"Eigentlich sind wir schon EU-Mitglied"

24. November 2010, 18:07

Die türkische Kunsthistorikerin Beral Madra, verantwortlich für das Kunstprogramm der Kulturhauptstadt Istanbul 2010, im Interview

Jan Marot sprach mit ihr über die Gegenwartskunst im Integrationsdilemma.

Standard: Viele Menschen in Deutschland und Österreich fürchten sich vor einem Beitritt der Türkei zur Europäischen Union. Woran könnte das Ihrer Meinung nach liegen?

Madra: Als die ersten Gastarbeiter in den 1960er-Jahren massiv nach Deutschland und Österreich strömten, war die Türkei ein fast im Stile der Sowjetunion hermetisch abgeriegeltes Land. Das Unterstreichen des Nationalen hatte fast faschistische Züge. Die Gastarbeiter bemühten sich nicht um Integration. Das tat erst die zweite und dritte Generation. Natürlich verstehe ich die Sorgen, wenn sie plötzlich 70 Millionen neue Einwohner mit Vertretung in den EU-Gremien bekommen. Doch wenn man die Wirtschaft betrachtet, sind wir eigentlich schon ein EU-Mitgliedstaat, die Zahlen sprechen für sich.

Standard: Und wie schaut es in Bezug auf die Kulturszene aus?

Madra: Allein Istanbul ist eine der pulsierendsten Städte, was die Kulturproduktion betrifft. Andererseits verschließt sich Europa mehr und mehr. Es werden oft nur lokale Probleme behandelt, die Verantwortlichen sind viel zu sehr mit ihren eigenen Sorgen beschäftigt. Hinzu kommt, dass Europa mehrheitlich konservativ regiert wird; und so konservativ wie die Politik ist die Bürokratie. Doch Gegenwartskunst war und ist stets ein Gegenpol zu konservativen Strömungen. Europas Kulturinstitutionen sind bereits seit Dekaden in der Türkei aktiv. Bis heute sind sie in ihren Zielen natürlich weiterhin eurozentrisch, wollen europäische Ideen und Werte, Strategien und auch ihre Ästhetik vermitteln, der türkischen Kunst quasi implantieren. Bei genauerer Betrachtung ist all das längst in der türkischen Kunst beheimatet, die Arbeiten sind anthropologischer, politischer und sozialkritischer geworden.

Standard: Kann türkische Kunst der Imagepflege in Österreich und Deutschland dienen?

Madra: Wir hatten viele Ausstellungen in Berlin und anderen Städten. Türkische Künstler arbeiten in Partnerschaften, in Kollektiven, bilden internationale Netzwerke. Viele ausländische Kunstschaffende aus allen Bereichen zieht es nach Istanbul. Jedes Jahr kommen zwei Künstler aus Deutschland nach Istanbul, arbeiteten hier, machten eine Ausstellung und nehmen ihre zumeist positiven Erfahrungen mit zurück in ihre Heimat. Leider gibt es aber noch kein solches Residency-Programm für türkische Künstler in Deutschland oder Österreich. Das ist ein Defizit, das es zu beheben gilt. Doch die Dinge beginnen sich zu verändern.

Standard: Fast dreißig Prozent erreichte bei den Wiener Wahlen eine rechtsradikale Partei, die einen antitürkischen Wahlkampf geführt hat. Das Türkei-Bild vieler Österreiche ist offensichtlich geprägt vom antiquierten Wertekanon des anatolischen Bauern.

Madra: Das ist das simplifizierende Bild des Orients in Okzident. Aber seien wir ehrlich: Wie denken denn genau diese Menschen über Afrika? Oder über Asien? Das sind Vorstellungen, die sich an Stereotypen orientieren. Und die sind sehr schwer aus der Welt zu schaffen. Ich weiß selbst keine Lösung. Doch die Gegenwartskunst wirft Lösungsansätze auf. Austauschprogramme, grenzüberschreitende Kollektive leisten einen wertvollen Beitrag. Die folgende Generation wird wohl schon andere Bilder über Türken und die Türkei entwickeln. Und seien wir uns ehrlich, was die konservativen Weltbilder betrifft: Gar so weit liegen da - überspitzt formuliert - der österreichische Bergbauer und sein anatolischer Kollege nicht auseinander. Beide haben dieselbe hermetische Weltsicht; und beide haben Angst davor, sich Neuem zu öffnen.

