Israel schafft hohe Hürde für Friedensabkommen

Ben Segenreich aus Tel Aviv, 23. November 2010, 19:07

Heftig umstritten ist in Israel ein neues Gesetz, wonach ein Friedensabkommen einer Volksabstimmung unterworfen werden müsste - Kritiker werfen Premier Netanjahu Flucht aus der Verantwortung vor

Ein Friedensvertrag, der mit den Palästinensern oder den Syrern ausgehandelt würde, müsste in Israel direkt durch das Volk bewilligt werden. Darauf läuft ein neues Gesetz hinaus, das nach langer Debatte Montag Nacht im israelischen Parlament in zweiter und dritter Lesung durchgepeitscht wurde. Premier Benjamin Netanjahu, der das Volksabstimmungsgesetz unterstützte, verkaufte es als Instrument zur Förderung des Friedens, weil damit jede Regelung "starken öffentlichen Rückhalt" bekäme. Gegner kritisierten das Gesetz hingegen als ein Zeichen von Führungsschwäche Netanjahus und als absichtlich aufgebaute hohe Hürde auf dem Weg zur Beendigung des Konflikts.

In der Vergangenheit hatten israelische Politiker verschiedener Couleurs immer wieder vage von einer möglichen Volksabstimmung am Ende des Prozesses gesprochen. Damit sollten jene beschwichtigt werden, die vor zu raschen oder weitreichenden territorialen Zugeständnissen warnten. Doch bisher war ein Referendum im israelischen Recht überhaupt nicht vorgesehen.

Das neue Gesetz legt nun fest, dass zu einem Verzicht auf Staatsgebiet mindestens 80 der 120 Abgeordnetenstimmen nötig wären. In der Praxis müssten also linke und rechte Parteien dafür stimmen. Gäbe es aber bloß eine einfache Mehrheit, dann müsste das Volk direkt entscheiden. Die Frage muss so formuliert sein, dass sie mit "Ja" oder "Nein" beantwortet werden kann, Fernsehwerbung ist vor der Abstimmung verboten.

Ost-Jerusalem und Golan

Konkret könnte es bei so einem Referendum nur um Ost-Jerusalem oder den Golan gehen, die von Israel annektiert wurden. Für einen Verzicht auf Teile des Westjordanlands, das aus israelischer Sicht bloß als "verwaltetes" Gebiet gilt, wäre hingegen kein Referendum nötig. Allerdings steuerten die israelisch-palästinensischen Verhandlungen der letzten Jahre auf einen Gebietstausch hin, bei dem Israel Siedlungsblöcke behalten und dafür unbewohnte Gebietsstreifen an die Palästinenser abtreten würde - auch dafür wäre dann nach dem Buchstaben des neuen Gesetzes die Zustimmung des Volkes einzuholen.

"Netanjahu flüchtet vor der Verantwortung" und traue sich nicht, das Land in den Frieden zu führen, höhnte man bei der großen Oppositionspartei Kadima. Das Gesetz bedeute "die freiwillige Selbstfesselung, ja Selbstkastrierung des Parlaments". Jedes Friedensabkommen erfordere "nationale Übereinstimmung", hieß es hingegen in einer Erklärung Netanjahus. Er sei sicher, dass die israelische Öffentlichkeit "wenn es so weit ist, ein Friedensabkommen unterstützen wird".

Die Palästinenser reagierten ablehnend: "Das Ende der Besetzung unseres Landes kann nicht von irgendeinem Referendum abhängig sein", sagte Chefunterhändler Saeb Erekat. Vorläufig ist die Volksabstimmung über ein Verhandlungsergebnis aber reine Theorie, denn man schafft es nicht einmal, Verhandlungen zu beginnen. (Ben Segenreich aus Tel Aviv, STANDARD-Printausgabe, 24.11.2010)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 44
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Gipsnacken
62
24.11.2010, 13:55

In einer für Israel existenziellen Frage läßt die Regierung das Volk selbst entscheiden. Was es da zu kritisieren gibt ist mir schleierhaft. Aber die linke Presse hierzulande braucht einen Sündenbock für die fehlgeschlagenen Verhandlungen und das ist natürlich Netanyahu. Hätte Obama das gleiche wie Netanyahu vorgeschlagen hätten ihm die Journalisten hierzulande wieder die Füße geküsst für seine visionäre Politik.

