"Dass es so schwer wird, hätte ich nicht geglaubt"

24. November 2010, 17:43
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Die Chefin der Wiener VP, erklärt bei welchen Themen sie mit der FPÖ zusammenarbeiten will und warum sie wenig von Rot-Grün hält

Standard: Bei Ihrer Wahl zur Klubobfrau haben Sie 14 von 23 Stimmen bekommen. Mit welchem Gefühl gehen Sie in den Gemeinderat?

Marek: Ich bin optimistisch. Es geht jetzt darum, nach vorn zu schauen. Wenn man diese Aufgabe zögerlich oder ängstlich angeht, dann kann man's gleich vergessen. Das eine sind die letzten Wochen, aus denen man Schlüsse ziehen muss für die Zukunft. Aber jetzt arbeiten wir mit Vollgas, und es gibt viel zu tun. Es gibt ein Regierungsprogramm von Rot-Grün, das sehr blass ist, wo wesentliche Probleme nicht angegangen werden, wo die Grünen einen Umfaller nach dem anderen geliefert haben. Wir werden eine kantige Oppositionspolitik machen, aber nicht so brachial wie die FPÖ, sondern als konstruktiver Ideengeber, der wir ja bisher schon waren.

Standard: Diese neun Gegenstimmen verunsichern Sie nicht?

Marek: Wichtig ist jetzt, alle ins Boot zu holen, auch die, die mich nicht gewählt haben. Wenn sich manche jetzt zurücklehnen und sagen würden: Schau' ma mal - das würde uns sehr schwächen, aber davon gehe ich nicht aus. Ich habe das Gefühl, dass alle wissen, dass wir jetzt nur geschlossen etwas schaffen können. Wir müssen uns auch so aufstellen, dass die Wirtschaftskompetenz das Alleinstellungsmerkmal der ÖVP wird.

Standard: Warum kommen dann alle Schlüsselfiguren - Klubobfrau, Landesgeschäftsführer, Stadtrat - aus dem ÖAAB?

Marek: Das ist reiner Zufall. Aber es ist falsch, dass es nur diese drei Schlüsselpositionen gibt, es geht auch um gestalterische Tätigkeiten. Für den nicht amtsführenden Stadtrat gab es zwei Kandidaten (Anm.: Wolfgang Gerstl, ÖAAB, und Isabella Leeb, Wirtschaftsbund). Beide sind kompetente Persönlichkeiten. Dass beide unterschiedlichen Teilorganisationen angehören, war Zufall.

Standard: Der Wirtschaftsbund ist also nicht nachhaltig beleidigt?

Marek: Es gibt zum Teil Verstimmungen. Da werden viele Gespräche notwendig sein. Wir haben es aber etwa bei der Ausschussbesetzung für den Gemeinderat schon geschafft, dass wir alle weitestgehend zufriedenstellen konnten. Viel miteinander Reden, das ist unsere Herausforderung.

Standard: Wenn man mit VPlern redet, hört man über die Wiener Landespartei immer wieder: Die mögen einander einfach nicht. Wie ist es denn hier atmosphärisch?

Marek: Es gibt da und dort, wie in jeder anderen Organisation auch, persönliche Befindlichkeiten, und es gibt Baustellen aus der Vergangenheit. Daran werden wir nachhaltig arbeiten müssen. Auch die Landespartei und der Klub müssen stärker zusammenwachsen. Wir haben deutlich reduzierte Ressourcen zur Verfügung, deswegen müssen wir alle Synergien nutzen. In den Gesprächen habe ich immer wieder gehört: die dort drüben und wir da herüben. Ich sage: Wir sind alle ÖVP Wien.

Standard: Hatten Sie nie Lust, die Landespartei einfach wieder hinzuschmeißen?

Marek: Nein, nie. Ich hab mir manchmal schon gedacht: Dass es so schwer wird, hätte ich nicht geglaubt. Aber hinschmeißen wollte ich es nie. Ich glaube fest daran, dass man hier etwas schaffen kann, aber nur, wenn man sich hundertprozentig darauf konzentriert. Es wäre gelogen, zu sagen, dass ich nicht ein ganz großes weinendes Auge beim Abschied aus dem Staatssekretariat habe. Aber es ist ein neuer Abschnitt, auf den ich mich freue, und ich habe in den vergangenen Tagen auch viel positives Feedback bekommen.

Standard: Haben Sie den Schritt nach Wien nie bereut?

Marek: Nein. Auch, wenn die letzten Wochen persönlich wirklich ganz, ganz schwer waren. Wenn man permanent in der Zeitung liest, was andere irgendwo über einen sagen - so eine Hornhaut kann man gar nicht haben, dass einem das egal ist. Das war teilweise schon sehr bitter. Aber ich glaube daran, dass wir etwas schaffen können. Rot-Grün ist eine wirkliche Enttäuschung. Ein solches Regierungsprogramm hätte ich bei unseren Leuten nie durchgebracht. Ich hätte es auch nicht zur Abstimmung gebracht. In der Opposition wollen wir bei gewissen Sachthemen auch gemeinsam mit den Freiheitlichen auftreten, zum Beispiel bei der Frage des Wahlrechts. Das schaue ich mir an, mit welchem Argument Maria Vassilakou gegen den von ihr unterschriebenen Notariatsakt stimmt.

Standard: Wäre für Sie die Zusammenarbeit mit der FPÖ auch in einer Regierung denkbar?

Marek: Die Frage stellt sich nicht, wir haben gerade erst gewählt.

Standard: Ihr Vorgänger Johannes Hahn hat bei einer Diskussion mit Schülern gesagt, dass er Rot-Grün ganz gut findet, weil es frischen Wind nachWien bringt. Finden Sie Rot-Grün wirklich nur furchtbar?

Marek: Die Roten sind eine einzige Machtpartei, die Grünen sind teilweise Marxisten - wobei sie eh alles über Bord geworfen haben, das heißt, wir haben de facto eine SPÖ-Alleinregierung. (Andrea Heigl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.11.2010)

Christine Marek (42) war von Jänner 2007 bis November 2010 Staatssekretärin im Wirtschaftsministerium, jetzt ist sie Klubobfrau der Wiener VP.

  • "Die Roten sind eine einzige Machtpartei, die Grünen sind teilweise Marxisten" - VP-Chefin Christine Marek, die selbst gerne Vizebürgermeisterin geworden wäre, lässt kein gutes Haar an Rot-Grün.
    foto: standard/fischer

    "Die Roten sind eine einzige Machtpartei, die Grünen sind teilweise Marxisten" - VP-Chefin Christine Marek, die selbst gerne Vizebürgermeisterin geworden wäre, lässt kein gutes Haar an Rot-Grün.

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