie heuchlerisch einmahnt, nachdem der Schmäh schon abgespritzt ist.

Warum darf denn das Thema nicht verblödelt werden, Herr Grissemann? Diese Apodiktik, welche ihre Gründe nicht mitliefern kann, fällt doch genau in jene Political Correctness zurück, von der Sie und ihr Co-Schnösel seit Jahrzehnten durch gewagte Tabubruchlandungen schmarotzen. Handelte es sich um nichts als ein ehernes Verdikt, dann müsste man es sogar verblödeln.

Welche Figur dieser blasierte City-Slacker-Humor, der nichts antreibt und von nichts angetrieben wird, im antirechten Faschingskostüm macht, davon konnte man sich spätestens bei Grissemanns & Stermanns mutiger Verarschung von Stefan Petzners Trauer überzeugen, die der Peinlichkeit ihres Objektes nichts hinzufügte als die Niedertracht, den ehrlichen Schmerz eines Menschen über den Tod eines anderen zu verspotten, dessen politische Überzeugung mit der Satire in keinem ursächlichen Zusammenhang stand. Derselbe engagierte Humor ist das, welcher einst Alois Mocks Politik mit der Parodie seiner Parkinson-Spasmen kritisierte. Das Faschingskostüm könnte also jederzeit mit der Burschenmontur einer schlagenden Verbindung gewechselt werden, wie Stermanns Kommerskomik jüngst bewies. Es macht keinen Unterschied, weil der Humor dieser müden, verwöhnten Burschenschaft, welcher der beklatschte Humor eines gesamten gesellschaftlichen Segments ist, das sich - und hierin liegt der einzige Witz der Sache - als irgendwie links versteht, weil dieser Humor an keiner Sache gewachsen ist, sich durch die eigene Antithese, den Ernst, nie geschärft hat. Deshalb weicht er, wenn er nicht zündet, stets in den Anti-Humor aus, deshalb haben die Geschmacklosigkeiten so wenig Geschmack und deshalb eiert die Ironie hoffnungslos in sich selbst, jene Ironie, die mit Schnösel-Ironie ausreichend bezeichnet ist und seit den 80er Jahren der dominante kulturelle Ausdruck des vermeintlich undergroundigen urbanen Mittelstandes ist.

Da dieser Ironie in der Regel sowohl Objekt als auch Subjekt fehlen, muss sie, wie verwöhnte Jungs im Autodrom eben, ziellos in alle Richtungen donnern, um sich ihrer selbst gewiss zu werden. Wahrscheinlich passiert diesen Ironikern wirklich nichts Schlimmeres im Leben, als dass der Zug zu spät in Wien ankommt, nachdem bei Provinzvorstellungen sie weitere Maturajahrgänge in die Wiener Insiderlustigkeit initiiert haben. Wie abstrakt muss ihnen das Leid derer sein, die fahrplangerecht in Mauthausen ankamen. Hätte man die Schnösel-Ironie nicht im letzten Augenblick mit der Political Correctness versorgt, auf die sie dann, von schadenfrohem Stimmbruchkichern angespornt, treten konnte wie auf ein Marienkäferchen, sie wäre aus Langeweile eingegangen.

"Köpfe wie Löwen und Herzen wie Katzen." Diese Worte von Karl Kraus träfen auch auf die müden Buben zu. Kraus selbst hat den entscheidenden Unterschied zwischen Witz (im Sinne des englischen wit) und Humor vorgelebt. Ersterer macht den komischen Effekt der Sache dienstbar, Letzterer opfert die Sache dem komischen Effekt. Doch aufgepasst: Diese Front verläuft nicht zwischen intellektueller Satire und unbeschwerter Heiterkeit, sondern quer zu diesen. Denn selbst wenn die Sache nur im Witz um des Witzes willen liegt, selbst im absurdesten Albern noch entscheidet sich die Qualität dadurch, ob der Alberer mit Herz und Hirn albert oder bloß albern ist.

Aber wie geht's mit den Albernen weiter? Ich weiß es. Selbst den schnöseligsten Anhängern der Schnöselironie wird dieser unterkühlte Studienabbrecherhumor irgendwann zu lauwarm sein, spätestens wenn die müden Buben Grissemann & Stermann ins Rolling-Stones-Alter gekommen sind.

Dann werden sie tun, was einige Kabarettistenkollegen ihnen bereits vorgemacht haben, nämlich in die Rolle der gerade noch erwachsen gewordenen Mahner schlüpfen und auf "Jetzt aber im Ernst" machen, durchs Megaphon zu Demonstranten rufen, mit Ute Bock Foxtrott tanzen und trotzdem das linke Unterhaltungsbedürfnis mit beherzten Parodien auf Straches vermeintliche Koks-Zuckungen befriedigen; doch wird das kein Triumphzug der Gesinnung sein, sondern nur der vorhersehbare Versuch, die Standortvorteile auf dem Unterhaltungsmarkt zu verteidigen, ehe man sie dereinst im ORF-Grab verscharrt, in dem sie seit Beginn ihrer Karriere mit allen vier Beinen stehen. (Richard Schuberth, DER STANDARD; Printausgabe, 25.11.2010)

 

RICHARD SCHUBERTH, Jg. 1968, lebt als freier Publizist und Bühnenautor ("Freitag in Sarajewo") in Wien.

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