Alev Korun: "Ein Einwanderungsland ist kein Straßenfest"

24. November 2010, 14:32
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Auf Bundesebene sei Rot-Grün "noch nicht so weit" wie in Wien, meint die grüne Migrationssprecherin Alev Korun

Während in Wien am Donnerstag die erste rot-grüne Regierung angelobt wird, meint die grüne Migrationssprecherin Alev Korun, auf Bundesebene "sind wir noch nicht so weit". Schließlich sei es das Ziel der Grünen, die letzten Verschärfungen beim Fremdenrecht,  "rückgängig zu machen, weil sie integrationsbehindernd sind". Unter einer grünen Regierung würde es Abschiebungen nur dann geben, wenn jemand straffällig geworden ist. Die grüne Vision sei jedoch "eine Welt ohne Grenzen". Was aktuelle Integrations-Debatten betrifft, meint Korun: "Wir befinden uns in einer Phase des Konflikts." Die Zeit des Nebeneinander-Herlebens sei vorbei, nun sei es Zeit, Tacheles zu reden: "Eine Einwanderungsgesellschaft ist kein tagtägliches Straßenfest." Die Fragen stellte Maria Sterkl.

derStandard.at: Wäre Rot-Grün auf Bundesebene für die Grünen vorstellbar? Schließlich wurden die letzten Verschärfungen im Fremdenrecht unter roter Führung beschlossen.

Alev Korun: Das Ziel ist, diese Verschärfungen rückgängig zu machen, weil sie integrationsbehindernd sind.

derStandard.at: Wäre das eine Grundbedingung für Rot-Grün im Bund?

Korun: Die Geisteshaltung muss sich ändern. 

derStandard.at: Die SPÖ wird kaum um 180 Grad zurückrudern.

Korun: Das wird man sehen. Es gibt mittlerweile gar nicht so wenige Stimmen in der SPÖ, die sagen, es war der falsche Weg, Haider und Strache nachzugeben. Es liegt an der SPÖ, einen anderen Kurs einzuschlagen.

derStandard.at: Besteht zwischen Rot-Grün auf Bundesebene eine größere Kluft als in Wien?

Korun: Sagen wir es diplomatisch: Auf Bundesebene sind wir noch nicht so weit.

derStandard.at: Angenommen, es gäbe Rot-Grün auf Bundesebene. Wie geht es Ihnen mit der Vorstellung, dass vor dem Schubgefängnis gegen Sie demonstriert wird? Auch unter Rotgrün würde es Abschiebungen geben. 

Korun: Unter einer rotgrünen Regierung würden sich Abschiebungen auf jene beschränken, die auch eine Bedrohung für die öffentliche Sicherheit darstellen - also Menschen, die Straftaten begangen haben. Die Vision der Grünen ist, dass wir einmal in einer Welt ohne Grenzen leben. Dass man das so schnell nicht erreichen wird, ist leider politische Realität.

derStandard.at: Das Punktesystem der Grünen wäre also nur eine Übergangslösung?

Korun: Das Punktesystem betrifft ohnehin nur einen kleinen Teil der Einwanderung - die meisten Einwanderer kommen ja aus der EU, also aus einer Welt ohne Grenzen. 

derStandard.at: In Wien sollen ZuwanderInnen künftig bei der Niederlassung eine „Charta des Zusammenlebens" bekommen. Warum nur Zugewanderte, und nicht alle WienerInnen? 

Korun: Für die, die frisch nach Wien kommen, ist es ein Willkommensgruß und eine Erklärung, wie wir unser Zusammenleben verstehen. Das betrifft übrigens auch EU-BürgerInnen oder Personen aus anderen Bundesländern. Denen, die schon in Wien gemeldet sind, wird man es postalisch zuschicken.

derStandard.at: Dennoch gilt auch in Wien das bundesweite Niederlassungsrecht. Was hilft es mir, per Charta herzlich willkommen geheißen zu werden, wenn ich trotzdem nicht hier arbeiten darf? Stichwort beschränkte Niederlassungsbewilligung.

