Schiefer Turm von Pisa und Kolosseum belagert - Verletzte bei Ausschreitungen
Rom - Mit Demonstrationen, Sit-ins und Protestzügen haben Studenten und
Schüler in ganz Italien gegen die Universitätsreform der Regierung Berlusconi
demonstriert. Vom Norden- bis Süden des Landes gingen am Donnerstag Tausende
Studenten, Wissenschaftler und Hochschullehrer auf die Straße. Zu gewaltsamen
Protesten kam es dabei in Florenz und in Mailand. Die Polizei griff ein, um die
Studenten vom Eingang der Florentiner Universität zu verdrängen, dabei wurden
sechs Studenten und ein Polizist verletzt. Zu Ausschreitungen kam es auch in
Mailand, wo zwei Personen verletzt wurden.
In Pisa lösten sich einige Dutzende Menschen von einem großen Protestzug und
stürmten vor verblüfften Touristen den Schiefen Turm von Pisa. Von der Spitze
des Turms aus wurde ein Spruchband mit dem Slogan "Nein zur Universitätsreform"
ausgerollt. Tausende Studenten demonstrierten in Rom. Mehrere Demonstranten
drangen ins Kolosseum ein, rollten Slogans gegen die Reform aus und warfen rote
Rauchbomben. "Wir sind die wahren Löwen!", war auf einem Transparent zu lesen.
Niederlage bei Abstimmung
Die Studenten demonstrierten auch vor der Abgeordnetenkammer, in der die
Universitätsreform diskutiert wird. Die gespaltene Regierungskoalition um
Ministerpräsident Silvio Berlusconi stößt im Parlament auf zunehmende
Schwierigkeiten mit der Reform. Bei einem Votum über einige Artikel der Reform
erlitt die Regierung Berlusconi eine Niederlage, da die Rechtsfraktion um den
Präsidenten der Abgeordnetenkammer Gianfranco Fini mit der Opposition stimmte.
Dabei hatte Regierungschef Silvio Berlusconi gehofft, noch am heutigen
Donnerstag die Reform in der Abgeordnetenkammer durchzubringen.
Unterrichtsministerin Maria Stella Gelmini, Verfasserin der umstrittenen
Reform, drohte, ihren Gesetzesentwurf zurückzuziehen, sollte er im Parlament
unter dem Druck der Opposition zu stark geändert werden. Sie kritisierte die
Massendemonstrationen der Studenten scharf. Der Protest sei "absolut
inakzeptabel". Sie seien von der Opposition manipuliert, klagte sie. Die
Regierung Berlusconi habe eine Milliarde Euro für die Reform zur Verfügung
gestellt. Dieses Geld sei wichtig, um Italiens Universitätssystem zu
modernisieren.
Die Reform zielt auf die Umgestaltung des Universitätssystems ab. Vor allem
solle die Verwaltung der Universitäten neugestaltet werden. Geplant ist zudem
die Einführung neuer Auswahlkriterien für Professoren und Forscher. Auch über
Fonds für die besten Studenten werde nachgedacht.
Die Reform sieht vor allem aber beträchtliche Einsparungen im
Universitätsbereich vor. Im Reformpaket heißt es, dass fünf Professoren, die
pensioniert werden, jeweils nur durch eine Person ersetzt werden sollen. Geplant
ist zudem eine radikale Änderung des Auswahlverfahrens für Professorenstellen
und strenge Auflagen für Hochschulen mit Budgetdefiziten.
Universitäten sollen künftig eigene Manager für den Finanzbereich bekommen.
In der Reform ist auch das Prinzip der Autonomie der Universitäten verankert,
die eine größere Verantwortung im finanziellen, wissenschaftlichen und
didaktischen Bereich übernehmen sollen. Schlecht verwaltete Universitäten sollen
weniger Geld vom Staat erhalten und können im schlimmsten Fall sogar unter
Aufsicht eines Kommissars gestellt werden, der die Bilanzen in Ordnung bringen
soll. Mit der Universitätsreform will die Regierung Berlusconi die Zahl der
Professoren pro Student reduzieren. Die Kosten der veralteten italienischen
Universitäten seien zu hoch. Allein im kommenden Jahr will die Regierung im
Universitätsbereich 700 Millionen Euro einsparen. (APA)