Die türkische Kunsthistorikerin Beral Madra, verantwortlich für das Kunstprogramm der Kulturhauptstadt Istanbul 2010, im Interview
Jan Marot sprach mit ihr über die Gegenwartskunst im Integrationsdilemma.
Standard: Viele Menschen in Deutschland und Österreich fürchten sich vor einem Beitritt der Türkei zur Europäischen Union. Woran könnte das Ihrer Meinung nach liegen?
Madra: Als die ersten Gastarbeiter in den 1960er-Jahren massiv nach Deutschland und Österreich strömten, war die Türkei ein fast im Stile der Sowjetunion hermetisch abgeriegeltes Land. Das Unterstreichen des Nationalen hatte fast faschistische Züge. Die Gastarbeiter bemühten sich nicht um Integration. Das tat erst die zweite und dritte Generation. Natürlich verstehe ich die Sorgen, wenn sie plötzlich 70 Millionen neue Einwohner mit Vertretung in den EU-Gremien bekommen. Doch wenn man die Wirtschaft betrachtet, sind wir eigentlich schon ein EU-Mitgliedstaat, die Zahlen sprechen für sich.
Standard: Und wie schaut es in Bezug auf die Kulturszene aus?
Madra: Allein Istanbul ist eine der pulsierendsten Städte, was die Kulturproduktion betrifft. Andererseits verschließt sich Europa mehr und mehr. Es werden oft nur lokale Probleme behandelt, die Verantwortlichen sind viel zu sehr mit ihren eigenen Sorgen beschäftigt. Hinzu kommt, dass Europa mehrheitlich konservativ regiert wird; und so konservativ wie die Politik ist die Bürokratie. Doch Gegenwartskunst war und ist stets ein Gegenpol zu konservativen Strömungen. Europas Kulturinstitutionen sind bereits seit Dekaden in der Türkei aktiv. Bis heute sind sie in ihren Zielen natürlich weiterhin eurozentrisch, wollen europäische Ideen und Werte, Strategien und auch ihre Ästhetik vermitteln, der türkischen Kunst quasi implantieren. Bei genauerer Betrachtung ist all das längst in der türkischen Kunst beheimatet, die Arbeiten sind anthropologischer, politischer und sozialkritischer geworden.
Standard: Kann türkische Kunst der Imagepflege in Österreich und Deutschland dienen?
Madra: Wir hatten viele Ausstellungen in Berlin und anderen Städten. Türkische Künstler arbeiten in Partnerschaften, in Kollektiven, bilden internationale Netzwerke. Viele ausländische Kunstschaffende aus allen Bereichen zieht es nach Istanbul. Jedes Jahr kommen zwei Künstler aus Deutschland nach Istanbul, arbeiteten hier, machten eine Ausstellung und nehmen ihre zumeist positiven Erfahrungen mit zurück in ihre Heimat. Leider gibt es aber noch kein solches Residency-Programm für türkische Künstler in Deutschland oder Österreich. Das ist ein Defizit, das es zu beheben gilt. Doch die Dinge beginnen sich zu verändern.
Standard: Fast dreißig Prozent erreichte bei den Wiener Wahlen eine rechtsradikale Partei, die einen antitürkischen Wahlkampf geführt hat. Das Türkei-Bild vieler Österreiche ist offensichtlich geprägt vom antiquierten Wertekanon des anatolischen Bauern.
Madra: Das ist das simplifizierende Bild des Orients in Okzident. Aber seien wir ehrlich: Wie denken denn genau diese Menschen über Afrika? Oder über Asien? Das sind Vorstellungen, die sich an Stereotypen orientieren. Und die sind sehr schwer aus der Welt zu schaffen. Ich weiß selbst keine Lösung. Doch die Gegenwartskunst wirft Lösungsansätze auf. Austauschprogramme, grenzüberschreitende Kollektive leisten einen wertvollen Beitrag. Die folgende Generation wird wohl schon andere Bilder über Türken und die Türkei entwickeln. Und seien wir uns ehrlich, was die konservativen Weltbilder betrifft: Gar so weit liegen da - überspitzt formuliert - der österreichische Bergbauer und sein anatolischer Kollege nicht auseinander. Beide haben dieselbe hermetische Weltsicht; und beide haben Angst davor, sich Neuem zu öffnen.
