"Champagnerflaschen sind keine Feuerlöscher"

24. November 2010, 17:00
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Der Soziologe Reinhold Knoll über den Luxus Bildungsreform, die Signalwirkung von Luxusartikeln und die Vorzüge von Bibliotheken gegenüber Rennställen

derStandard.at: Tut Luxus einer Gesellschaft gut?

Reinhold Knoll: Wie bei allen Fragestellungen dieser Art gibt es ambivalente Antworten. Alles, was im Kunsthistorischen Museum aufbewahrt wird, entstammt zu einem hohen Prozentsatz einer Luxusproduktion, dennoch kann man sie nicht als Luxusgüter diskreditieren. Sie sind Dokumentationen gewaltiger Fortschritte der Kreativität, die nachfolgenden Generationen erhalten geblieben sind. Sie waren nur ursprünglich ein Produkt, das luxuriöser Lebenshaltung entsprach, sie haben überzeitlichen Charakter.

derStandard.at: Was wäre die negative Seite des Luxus?

Knoll: Wir erleben das merkwürdige Phänomen, dass der Überfluss in unserer Gesellschaft nicht zu einer Sicherstellung der Wohlfahrt führt. Im Gegenteil: Wir stehen vor ungelösten Fragen und wissen nicht, wie unser Sozialsystem in Zukunft bezahlt werden soll.
Im Schatten von Luxus verzeichnen wir eine Zunahme von Armut, von scheinbar unlösbaren sozialen Problemen, im Schatten von Luxus sind wir nicht mehr in der Lage zu Integrationslösungen aller Art.
Luxus vernichtet Werte und liefert ein schönes Beispiel dafür, dass wir in unserer modernen Gesellschaft nicht mehr verstehen, mit dem Reichtum umzugehen. Es ist ein enormes Glück, dass grundsätzlich nicht viele Menschen im Luxus leben können. Sonst würde niemand etwas arbeiten und man würde nicht lange im Wohlstand leben können.

derStandard.at: Haben nicht gerade Vermögende eine Verantwortung für die Gesellschaft?

Knoll: Absolut. Luxus hat Vorbildcharakter, weil er als Signal in alle Gesellschaftsschichten wirkt. Man muss den Hut ziehen, dass ein amerikanischer Milliardär sich gezwungen sieht, öffentliche Leistungen zu erbringen. Archive oder Universitätsbibliotheken werden in den USA sehr großherzig von Privatpersonen finanziert. Wenn ich an einen Milliardär in Österreich denke, fällt mir Formel 1 und Fußball ein - das tut weh. Da entschlägt sich jemand der sozialen Verantwortung und investiert in Bereiche, wo er dem Midas-Kult unterliegt, alles zu Gold machen zu wollen.
Wir stehen also in Mitteleuropa vor dem Problem, dass sich hier niemand der Vermögenskultur verpflichtet fühlt. Aristokraten waren früher angehalten, an Anschaffungen im allgemeinen Interesse zu denken und diese über Generationen zugänglich zu machen. Das ist der Sinn aller Archive, Museen und Sammlungen.

derStandard.at: Wie definieren Sie Luxus?

Knoll: Der Begriff kommt aus der Medizin des Paracelsus. Der meinte im 16. Jahrhundert, dass bestimmte Gesellschaftsschichten einfach zu viel gegessen haben und das ist nicht sehr gesund. Dieses Fressen hat er als Ursache verschiedenster Krankheiten angesehen und als Luxus bezeichnet. So kann man Luxus noch heute charakterisieren: Übertriebener Konsum bei gleichzeitig schneller Verwertung dieser Produkte.
Und Verschwendungen aller Art: Die repräsentativste Form erlebt man nach Formel 1-Rennen, wo Champagnerflaschen wie Feuerlöscher verwendet werden. Das ist unsinnig, das ist moralisch verwerflich. Weil es als Beispiel für Verschwendung auf breitere Gesellschaftsschichten verheerend wirkt.

derStandard.at: Luxus wird mit teuer gleichgesetzt...

Knoll: ...Luxus ist, wenn die Anschaffungen meine Kaufkraft übersteigen. Die kurzfristige Anziehungskraft von Luxussymbolen macht den Luxus so infektiös und gefährlich. Über den Konsum dringt Luxus in alle Gesellschaftsschichten vor und wird zur ökonomischen Katastrophe, wenn man dem Kaufrausch erliegt.

derStandard.at: Warum sind Luxusartikel, die gerade in der Mode auch vielfach kopiert werden, so anziehend für die Menschen?

