Fragile Wunderwerke zwischen Kunst und Natur

23. November 2010, 22:32
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Die Universität Wien besitzt eine der größten Sammlungen gläserner Meerestiermodelle aus dem 19. Jahrhundert

Nun werden die kostbaren Objekte, die aus der legendären Werkstatt von Leopold und Rudolf Blaschka stammen, wissenschaftshistorisch erforscht.

Das Modell des Sonnentierchens ist das vielleicht spektakulärste der 143 wundersamen Objekte. In der Natur sind die kugelförmigen Einzeller winzig klein und nur mit dem Mikroskop erkennbar. Das gläserne Kunstwerk vor uns wurde im Maßstab 1:100 von Menschenhand gefertigt und hat aberdutzende zentimeterlange Fortsätze, die wie allerfeinste Nadeln aus dem zerbrechlichen Gerüst herausragen. Das schier Unglaubliche an diesem fragilen Wunderwerk: Es besteht vollständig aus Glas und ist weit mehr als hundert Jahre alt.

"Wie Vater und Sohn Blaschka damals ihre Glasmodelle herstellten, ist bis heute nicht restlos geklärt", sagt Daniel Siderits. Der wissenschaftliche Mitarbeiter am Departement für Theoretische Biologie der Uni Wien weiß außerdem davon zu berichten, dass die nicht allzu lang zurückliegende Renovierung allein dieses Sonnentierchens Monate in Anspruch genommen hat.

Zu filigran für Transporte

Die Besucher der Zoologischen Sammlung, die sonst nur für wissenschaftliche Zwecke zugänglich ist, halten daher sicherheitshalber den Atem an, als der Biologe vorsichtig den Glassturz über dem gläsernen Sonnentierchen entfernt, um das unfassbar filigrane Naturkunstwerk besser betrachten und fotografieren zu können.

"Viele unserer Glasmodelle sind so zerbrechlich, dass an einen Transport und eine Ausstellung nicht wirklich zu denken ist", sagt Siderits etwas bedauernd. Die größte Ausstellung der wundersamen wissenschaftlichen Glasobjekte von Vater Leopold und Sohn Rudolf Blaschka ist zugleich eine der Hauptattraktionen im Naturkundemuseum der Harvard University. Dort besitzt man 3000 Blaschka-Objekte und damit die mit Abstand größte Glasmodellsammlung, die es weltweit gibt. Immerhin fast 200.000 Besucher pilgern pro Jahr zu den einzigartigen Naturkunstwerken, die so unfassbar naturgetreu sind, dass nicht wenige Besucher nach der Besichtigung Museumsangestellte fragten, wo es denn nun endlich zu den Blumen aus Glas gehe.

Im Moment gibt es allerdings auch in Harvard nur einen Teil der Blaschka-Objekte zu sehen, wie Florian Huber weiß, der gerade mit einer Dissertation über das einzigartige Werk der aus Nordböhmen stammenden Glasbläser-Dynastie begann (siehe Wissens-Kasten). Die Beleuchtung habe den originalgetreuen Pflanzen- und Tiermodellen, die von Vater und Sohn Blaschka zwischen 1870 und 1936 zum Teil exklusiv für die Harvard University hergestellt wurden, so sehr zugesetzt, dass dringende Renovierungen nötig seien.

Diese Probleme hat man mit den gut gehüteten Glasmodellsammlungen hierzulande eher nicht. Neben den 143 Objekten an der Universität Wien gibt es im Stift Kremsmünster noch einen bedeutsamen Bestand, der aber nur auf Anfrage zu besichtigen ist. Und auch im Naturhistorischen Museum Wien gibt es einige der raren Blaschka-Modelle, die ursprünglich für Unterrichtszwecke angefertigt wurden, weil man vor 1900 Meerestiere und -pflanzen noch nicht richtig konservieren konnte.

Ausstellung an der Uni Wien

In Österreich existieren aber auch einige Blaschka-Glasmodelle, die auch für die Allgemeinheit zugänglich sind: Im Biozentrum in der Althanstraße in Wien sind einige der Objekte nicht allzu öffentlichkeitswirksam im Hauptgang ausgestellt. Und neuerdings werden einige der faszinierenden Glasmodelle auch im Hauptgebäude der Universität Wien gezeigt.

