Wenn der Stromzähler zu viel weiß

23. November 2010, 23:13
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Bis 2020 sollen 80 Prozent der Haushalte mit intelligenten Stromzählern ausgestattet sein - Forscher ermitteln, ob sie wirklich beim Energiesparen helfen und wie dabei der Datenschutz gewahrt werden kann

Kühlschrank und Toaster, Herd und Fernseher verraten möglicherweise mehr über uns, als uns lieb ist. Aber auch wir können künftig mehr über unser elektronischen Mitbewohner erfahren.

Digitale, "smarte" Stromzähler machen es möglich: Verbunden mit Web-Portalen, Smartphones oder anderen Anzeigegeräten stellen sie ein Bild über den aktuellen Energieverbrauch und Kosten zusammen. Anstatt der einmal im Jahr fälligen Ablesung und anschließenden Abrechnungen können sie theoretisch jederzeit sekundengenau und automatisch Daten liefern - an die Bewohner genauso wie an den Stromkonzern. Das exakte Wissen über den Verbrauch einzelner Geräte im Tagesverlauf soll die Konsumenten dazu animieren, bewusster im Umgang mit Energie zu werden und Stromfresser ausfindig zu machen. Die so gesammelten Daten können aber auch viel über die Bewohner aussagen. Genau das bereitet Datenschützern Sorgen: Die permanente Übertragung und Speicherung von Verbrauchsdaten stelle einen Eingriff in die Privatsphäre dar, warnen sie.

Lebensprofile

"Keine andere Technologie, bis auf eine umfassende Ton- und Videoüberwachung, ist derart in der Lage, detaillierte Lebensprofile von Menschen innerhalb ihrer Wohnung zu erstellen", sagt Moritz Karg vom Unabhängigen Landeszentrum für Datenschutz Schleswig-Holstein. Anhand der Verbrauchsmuster könnten Stromlieferanten leicht ausforschen, wie viele Menschen sich in einer Wohnung befinden, wann sie zu Hause sind und was sie wann ein- und ausschalten, kurz: was sie den ganzen Tag so treiben.

In Deutschland und anderen Ländern haben Konsumenten- und Datenschützer längst eine Debatte über die Kollateralschäden der neuen Technologie losgetreten, die immerhin eine neue Ära der Energieversorgung einläuten soll (siehe Wissen). Sicherheitsexperten haben gezeigt, dass Hacker die kleinen Stromablesecomputer knacken und so Rechnungen manipulieren oder ganzen Haushalten den Strom abdrehen können. Das kann künftig auch der Stromversorger von der Ferne aus, ohne einen Mitarbeiter vor Ort.

In Österreich liegt nun ein Gesetzesentwurf des Wirtschaftsministeriums vor, der auch die Einführung von intelligenten Messgeräten regelt. Die Novelle des Elektrizitätswirtschafts- und -organisationsgesetzes (ElWOG) dürfte dieser Tage im Parlament beschlossen werden. Es soll die Vorgaben des dritten EU-Energiepakets in nationales Recht umsetzen. Die EU schreibt vor, dass bis 2020 80 Prozent aller Haushalte mit einem Smart Meter ausgestattet sein sollen.

Welche Konsequenzen die Einführung von intelligenten Zählern auf den Datenschutz, die Energieeffizienz und das Verhalten der Konsumenten haben, wird derweil in verschiedenen Forschungsprojekten erhoben, die im Auftrag des Klima- und Energiefonds des Lebens- sowie des Verkehrsministeriums, genauer gesagt im Programm "Neue Energien 2020", durchgeführt werden.

"Leider hat das Ministerium verabsäumt, wissenschaftliche Erfahrungen einzubeziehen", sagt der Datenschutzexperte Hans Zeger, der gemeinsam mit der Österreichischen Energieagentur im Projekt "Smart Metering und Datenschutz" internationale Erfahrungen sammelte und datenschutzrechtliche Verhaltensregeln formulierte.

So haben in Holland Proteste von Konsumentenschützern dazu geführt, dass ein Gesetz zur verpflichtenden Umrüstung zurückgezogen wurde. Stromkunden müssten selbst darüber entscheiden können, welche Daten in welchem Intervall übertragen werden. Zudem müsse eine fundierte, längerfristige Studie zum Nutzen der digitalen Messgeräte als Entscheidungsgrundlage für die Politik dienen, fordern die Experten.

Feldversuch

Noch ist umstritten, ob die Visualisierung des Verbrauchs allein zu Einsparungen führt und ob das Konzept überhaupt ökonomisch sinnvoll ist. "Ein durchschnittlicher Haushalt mit 4200 Kilowattstunden Verbrauch kann sich 70 bis 100 Euro im Jahr sparen", schätzt Michael Ornetzeder vom Institut für Technikfolgenabschätzung der Akademie der Wissenschaften. "Das ist als Anreiz zu wenig." Ornetzeder ist Mitarbeiter beim Klimafondsprojekt "€CO2", in dem ab Anfang 2011 280 Haushalte mit einem Smart Meter und einem Touchpad, das alle Verbräuche grafisch darstellt, ausgestattet werden. In einem einjährigen Feldversuch samt Energiesparberatung und Mikroemissionszertifikatehandel soll ermittelt werden, wie sich solche Systeme auf verschiedene Typen von Haushalten auswirken. Das Projekt "Smart New Word" wiederum entwickelt Szenarien für einen effektiven Einsatz der Geräte - ohne den Datenschutz zu verletzen. (Karin Krichmayr, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24. November 2010)


Tagung
"Smart Metering und Datenschutz", 30.11., 10-15 Uhr, Fleming's Hotel Wien-Westbahnhof

Wissen: Clever und Smart

"Smart" soll unsere Umgebung werden, clever denken sollen die Geräte und unser Leben effizient, umweltschonend und kostengünstig organisieren - so versprechen es zahlreiche Forschungsprojekte, unter anderem vom Klima- und Energiefonds gefördert. Smart Meter, also digitale Messgeräte, sind ein grundlegender Baustein auf dem Weg zu intelligenten Netzen, den Smart Grids. Diese sollen nicht nur die Energieverteilung an den Verbrauch anpassen. Die selbstregelnden Systeme sind auch notwendig, um Wind-, Solar- und andere erneuerbare Energien, die dezentral und mit großer Fluktuation produziert werden, einspeisen zu können. In einem weiteren Schritt können Smart Homes dann Strom beziehen, wenn er am günstigsten ist und dabei per Internet und Handy gesteuert werden.

Link
Klimafonds

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    Grünes Licht für digitale Strommesser wird es nun auch in Österreich geben. Noch sind viele Fragen ungeklärt, warnen Forscher. In zahlreichen Projekten wird derzeit untersucht, wie die Smart Meters am sinnvollsten eingesetzt werden können.

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    grafik: der standard
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