Heavyweather
12
24.11.2010, 13:42

Alles Fundis..
Wie im Kindergarten.

erohemap
 
26
24.11.2010, 13:29
Jerusalem Post heute

mehr als 70 % (von ca 7.500 bis jetzt) lehnen
jede Gebietsabtretung ab. Mag JP besonders rechts
gerichtet sein, ist auch Haaretz, quantifiziert man die
Posts, auch nicht viel besser. Die Saat ist aufgegangen.
95 % lehnen Obama ab, belegen ihn mit wüsten Beschimpfungen. Die einzig gute Nachricht, die Israelis
wie alle anderen Menschen auch wollen gut leben und
nicht schon wieder einen neuen Krieg haben. Diese neue Provokation wird die Spirale der Gewalt weiterdrehen, weil eine unfähige Regierung am Ruder ist.

Gilad_1510
31
24.11.2010, 12:50
Volxabstimmungsstimmung ist doch klasse,

in D schafft man es ja nichtmals über einen simplen Bahnhof abstimmenzulassen...

Harlan Eiffler
20
24.11.2010, 12:48
Wo ist die Hürde?

Bei einfacher Mehrheit Volksabstimmung.

Wer glaubt tatsächlich, dass eine Mehrheit der israelischen Bevölkerung gegen den Frieden stimmen würde, wenn sie die Möglichkeit haben?

Marie Dagdeviren
27
24.11.2010, 12:14
Gideon Levy von der Zeitung 'Haaretz' titelte: "Our leaders' ongoing irrational policies suggest that they are afflicted with several severe mental illnesses."

Mehr gibt's dazu nicht zu sagen.
http://tinyurl.com/3x38cbv

baghlani
 
10
24.11.2010, 12:09
wieder nur ein versuch, die grenzen der direkten demokratie zu erforschen.

noracismonearth
510
24.11.2010, 10:38
die frage ist halt, was wenn das volk gegen ein friedensabkommen stimmt?

wie verhalten sich dann die USA, die UNO, die EU? Oder ist es weiterhin egal was da unten passiert, wieviel Leid auf der einen und anderen seite noch passieren muss, bis endlich mal auch von diesen Seiten Druck auf Israel ausgeübt wird?

Und nein ich bin kein Antisemit, habe auch nichts dergleichen geschrieben, also spart euch die versuche mich ins rechte eck zu stellen. danke!

Austro-Spanier0
165
24.11.2010, 11:11
Und nein ich bin kein Antisemit,

nur weil SIE es behaupten? Und warum beziehen sie sich in ihrem Kommentar, sowie immer viele andere Forumsteilnehmer, auf den Nahen Osten mit "da unten"?

PastaPasta
20
25.11.2010, 16:42

Wenn man will kann man aus wirklich ALLEM Antisemitismus rauslesen. Vernünftig diskutieren kann man so nicht.

noracismonearth
22
24.11.2010, 13:53
aja, wo habe ich was antisemitisches geschrieben??

und da unten ist rein geographisch gemeint. siehe landkarte!

Heavyweather
13
24.11.2010, 13:43

Geografie...da unten auf der Karte.

Politisch sind sie halt auch nicht so weit entwickelt wie wir hier heroben.

Dani B.
01
27.11.2010, 10:10

du bestätigst mit deinem kommentar ja nur, was der austrospanier behauptet hat. und merkst es nicht mal. schau dich mal selber an, wie weit entwickelt bist denn du?

tomatensaft
 
22
24.11.2010, 10:14
Applaus...

...gelebte Demokratie in einem demokratischen Land... </cynism>

Gilad_1510
10
24.11.2010, 12:52
jahaha, und in D regt man sich über einen neuen Bahnhof in Stuttgart auf...ohne Volxabstimung.

tomatensaft
 
00
29.11.2010, 12:23
Tja...