Korun: Was wäre die Alternative? Dass Wien die MigrantInnen auch unfreundlich behandelt? Irgendwo muss man beginnen. Und wir beginnen in Wien. 

derStandard.at: Die Aussagen des türkischen Botschafters haben für Aufregung und Zustimmung gesorgt. Anders als Herr Tezcan leben Sie seit mehr als 20 Jahren in Wien. Würden Sie die Kritik genauso formulieren? 

Korun: Nein. Es spielt wohl eine Rolle, dass er erst relativ kurz hier lebt. Ich teile auch nicht alle seine Aussagen, und auch nicht seinen Stil. Was mich aber schon verwundert hat, war die Art, wie mit dem Interview umgegangen wurde. Auf der einen Seite war ganz große Empörung, was für eine Frechheit das sei, dass er solche Sachen sagt, auf der anderen Seite gab es viel Zustimmung aus der türkisch-kurdischen Community, wo es geheißen hat, „endlich spricht uns jemand aus der Seele". Aber auch hier gab es viele, die sich kritisch äußerten. 

derStandard.at: Interessieren sich die ÖsterreicherInnen für andere Kulturen nur im Urlaub? 

Korun: Diese Aussage ist einfach falsch. Genauso, wie es falsch ist, zu sagen: Die Türken sind immer Opfer. Ich finde es falsch, von zwei Seiten zu reden - hier die ÖsterreicherInnen, hier die TürkInnen. Vor zwei Jahren, im Sommerurlaub in der Türkei, hörte ich am Pool zwei Vorarlberger Türkinnen zu, wie sie sich auf Gsibergerisch darüber unterhielten, wie komisch die Türken in der Türkei seien. Wenn man diese Leute fragt, wer sie sind, würden sie nie sagen, sie seien nur Türken oder Österreicher - sondern beides.

derStandard.at: Der Integrationsforscher Kenan Güngör diagnostizierte den ÖsterreicherInnen eine fast neurotische Fixierung auf das Thema Integration. Hat er recht? 

Korun: Wir befinden uns in einer Phase des Konflikts. Die Phase, wo die Leute nebeneinander her gelebt haben, die ist jetzt vorbei. 

derStandard.at: Hatte Angela Merkel also Recht, als sie meinte, Multikulti habe versagt? 

Korun: Multikulturalismus hat es in Österreich ja nie gegeben. Wobei ich selbst ein Problem mit diesem Konzept habe: Der Multikulturalismus pickt den Menschen das Etikett „Türkische Kultur", oder „Österreichische Kultur" drauf, und diese Kulturen sollen dann nebeneinander her leben. Aber Kulturen sind nie einheitlich, sondern vielfältig, und es braucht Auseinandersetzung. 

derStandard.at: Sie sagen, wir befänden uns in einem Konflikt - wo stehen die Grünen da?

Korun: Wir sagen: Reden wir Tacheles, eine Einwanderungsgesellschaft ist kein tagtägliches Straßenfest. Das bedeutet auch Konflikt. Aber Konflikte können etwas Positives haben. Ich erinnere an die Sechzigerjahre in Österreich: Da hat es zur Rolle der Frau ja auch sehr unterschiedliche Ansichten gegeben. Dann fand aber eine gesellschaftliche Debatte statt. Das sollte heute mit den MigrantInnen genauso passieren, dass man den Leuten sagt: Freunde, ihr seid gleichberechtigt, wir leben hier gemeinsam, lass uns reden, und wo wir nicht einer Meinung sind, gehört das auf den Tisch.

derStandard.at: Wo sehen Sie diese Meinungsunterschiede?