Standard: Stichwort Anatolien: Auch hier entwickeln sich erste Biennalen. Mit welchem Ziel?
Madra: Es sind lokale Initiativen, um diese Region mehr ins mediale Licht zu rücken. Der Hintergrund ist ein klar ökonomischer. Auf einmal sind die Grenzstädte zu Syrien, etwa Antakya und auch Malatya, sichtbar in den Medien. Und das bringt Geld. Die Biennale ist ein Werkzeug. Nebenbei werden auch die Absolventen der hiesigen Universitäten bekannter.
Standard: Was ist der Effekt der Kulturhauptstadt für Istanbul?
Madra: Die Ergebnisse werden erst in den kommenden Jahren sichtbar. Mit dem Budget von 150 Millionen Euro haben wir eine langfristige Strategie angelegt, um die hiesige Kunstszene globaler zu orientieren. (DER STANDARD, Printausgabe, 25.11.2010)
Istanbul lädt Islamkritiker Naipaul aus
Konservative türkische Autoren zogen gegen Auftritt des Nobelpreisträgers ins Feld
Das größte Event in der Geschichte des Europäischen Schriftstellerparlaments EWP soll es werden, doch zunächst einmal ist den "Parlamentariern" nur der bisher größte Eklat im Kulturhauptstadtjahr Istanbuls gelungen: Auf Druck türkischer Autoren und Journalisten hat die Leitung des EWP den Schriftsteller V. S. Naipaul, einen Kritiker des Islams, ausgeladen. Der Nobelpreisträger sollte am Donnerstag eine der Eröffnungsreden des europäischen Schriftstellerkongresses im Istanbul Hilton halten.
"Ich habe positive Reaktionen erwartet dafür, dass ich Menschen mit unterschiedlichen Sichtweisen zusammenbringe. Ich glaube immer noch, dass wir Recht haben", sagte Ahmet Kot, der literarische Direktor der Kulturhauptstadt Istanbul 2010. Eine ganze Riege zumeist konservativer Literaten und Journalisten, die der konservativ-muslimischen Regierungspartei AKP nahestehen, sieht das ganz anders. "Wie kann man sich hinsetzen und mit einem Schriftsteller reden, der Muslime so sehr beleidigt hat?", schrieb Hilmi Yavuz, ein respektierter Dichter des Landes, in der Tageszeitung Zaman. Danach brach in anderen Blättern ein Sturm der Entrüstung gegen Sir Vidia los, den in den Adelsstand erhobenen Autor (78) aus Trinidad.
In der Erklärung des Schriftstellerparlaments heißt es, die "Politisierung der Konferenz in den türkischen Medien" habe das ursprüngliche Konzept der Veranstaltung und Naipauls Beitrag dazu als gefeierter Schriftsteller "verändert". Damit wird die Unmöglichkeit umschrieben, gegenwärtig einen islamkritischen Autor in Istanbul auftreten zu lassen. "Das war in der Tat unser Wunsch", räumte Cenk Gültekin vom Schriftstellerparlament dem Standard gegenüber ein, "doch das Klima wurde irgendwie verändert". Naipaul habe im "gegenseitigen Einverständnis" seine Teilnahme an dem Kongress zurückgezogen.
Neben Hilmi Yavuz brachten sich vor allem der konservative, von der AKP im offiziellen Kulturbetrieb unterstützte Dichter Rasim Özdenören, die Kolumnistin Cihan Aktas und Cezmi Ersöz, ein Verfasser populärer romantischer Gedichte und Romane, gegen Naipaul in Stellung. Keiner von ihnen habe wirklich Werke von Naipaul gelesen, glaubt Gültekin. Der Medienwirbel sei aufgrund von "Mikrozitaten" aus Naipauls Werken erzeugt worden. An dem Kongress nehmen rund 80 Autoren teil. Sie diskutieren bis Samstag über Massenkultur, Globalisierung oder kulturelle Vielfalt im Nationalstaat. (Markus Bernath aus Istanbul / DER STANDARD, Printausgabe, 25.11.2010)