Knoll: Seit der Französischen Revolution ist Mode ein Gegenstand sozialer Integration, die Bekleidung signalisiert die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Schicht. Gleichzeitig herrscht der Drang zu individueller Differenzierung. Das heißt, wenn ich mich in einer bestimmten Schicht hervorheben möchte, muss ich nicht nur eine bestimmte Jeansmarke tragen, sondern am besten auch das neueste Modell.
Mode hat gewaltige Verfallsdaten. Mit dieser Beschleunigung muss ich Schritt halten, um innerhalb einer Elite bemerkt zu werden und Zugehörigkeit zu schaffen. Das ist der Sinn. Dafür bin ich bereit, eine Menge zu zahlen. In dem Maße, in dem ich meine eigene Person nicht zur Geltung bringen kann, muss ich in Objekte investieren. Das ist noch nicht böse. Ein völlig normales menschliches Verhalten. Aber es kann passieren, dass ich meine Persönlichkeit nur mehr über diese repräsentativen Symbole konstituieren kann und keine Eigenfarbe besitze.

derStandard.at: Sind Luxus und Kunst miteinander verwandt?

Knoll: Luxus erreicht selten den Standard zeitgenössischer Ästhetik, den erfüllt das Kunstwerk.
Die Saliera zum Beispiel ist sicherlich ein Luxusgegenstand gewesen, aber in der Gestaltung ging es nicht mehr um ein Salzfass, sondern darum, dass der Künstler eine Idee damit verbunden hat, die er zum Ausdruck bringen wollte. Und so hat das einen überzeitlichen unglaublich wertvollen Charakter. Dadurch transformiert die Saliera ihre Rolle als Gebrauchsgegenstand wird eigentlich zum Kunstwerk.
Richard Wagner zum Beispiel hat Luxus gebraucht, um Kunst zu schaffen. Er war ein Wahnsinniger, der pausenlos in Schulden gelebt hat, betrieb einen enormen Luxus, der von anderen aufgefangen wurde. Von seinem armen Schwiegervater Liszt zum Beispiel. Aber meine Güte, das ist halt so! Es sind überzeitliche Kompositionen heraus gekommen. Bayreuth gibt es bis heute!

derStandard.at: Wann ärgert Sie der Gebrauch des Begriffs Luxus?

Knoll: In Zusammenhang mit "Zeit ist der größte Luxus" - das ist Blödheit! Die oft als Entschuldigung geäußert wird, denn Zeit zu haben schaut nicht gut aus in der Industriegesellschaft, daher gilt es als Luxus. In Wahrheit haben die Menschen wahnsinnig viel Zeit und sind nicht in der Lage sie zu gestalten.
Ich werde grantig bei Reformen, die Luxus im Sinne von Zeitverschwendung sind: Wir erleben seit den 70er-Jahren dauernd Schul- und Universitätsreformen, das Bildungsproblem haben wir weiterhin. Vergeudung in Form von Organisationsreformen, die völlig sinnlos sind, weil sich seit Jahren in den Schulen nichts ändert!

derStandard.at: Sind Sie immun gegen die Anziehungskraft des Luxus?

Knoll: Die Einstellung des Asketen, der nichts braucht, lehne ich auch ab. Das macht das Leben sehr arm. Wir brauchen bestimmte Formen der „Triebluxurierung". Ist die Frage, wie weit sie mit meinen Vermögensverhältnissen in Einklang zu bringen sind und in wie weit hier dauerhafte Werte, die Quelle einer Freude sind, geschaffen werden. Kurz gesagt: Ich konzentriere meine Kaufkraft in Kunstgegenständen und nicht in kurzlebigen Automobilen. (har/derStandard.at, 24.11.2010)

Zur Person:
Univ.-Prof. Dr. Reinhold Knoll ist Emeritus am Institut für Soziologie an der Universität Wien.

  •  "In Wahrheit haben die Menschen wahnsinnig viel Zeit und sind nicht in 
der Lage sie zu gestalten."
    foto: gabriela hartig

    "In Wahrheit haben die Menschen wahnsinnig viel Zeit und sind nicht in der Lage sie zu gestalten."

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    "Die repräsentativste Form erlebt man nach Formel 1-Rennen, wo Champagnerflaschen wie Feuerlöscher verwendet werden. Das ist unsinnig, das ist moralisch verwerflich."

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