Standard: Stichwort Anatolien: Auch hier entwickeln sich erste Biennalen. Mit welchem Ziel?

Madra: Es sind lokale Initiativen, um diese Region mehr ins mediale Licht zu rücken. Der Hintergrund ist ein klar ökonomischer. Auf einmal sind die Grenzstädte zu Syrien, etwa Antakya und auch Malatya, sichtbar in den Medien. Und das bringt Geld. Die Biennale ist ein Werkzeug. Nebenbei werden auch die Absolventen der hiesigen Universitäten bekannter.

Standard: Was ist der Effekt der Kulturhauptstadt für Istanbul?

Madra: Die Ergebnisse werden erst in den kommenden Jahren sichtbar. Mit dem Budget von 150 Millionen Euro haben wir eine langfristige Strategie angelegt, um die hiesige Kunstszene globaler zu orientieren. (DER STANDARD, Printausgabe, 25.11.2010) 

 

Istanbul lädt Islamkritiker Naipaul aus
Konservative türkische Autoren zogen gegen Auftritt des Nobelpreisträgers ins Feld

Das größte Event in der Geschichte des Europäischen Schriftstellerparlaments EWP soll es werden, doch zunächst einmal ist den "Parlamentariern" nur der bisher größte Eklat im Kulturhauptstadtjahr Istanbuls gelungen: Auf Druck türkischer Autoren und Journalisten hat die Leitung des EWP den Schriftsteller V. S. Naipaul, einen Kritiker des Islams, ausgeladen. Der Nobelpreisträger sollte am Donnerstag eine der Eröffnungsreden des europäischen Schriftstellerkongresses im Istanbul Hilton halten.

"Ich habe positive Reaktionen erwartet dafür, dass ich Menschen mit unterschiedlichen Sichtweisen zusammenbringe. Ich glaube immer noch, dass wir Recht haben", sagte Ahmet Kot, der literarische Direktor der Kulturhauptstadt Istanbul 2010. Eine ganze Riege zumeist konservativer Literaten und Journalisten, die der konservativ-muslimischen Regierungspartei AKP nahestehen, sieht das ganz anders. "Wie kann man sich hinsetzen und mit einem Schriftsteller reden, der Muslime so sehr beleidigt hat?", schrieb Hilmi Yavuz, ein respektierter Dichter des Landes, in der Tageszeitung Zaman. Danach brach in anderen Blättern ein Sturm der Entrüstung gegen Sir Vidia los, den in den Adelsstand erhobenen Autor (78) aus Trinidad.

In der Erklärung des Schriftstellerparlaments heißt es, die "Politisierung der Konferenz in den türkischen Medien" habe das ursprüngliche Konzept der Veranstaltung und Naipauls Beitrag dazu als gefeierter Schriftsteller "verändert". Damit wird die Unmöglichkeit umschrieben, gegenwärtig einen islamkritischen Autor in Istanbul auftreten zu lassen. "Das war in der Tat unser Wunsch", räumte Cenk Gültekin vom Schriftstellerparlament dem Standard gegenüber ein, "doch das Klima wurde irgendwie verändert". Naipaul habe im "gegenseitigen Einverständnis" seine Teilnahme an dem Kongress zurückgezogen.

Neben Hilmi Yavuz brachten sich vor allem der konservative, von der AKP im offiziellen Kulturbetrieb unterstützte Dichter Rasim Özdenören, die Kolumnistin Cihan Aktas und Cezmi Ersöz, ein Verfasser populärer romantischer Gedichte und Romane, gegen Naipaul in Stellung. Keiner von ihnen habe wirklich Werke von Naipaul gelesen, glaubt Gültekin. Der Medienwirbel sei aufgrund von "Mikrozitaten" aus Naipauls Werken erzeugt worden. An dem Kongress nehmen rund 80 Autoren teil. Sie diskutieren bis Samstag über Massenkultur, Globalisierung oder kulturelle Vielfalt im Nationalstaat. (Markus Bernath aus Istanbul / DER STANDARD, Printausgabe, 25.11.2010)

  • Vom schwierigen Umgang mit der Historie [2]

    Titelbild "Nemci in Maribor": Ein Schlüsselprojekt der Kulturhauptstadt widmet sich seiner ehemals deutschsprachigen Bevölkerung und ist ein wichtiges Symbol einer lokalen Vergangenheitsbewältigung

  • "Wendepunkt"

    Die Suche nach der Kulturhauptstadt [16]

    TitelbildMaribor, zusammen mit Guimaraes Kulturhauptstadt Europas, protzte nicht: Das Eröffnungswochenende fiel eher bescheiden aus

  • Kulturappell auf Ausländisch [1]

    TitelbildMaribor steht vor der Pleite: Zentrale Bauten wurden nicht errichtet, berühmte Künstler vergrault. Doch die Hoffnung in der europäischen Kulturhauptstadt 2012 lebt weiter - trotz alledem

  • Mehr Licht!

