Es zerfällt was in der Luft

23. November 2010, 23:43
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In den Seibersdorf Laboratories wird Luft nach radioaktiven Spuren untersucht - Damit können Staaten überführt werden, die sich nicht an den Atomteststoppvertrag halten

An insgesamt 80 Plätzen auf der Erde verrichten Menschen einen fürwahr bemerkenswerten Job. Sie sammeln Luft. Luft zum Atmen, trockene Luft, feuchte Luft, egal welche Luft. Die Proben werden über spezielle Filteranlagen genommen, mit deren Hilfe auch feinste Staubpartikel eingefangen werden. Wird dabei auch nur ein für eine Atomexplosion typisches Nuklid entdeckt, läuten die Alarmglocken. Dann wird der Filter in eines von weltweit derzeit zehn Labors geschickt, um den radioaktiven Gehalt der Probe mit der sogenannten Gammaspektrometrie im Detail zu messen.

Die in der Wiener Uno-City ansässige Organisation CTBTO (Comprehensive Nuclear-Test-Ban Treaty Organization) kontrolliert so, ob der Umfassende Atomteststoppvertrag von 1996 eingehalten wird. Im niederösterreichischen Seibersdorf, eine halbe Autostunde von Wien entfernt, wird eines dieser Labors betrieben. Was die Technik vor besondere Herausforderungen stellt, wie Geschäftsführerin Martina Schwaiger erzählt: Das Labor muss sogar vor Störungen durch kosmische Strahlung geschützt werden. Da auch andere Faktoren die präzise Arbeit negativ beeinflussen könnten - zum Beispiel ein Mensch, der einen sehr geringen, unbedenklichen Grad an Radioaktivität mit sich trägt -, wurde gleich eine spezielle Schutzkonstruktion gebaut. Sie ist so massiv, dass man dahinter Goldbarren wie in Fort Knox vermuten würde - keine Luftprobe. Um sie genau zu begutachten, muss man erst zwischen dreißig Zentimeter starken Betonwänden eine fünf Zentimeter dicke, gespenstisch quietschende Stahltüre zur Seite schieben.

Der Stahl stammt von alten, mittlerweile abgetragenen Brücken, die vor dem 19. Jahrhundert gebaut wurden. Grund: Nur so kann man sichergehen, dass er keine radioaktiven Reste enthält und die Prüfung der Luftprobe nicht beeinflusst.

Das sogenannte "Ultra Low Level Radionuklid-Labor ATL03" wird darüber hinaus durch eine Struktur aus Blei, Paraffin, Kupfer und Plastik abgeschirmt, die die hier in den Seibersdorf Laboratories tätigen Forscher nach einigen Tüfteleien entwickelt haben.

Ein Richtwert zeigt, warum diese Vorkehrungen für eine genaue Messung nötig waren. Da muss rundherum schon alles stimmen, um keine Fehler zu machen: Um nukleare Tests mit großer Sicherheit entdecken und nachweisen zu können, ist eine sehr geringe Nachweisgrenze von fünfmillionstel Zerfällen (Becquerel) pro Kubikmeter Luft gefordert. Eine Aktivitätsmenge, die weit unter der natürlichen und ungefährlichen Strahlung von Menschen, Gestein oder Mineralwasser liegt.

Die neugierige Frage, wie viele Proben positiv sind, wie viele und welche Staaten beim Bruch des Vertrags ertappt werden, beantwortet Schwaiger mit ausweichendem Lächeln. "Wir analysieren nur und sind gegenüber unseren Auftraggebern auch zu Stillschweigen verpflichtet. Die Zusammenführung des globalen Messnetzes erfolgt dann bei der CTBTO in Wien."

Arbeiten wie Forensiker

Ein Vergleich sei erlaubt: Man könnte sagen, in Seibersdorf arbeiten Forensiker, die zwar den Zeitpunkt eines Kriminalfalls bestimmen können, jede weitere Interpretation aber der Polizei überlassen. Es muss außerdem nicht jede positive Probe auf einen Atomtest zurückzuführen sein. Die Ursache kann auch ein nicht weniger beunruhigender Störfall in einem Atomkraftwerk oder ein Defekt in einem nuklearmedizinischen Labor sein.