Korun: Bei der ersten Generation war klar: Sie wurde geholt, um ungelernte Arbeiten zu verrichten. Ihre Kinder und Kindeskinder stellen - zu Recht - Ansprüche, streben teilweise Bildung an, sie wollen Meister werden, oder auch an die Uni. Das bedeutet natürlich auch eine Konkurrenz um knappe Ressourcen. Und da heißt es dann oft: Das ist unser Land, wie kannst du das oder jenes werden wollen? Ich höre im Parlament von den Freiheitlichen oft: „Wenn's Ihnen hier nicht passt, können Sie ja wieder nach Hause gehen." Und sie meinen nicht Innsbruck, wo ich studiert habe. 

derStandard.at: Kritisiert wird aber meist nicht, dass zu viele MigrantInnen nach oben drängen, sondern deren mangelnder sozialer Aufstieg. 

Korun: Der mangelnde Aufstieg steht im Fokus, er wird viel mehr thematisiert. Aber die Zahlen zeigen, dass die zweite Generation gleich viele Maturaabschlüsse hat wie der Durchschnitt der österreichischen Gesellschaft. Öffentlich redet man aber seit Jahren nur über Negativbeispiele. Wenn die Regierung dann auch Maßnahmen ergreifen würde, wäre es ja gut, darüber zu reden. Aber sie redet nur, und tut nichts. Es heißt immer: „Die Türken können ja nicht" - und was herauskommt, ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. 

derStandard.at: Die Statistik über Matura-Abschlüsse unterscheidet aber nicht zwischen Herkunftsregionen.

Korun: Das stimmt. Aber ich bin viel in türkisch-kurdischen Communities unterwegs, und ich begegne sehr vielen Eltern, die für ihr Kind zumindest einen Maturaabschluss anstreben - während es in den Neunzigerjahren noch oft geheißen hat: „Es genügt, wenn der Bub einen Hauptschulabschluss hat." 

derStandard.at: Das spricht nun wieder gegen Ihre These der sich selbst erfüllenden Prophezeiung. 

Korun: Teilweise. Tatsache ist auch, dass es in der türkisch-kurdischen Community einen Teil gibt, der kaum Schulbildung hat. Das sind aber nicht 90 Prozent der Community - sondern höchstens dreißig bis vierzig Prozent. Unter ihnen gibt es viele, die möchten, dass ihr Kind eine bessere Ausbildung erhält als sie selbst. Wenn das aber zusammenkommt mit wenig Wissen über das Bildungssystem in Österreich, wenn die Menschen auf engstem Raum wohnen, wo es nicht möglich ist, in Ruhe Hausaufgaben zu machen, und wenn es keine Förderung gibt, um die Bildungsferne der Eltern auszugleichen, dann landen viele dieser Kinder in der Sonderschule. 

derStandard.at: Die Grünen kritisieren oft, beim Migrations-Diskurs gehe es nur um Defizite, nie um Potenziale der Zuwanderung. Andererseits hört man auch von den Grünen selten die klare Botschaft, dass sie Vielfalt für erstrebenswert und wichtig halten.

Korun: Das ist aber genau das, was wir seit Jahren sagen. Mein Eindruck ist folgender: Integration wird zu 95 Prozent als Problemdebatte geführt, von den Chancen reden nur die Grünen. Das wird im Trommelwirbel des Negativen dann oft überhört. (derStandard.at, 24.11.2010)

ALEV KORUN

zog als erste Abgeordnete mit türkischem Hintergrund 2008 in den österreichischen Nationalrat ein. Die Politikwissenschafterin ist Sprecherin für Integration, Migration und Menschenrechte der Grünen Bundespartei.

  • "Multikulturalismus hat es in Österreich ja nie gegeben": Alev Korun
    foto: derstandard.at/obermayr

    "Multikulturalismus hat es in Österreich ja nie gegeben": Alev Korun

  • "Es heißt immer: 'Die Türken können ja nicht' - und was herauskommt, ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung."
    foto: derstandard.at/obermayr

    "Es heißt immer: 'Die Türken können ja nicht' - und was herauskommt, ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung."

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