    TitelbildAb Samstag, 14. Jänner, ist Maribor Kulturhauptstadt Europas 2012. Neben Hochkultur soll dabei auch Alltagskultur sichtbar werden

  • Der verlorene Mariborer Regie-Sohn [1]

    TitelbildMaribor ist europäische Kulturhauptstadt 2012. Der bisherige künstlerische Leiter, Theaterregisseur Tomaz Pandur, kehrte der Stadt allerdings den Rücken

  • Reihenfolge

    Kulturhauptstädte 1985 bis 2016

    Die Länderreihenfolge ist bereits bis 2019 festgelegt

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 30
1 2
cannery row
11
25.11.2010, 14:29
Istanbul lädt Islamkritiker Naipaul aus..

"Konservative türkische Autoren zogen gegen Auftritt des Nobelpreisträgers ins Feld".

soviel dazu.

karagul35
44
25.11.2010, 14:22
warum eigentlich alle Türkenhasser immer die Türkeiberichte lesen müssen :))) obwohl korrekt gesagt: die Türkeiberichte kommentieren müssen ohne diese zu lesen :))))

ich bin dabei
00
25.11.2010, 14:11
Hoppala, seh ich doch da tatsächlich ein Zigarette

im Mund der Chello-Spielerin. Und das ist durchgegangen und wurde NICHT wegretouchiert, wie beim Lennon?

Pingu407
00
1.12.2010, 19:35

Nur so klingt das Kabelmodem so, wie es klingen soll.

Gerhard Eigner
33
25.11.2010, 13:59
"Eigentlich sind wir schon EU-Mitglied"

in your dreams.
und so soll es auch bleiben.

Daniel Schmid 666
43
25.11.2010, 13:34
ein islamisches land in der eu?

ich hoffe österreich ist sich seiner rolle in der welt bewusst und tritt gegen einen beitritt eines merheitlich muslimischen staates ein.

msm
00
26.11.2010, 00:00
Verstehe Sie schon...

...nur, so richtig zeitgemäß ist Ihre Aussage nicht,
die Habsburger sind weder König (Protektor) von Jerusalem, noch können Sie bei der Wahl des jeweiligen Papstes Einspruch erheben. Das gab es, nur nachschauen. Österreich ist m.W. einer der wenigen Staaten Europas, in dem der Islam als Verein, oder Körperschaft -Öffentlichen Rechts. anerkannt wird.
Zu den türk. Träumen, Hethiter, anat. Griechen, Römer, Byzantiner und Bewohner Konstantinopels,
können wohl nicht als Ahnen der Turkvölker bezeichnet werden, auch die Kriege der Osmanen im Mittelmeer, gegen Österreich, die Balkanstaaten, tragen wohl kaum zum Bild einer gemeinsamen Kulltur bei. Atta Türk ist zu wenig, zudem seine Trennung von Staat und Religion überholt scheint

Seria
32
25.11.2010, 13:13

da sollte aber doch erst Kurdistan ein gewisses Mass an Selbstverwaltung erhalten, Religionen vollen Schutz des Staates haben und frei operieren können, Anatolien zumindest auf das Niveau Kärntens gebracht werden, dann kann man ja überlegen....

karagul35
31
25.11.2010, 14:18
bei einer Beschäftigungsquote von 2,78 % in Agri und aufsteigend in Folge Hakkari, Mus, Sirnak, Bitlis, Mardin, S.Urfa, Van, Kilis und Kars... In Städten, wo die Fabriken von Frauen boykottiert werden, in Städten wo noch immer die Macht der

Bestechung intarkt ist, in Städten wo noch immer Unternehmer aber auch Arbeitnehmer von einer Terrorgruppe bedroht werden und denen unter Zwang Geld abgezapft wird, in Städten wo sich Ehemänner in ihren Wohnungen erhängen weil sie nix zum Essen haben - wobei zeitgleich der Bürgermeister noch auf Meetings seine Begeisterung für Terroristen in den Tag legt und deren Begräbnisse mit den Gemeindegeldern finanziert... - solchen Städten/Menschen möchten Sie im Ernst noch eine Selbstverwaltung überlassen???

