Pinar Selek und die gerechte Wut

23. November 2010, 23:05
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Pinar Selek ist müde, und sagt es auch. Den ganzen Tag Fragen beantwortet zu diesem absurden Justiztheater, das ihr Leben auffrisst. 31 Jahre Haft drohen der Soziologin und Frauenrechtlerin jetzt wieder, wenn sie zurück in die Türkei kommt. Die 9. Strafkammer des Obersten Berufungsgerichts in Ankara hat das so entschieden: „Pinar Selek hat die Bombe gelegt" titelte am Morgen die linksliberale Tageszeitung Radikal, wohlweislich betonend, dass dies nur die Ansicht des Gerichts ist. Schließlich zählt auch Oral Çalişlar, einer der einflussreichsten Kommentatoren von Radikal, zu Seleks Unterstützern.

„Ich wusste schon seit September von dem Urteil, ich habe keine Ahnung, warum die türkische Presse das heute aufgegriffen hat", sagt Selek am Abend am Telefon. Für den Nachrichtensender NTV - den türkischen - stand sie vorher am Brandenburger Tor und hat den Fernsehzuschauern zu Hause erklärt, wie satt sie die Urteilsrevisionen und chronisch wiederkehrenden Verfolgungen hat. Das halbe Dutzend ist jetzt voll. Am 9. Juli 1998 soll Pinar Selek an einem Bombenanschlag auf den Ägyptischen Basar in Istanbul - den Gewürzmarkt nahe der Galatabrücke - beteiligt gewesen sei, so die Anklage. Sieben Menschen wurden damals getötet, 127 verletzt. Die Probleme beginnen schon damit, dass von Anfang an zweifelhaft war, dass es sich überhaupt um eine Bombe gehandelt hat und nicht vielmehr um eine schadhafte Gasflasche, die explodiert war. Elf wissenschaftliche Gutachten kamen über die Jahre mal zu diesem, mal zu jenem Schluss.

Die damals 27-jährige Soziologin hatte an jenem Tag für ein Buch recherchiert. Es ging um die Kurden, die Justiz machte daraus eine Mitgliedschaft zur PKK und ein Treffen mit den anderen Attentätern. Weil sie nicht sagen wollte, mit wem sie sich am 9. Juli getroffen hat, wurde Selek in der Haft gefoltert. Im Jahr 2000 freigesprochen, später wieder angeklagt, freigesprochen, Urteil revidiert, noch einmal angeklagt ...

„Ich habe mit meinem Vater gesprochen", sagt sie nun, „er ist optimistisch". Alp Selek, ein bekannter, politisch linksstehender Anwalt, war selbst mehrere Jahre im Gefängnis. Nach der Revision in Ankara geht Pinar Seleks Fall nun wieder zurück nach Istanbul. Die nächste Verhandlung ist dort am 9. Februar. „Sie werden das letzte Urteil fällen", sagt Selek. Vater und Tochter glauben an einen Freispruch.

Selek lebt derzeit mit einem Stipendium des PEN in Berlin als „Schriftstellerin im Exil". Sie wolle ihre Doktorarbeit schreiben, sagt sie. Ihr jüngstes Buch „Zum Mann gehätschelt, zum Mann gedrillt", im Frühjahr auf Deutsch erschienen, ist eine traurige Studie über den türkischen Macho. „Ich werde den Kampf mit meinen Freunden fortsetzen", sagt die Frauenrechtlerin, „und ich werde mich nicht mit diesem Mist beschäftigen". Der absurden Justiz.

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    screenshot: www.pinarselek.com
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