Auch beim Strahlenschutz arbeitet man seit mehreren Jahren auf einem hohen Messniveau. Strahlenschutz ist vielfältiger, als sich das ein Laie vorstellen kann: Wenn man irgendwo reinschauen will, "wo man eigentlich nicht reinschauen kann, ohne zu verletzen oder zu zerstören", wird Strahlung benötigt, erklärt Schwaiger. Da die aber in zu hohen Dosen gefährlich sein kann, muss mehrfach geprüft werden: Zunächst einmal jedes Röntgengerät, ehe es in Betrieb genommen wird. Auch jede Positronen-Emissions-Tomografie (PET) und die für die Untersuchung entwickelten Radiopharmaka, ehe diese in der Medizin eingesetzt werden können. Letztlich auch jede Maschine, die mit Strahlung Materialien in der Industrie auf Risse kontrolliert.

Quellen in der Medizin

In weiterer Folge müssen aber auch jene Menschen, die mit den Geräten arbeiten, untersucht werden. Mitarbeiter in nuklearmedizinischen Labors zum Beispiel. "Hier gibt es die großen, offenen Quellen", sagt Schwaiger. Die Strahlung sei aber selbstverständlich für den Krebspatienten bestimmt, nicht für den Arzt oder Assistenten.

"Wir legen daher die Mitarbeiter solcher Institute regelmäßig in einen Ganzkörperzähler. Eine für viele sicher sehr lästige Prozedur, aber notwendig, um eventuelle Gefahren zu erkennen." Mit den physiologischen Daten der Personen kombiniert, können die Forscher schließlich ein Computermodell von eventuellen Strahlenherden im Körper erstellen. Und somit auch rückrechnen, was der Mensch an der Maschine eingeatmet oder geschluckt haben muss.

Welche Gefahrenpotenziale gibt es da für die Betroffenen? Auch hier gilt die Devise der Laboratories: In Seibersdorf wird nur analysiert, was genau geschehen ist. Die Interpretation eventueller Folgen muss in diesem Fall dann ein Arzt übernehmen, sagt Schwaiger. (Peter Illetschko, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24. November 2010)


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CTBTO

Wissen: Ein Kontroll- und Prüfzentrum

Die Seibersdorf Laboratories GmbH ist eine hundertprozentige Tochter des Austrian Institute of Technology (AIT). Die als Dienstleistungsunternehmen aufgestellte Gesellschaft hat rund 160 Mitarbeiter.

Der Forschungsanteil liegt laut Angaben von Geschäftsführerin Martina Schwaiger bei zehn bis zwanzig Prozent. Relativ hoch, angesichts des hochsensiblen Aufgabengebiets der Laborgesellschaft aber auch logisch: In Seibersdorf wird nicht nur die eventuelle Belastung durch radioaktive Strahlen kontrolliert, im Auftrag von Sportverbänden werden auch Dopingkontrollen durchgeführt - zwischen fünf- und sechstausend im Jahr.

In den Seibersdorf Laboratories werden aber auch Handys und elektronische Geräte getestet - ob die von ihnen ausgestrahlten elektromagnetischen Wellen unter oder über dem Grenzwert liegen.

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Seibersdorf Laboratories

  • Ein Messsystem in den Seibersdorf Laboratories: Mit derlei Geräten wird analysiert, bewertet werden die Ergebnisse ausschließlich vom Auftraggeber.
    foto: seibersdorf laboratories

    Ein Messsystem in den Seibersdorf Laboratories: Mit derlei Geräten wird analysiert, bewertet werden die Ergebnisse ausschließlich vom Auftraggeber.

  • Martina Schwaiger ist seit 2009 Geschäftsführerin in Seibersdorf.
    foto: seibersdorf laboratories

    Martina Schwaiger ist seit 2009 Geschäftsführerin in Seibersdorf.

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