Toller Vergleich :-) Zuerst wegnehmen und dann ein Gesetz erlassen, daß man nur mit Mehrheitsentscheid zurückgibt... Das ist eine No-Na-Net-Gesetzgebung. Zurückgegeben wurde noch nie etwas freiwillig... Was der Bahnhofsbau damit zu tun hat, müssens mir mal erklären! Der Grund gehört der Stadt und wurde nicht den Anrainern enteignet, Bahnhof stand dort auch schon "immer"... und die die heute am lautesten gegen das Projekt wettern, werden dann stolz drüberlatschen und die Züge nützen... :-)

Daniel Schmid 666
00
24.11.2010, 09:40
juhu

alle macht dem volke... dann kann endlich was passieren - denn das volk entscheidet sowieso immer über die regierung hinweg - die regierung duldet siedlungsbau zwar - heißt ihn aber nicht unbedingt gut - so könnte man volk und regierung zu einer unbeugsamen einheit bringen

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42
24.11.2010, 06:50

Er denkt eben praktisch.
Das Problem derzeit ist doch, dass es zu viele Köche gibt.
Jeder will mitreden(und blockieren).
Das ist der Nachteil der Demokratie, wenn es um große Fragen geht.
Gäbe es auf beiden Seiten einen König, dann würden die etwas entscheiden und das gilt dann.
Ende der Debatte.
Mangels König muss eben das Volk ran und eine finale Entscheidung treffen.
Sonst geht auch in Jahrzehnten nichts.
Man kann Bibi nicht zum Vorwurf machen, dass er nicht mit diktatorischen Vollmachten ausgestattet ist.

byron sully
22
24.11.2010, 00:42

ich seh das problem weniger beim israelischen volk, sondern viel mehr bei der derzeitigen regierung. das volk wäre zu einem friedensabkommen (gegen die rückgabe der besetzten gebiete) bereit, glaub ich. die regierung ist es nicht.

Able Danger
01
24.11.2010, 14:28

Das Volk hat sich aber diese Regierung gewählt...

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73
24.11.2010, 10:51
In diesem Kulturkreis gilt Nachgeben nicht als Akt der Vernunft, sondern als Schwäche, die dann logischerweise auch genützt werden sollte

Man kann aber nicht einfach die israelische Erfahrung der letzten Jahre ausblenden.
Und die zeigt klar das Zugeständnisse nicht mehr Sicherheit bringen, sondern im Gegenteil Israel für jedes Nachgeben im Endeffekt schwer bezahlen muss.
Und es wäre seltsam, wenn nicht die Frage auftauchen würde:
Warum sollte es diesmal anders sein?
Welche Garantien gibt es, dass ein unabhängier Palästinenserstaat nicht als Vorhof für Angriffe auf Israel genützt wird?
Logischerweise muss man davon ausgehen, dass dem so sein wird.
Denn auf der arabischen Seite gibt es zu viele, die das Existenzrechts Israels noch immer nicht anerkennen, und die einen eigenen Staat nur als Zwischenschritt zur Auslöschung Israels betrachten.

dr mike
94
24.11.2010, 10:17

Jüngste Umfrage aus Israel: 80 % der Jüdischen Israelis glauben an keinen Friedenswillen auf Seiten der Araber mehr und sind gar nicht bereit Land gegen unsichere Zusagen abzugeben.
Ich wage zu behaupten dass unter den Israelischen Arabern zwar keine 80 % derart denken aber dennoch nur 50 % dazu bereit wären. So gut geht es den Arabern in Israel.

Nomen est Omen
013
23.11.2010, 22:33
hab ich was versäumt?

"dass zu einem Verzicht auf Staatsgebiet mindestens 80 der 120 Abgeordnetenstimmen nötig wären..."

noch vor 2 jahren habe ich für eine Arbeit recherchiert dass es keine von Israel proklamierten offiziellen Grenzen des Staatsgebietes gibt. Ist das nicht mehr aktuell? Wo und wann hat der Staat Israel jemals seine Grenzen deklariert?

superloser
00
24.11.2010, 21:17
Tatsächlich noch nie

Israel hat tatsächlich noch nie seine Grenzen deklariert, Sie haben vollkommen recht.
Und darum würde es bei den anstehenden Verhandlungen unter anderem gehen. Deswegen sollten die Palästinenser sich endlich an den Verhandlungstisch setzen.

Irgendein Jürgen
13
23.11.2010, 22:29
Ach menno :(

Hab die Überschrift gelesen und mich zuerst gefreut. Hürde geschafft? Toll, jetzt kann's weitergehen. Erst dann hab ich geschnallt, dass eigentlich das Gegenteil erreicht wurde. Wie wäre es mit "Israel erschafft..."?

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