Im Foyer der Bibliothek läuft nämlich noch bis Ende Jänner eine kleine Ausstellung über die k. k. Zoologische Station in Triest. In der von Daniel Siderits mitgestalteten Schau gibt es unter anderem auch einen Oktopus aus der Werkstatt der Blaschkas zu bewundern, die von Hosterwitz nahe Dresden aus operierten und rund um 1900 naturkundliche Kabinette in der halben Welt belieferten.

Die k. k. Zoologische Station in Triest, die 1875 vom damaligen Wiener Zoologie-Ordinarius Carl Claus gegründet wurde, stand denn auch in einer engen Verbindung zu den gläsernen Modellen der Blaschkas, die als Glasbläser ursprünglich kunstvolle Luster hergestellten.

Auch ihre ersten wissenschaftlichen Glasmodelle waren eher noch recht künstlich. "Die beruhten nämlich auf den idealisierten, streng symmetrisch gestalteten Zeichnungen des deutschen Biologen Ernst Haeckel", sagt Florian Huber. Und bei Haeckel hätten ästhetische Gesichtspunkte eine mindestens ebenso wichtige Rolle gespielt wie die Authentizität.

Nach und nach wurden die Objekte dann aber wissenschaftlicher und naturgetreuer, so Huber: Vater und Sohn Blaschka legten sich einen Garten zum "Abschauen" an und unterhielten zahlreiche Aquarien zu Lebendbeobachtung von Meerestieren. Ein Mikroskop kauften sie sich allem Anschein nach jedoch erst relativ spät, so Huber.

Bei der "Verwissenschaftlichung" kamen dann eben auch die Universität Wien und die k. k. Zoologische Station ins Spiel, sagt Daniel Siderits. Denn zum einen war es Carl Claus, der Anfang der 1880er-Jahre die Anschaffung der Glasmodelle für die Universität Wien in Auftrag gab. Zum anderen scheint es wohl eine Übereinkunft gegeben zu haben, dass der Zoologie-Ordinarius den Glaskünstlern als Anzahlung Meerestiere und -pflanzen aus Triest zusandte, die Vater und Sohn Blaschka dann aus Glas nachbildeten.

Womöglich gab es dabei aber auch Missverständnisse, so Siderits – oder die Universität Wien war schon damals knapp bei Kasse: In der Korrespondenz mit dem exklusiven Vermarkter der Blaschka-Modelle in London fand sich jedenfalls lange nach Zustellung der Vermerk, dass die von Wien bestellten Objekte immer noch nicht bezahlt seien. (Klaus Taschwer, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24. November 2010)


Wissen: Doktoratskollegs des Wissenschaftsfonds

Seine Dissertation über die Glasmodelle der Blaschkas wird der angehende Wissenschaftshistoriker Florian Huber unter besten Bedingungen verfassen können. Er ist nämlich Mitglied des FWF-Doktoratskollegs "Die Naturwissenschaften im historischen, philosophischen und kulturellen Kontext", das am Dienstag an der Uni Wien eröffnet wurde.

Betreut von einer neunköpfigen "Faculty" werden neben Huber noch acht weiteren Kollegiaten und drei externen Doktoranden ideale Voraussetzungen geboten, um in den nächsten drei Jahren bezahltermaßen an ihren Dissertationen arbeiten zu können. Das Besondere dieses speziellen Doktoratskollegs, das vom Wissenschaftshistoriker Mitchell Ash geleitet wird: Das Betreuerteam besteht sowohl aus Geistes- wie auch aus Naturwissenschaftern der Uni Wien.

Doktoratskollegs sind eine relativ junge aber umso wichtigere Strukturmaßnahme des FWF: Aufgrund der oft schlechten Betreuungssituation bei Dissertationen beschloss man 2004, solche Kollegs einzurichten. Wie groß der Bedarf ist, lässt sich auch daran ermessen, dass allein 2009 acht neue Doktoratskollegs bewilligt wurden.

Insgesamt flossen bisher 44,4 Millionen Euro in die professionelle Dissertantenbetreuung, die für mehr als 400 Doktores in spe im Idealfall das Sprungbrett für eine wissenschaftliche Karriere im In- oder Ausland darstellen sollte.

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FAQ zu Doktoratskollegs

  • Das Modell eines Sonnentierchens im Maßstab 1:100 ist so zerbrechlich, dass es wohl nie ausgestellt werden kann.
    foto: corn

    Das Modell eines Sonnentierchens im Maßstab 1:100 ist so zerbrechlich, dass es wohl nie ausgestellt werden kann.

  • Nicht ganz so fragil: die gläserne Qualle
    foto: corn

    Nicht ganz so fragil: die gläserne Qualle

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