Zuerst müssen diese Menschen im Osten und Südosten kapieren, dass Frauen und Männer gleichberechtigt sind und, dass ohne Bildung einfach nix funktioniert - dann können wir gerne wieder über eine Selbstverwaltung reden...

Seria
00
25.11.2010, 17:15

ob das mit der B ildung hier verstanden wird? Doch nicht von den Volksvertretern

Baer8
24
25.11.2010, 12:32
Solange es genügend Zahler wie Österreich und Deutschland gibt wollen natürlich alle in die EU...

karagul35
11
25.11.2010, 14:19
Sie haben bestimmt den Artikel gelesen oder?

fish13
04
25.11.2010, 12:17
"Eigentlich sind wir schon EU-Mitglied" wie bitte?!!

die gute Fee meint wohl
seit 21. September 1529 ??

k 2r
11
25.11.2010, 12:15

zu befürchten ist nur: noch bevor ich zum islam bekehrt sein werde, zerbröselt die eu.

Sigismund
23
25.11.2010, 11:26

Türkei zur EU?
Von mir aus.
Österreich tritt dafür aus.
Niemand will mehr bei diesem Witzverein sein.
Bevormundung pur.

Seria
01
25.11.2010, 17:19

gerade diese Bevormundung ist wichtig und besonders bei den etwas retardierten, die zB nicht mit Geld umgehen können (Koralmtunnel, Flughafen Wien, HypoAlpe Adria, Ktner landesreg, die immer noch der Nazizeit nachtrauern (FPÖ/BZÖ, FPK), für die der Islam eine Gefahr bedeutet, für die, die im Abschießen von Imamen ein Spiel sehen...

AMKO
01
25.11.2010, 10:46

ich weiß nur nicht wieso die alle in die EU wollen, die Wirtschaft wackelt, Nationalismus herrscht - ein Staat wie die Türkei kann glaube ich durch die EU nur im Aufschwung gebremst werden.

xxx...yyy
34
25.11.2010, 10:37
verstehe nur ich das nicht?

EU-KULTURHAUPTSTADT = ISTANBUL?

was ist das für ein schw***nn?

Niemand & Keiner
33
25.11.2010, 09:28

Die Türkei gehört geografisch, kulturell und politisch niemals in die EU.

Osman Mert
10
28.11.2010, 16:58

vielleicht nicht in die EU aber nach Europa und wenn sie sich allesamt auf den Kopf stellen :)

Niemand & Keiner
00
30.11.2010, 11:22

Ein Siebentel des Landes Liegt auf dem europäischen Kontinent. Die Hauptstadt selber befindet sich im asiatischen Bereich. Die Kultur ist stark an den islamisch-arabischen Bereich angelehnt.

Johannes Benn
01
25.11.2010, 09:07
.

europa wird konservativ regiert...und die türkei?

molekühl
20
25.11.2010, 11:17

Na, da können Sie zwischen einem demokratisch gewählten islamistisch-nationalistischem Arbeiterführer und einem laizistischen Militärregime wählen.
Nach dem Interview frage ich mich nur noch: wo nimmt der Erdogan denn seine Wähler her? Türken können das anscheinend ja keine sein.

Julian Casablancas
10
25.11.2010, 08:25

naja aber nichts für ungut den österreichischen bergbauern gibt es so nicht mehr.
bergbauern sind nebenerwerbsbauern denn bauer sein, zahlt sich finanziell nicht aus, dass tut man aus liebe zu den tieren und zur landschaft.
die bergbauern die ich kenne sind viel moderener als so mancher stadtmensch (siehe legalisierung weicher drogen, äußerst positive meinung zu den grünen, jeder von denen hat einen internetanschluß etc.)
da kann sie mir noch so viel über vergleiche mit anatolischen bergbauern erzählen das glaub ich einfach nicht!

lessismore
00
24.11.2010, 21:55

Beim Rauchen Cellospielen, das ist ja schon wieder mal typisch Parallelgesellschaft!

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