Psychologische Behandlung

Immer mehr Kinder brauchen Therapie

23. November 2010, 16:20

Kassen übernehmen nicht die volle Verantwortung - Wartezeiten auf bezahlte Therapieplätze zu lang

Innsbruck - Der Tiroler Landesverband für Psychotherapie (TLP) hat bei einer Pressekonferenz am Dienstag Alarm geschlagen: Immer mehr Kinder brauchen psychologische Behandlung. Die Kosten sind aber vor allem für sozial schwache Familien oft nicht bewältigbar. Allein in Tirol würden 3.000 Kinder dringend eine Therapie benötigen, aber nur für 75 pro Jahr werden die Kosten zur Gänze von der Tiroler Gebietskrankenkasse (TGKK) übernommen, erklärte Karl-Ernst Heidegger, Vorsitzender des Landesverbandes.

"Die Kassen verabsäumen es, die volle Verantwortung für diese Kinder zu übernehmen", kritisierte auch die Psychologin Klaudia Wolf-Erharter. Wenn man den jungen Patienten zumindest zehn bis 15 Stunden Therapie ermöglichen könnte, wäre in den meisten Fällen schon viel getan. Derzeit sei es allerdings leider so, dass Eltern häufig bereits nach der dritten Sitzung die Behandlung abbrechen, weil sie die Kosten einfach nicht mehr tragen können, berichtete die Expertin. Die Kasse übernehme lediglich 21,80 Euro pro Stunde. Dieser Anteil sei seit 20 Jahren gleich hoch und entspreche mittlerweile nur mehr knapp einem Viertel der tatsächlichen Summe.

Akute und rasche Hilfe

Das bestehende System bevorzuge schwere und schwerste Erkrankungen, die einer Langzeittherapie bedürfen, meinte der TLP-Vorsitzende. "Kinder brauchen aber keine Langzeittherapie, sondern rasche und akute Hilfe", sagte Heidegger. Aus diesem Grund fallen sie oft durch den Rost. Als Beispiel führte der Therapeut die Geschichte eines Volksschulkindes mit einer schweren Zwangsstörung an. Das Mädchen ekelt sich vor allem, was seine Mitschüler berührt haben. Für einen von der Kasse finanzierten Behandlungsplatz müsste es bis zu einem halben Jahr warten. Der verzweifelte Vater könne sich aber die Therapiekosten in der Zwischenzeit nicht leisten. "So wiederholen sich die Fallbeispiele wöchentlich in unseren Praxen", fügte Heidegger hinzu.

Zwischen vier und fünf Prozent der Kinder laufen Gefahr depressiv zu werden, sagte Heidegger. Selbstmord sei die zweithäufigste Todeursache bei den Zehn- bis 19-Jährigen. Über Suizid bei Kindern werde allerdings häufig aus Scham der Mantel des Schweigens gebreitet oder der Todesfall werde als Unfall deklariert. Von 2008 auf 2009 sei österreichweit der Verbrauch von Psychopharmaka bei Kindern um 20 Prozent gestiegen, der Verbrauch von Ritalin allein in Tirol in den vergangenen Jahren um 500 Prozent, sagte Wolf-Erharter. Diese Zahlen zeigten den Handlungsbedarf auf. Ritalin wird beispielsweise bei der Behandlung von hyperaktiven Kindern eingesetzt.

Scheidungskinder besonders gefährdet

Ganz oben auf der Liste der psychischen Erkrankungen bei Kindern stehen Depressionen, Angsterkrankungen und psychosomatische Erkrankungen wie Bettnässen und Schlafstörungen. Auch Zwangsstörungen haben in den vergangenen Jahren laut Heidegger stark zugenommen. Gefährdet seien Scheidungskinder und Kinder psychisch kranker Eltern. Aber auch Armut zählte Heidegger zu den wesentlichen Risikofaktoren. (APA)

Mehr zum Thema Scheidungskinder

Scheidungskinder brauchen Ehrlichkeit

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 64
1 2
NickKnarrkarton
23
26.11.2010, 23:16

Und bei den Psychotherapeuten muß ich mich langsam fragen, ob die noch alle Tassen im Schrank haben, wenn ich sowas lese "die KK übernimmt keine Verantwortung". Für was denn ? Daß die Psychologen durchgefüttert werden können ?
Die Verantwortungslosigkeit findet ganz woanders statt - nämlich in der Leistungsgesellschaft. Blöd ist dabei nur, daß mit Hinterfragung derselben psychologisch kein Geld zu verdienen ist. Da psychologisieren wir lieber jeden und stopfen ihn mit Psychopharmaka voll, damit er so betäubt die Umwelt wieder "verträgt".

Clemens Schwarz
20
27.11.2010, 12:16
Etwas wirr ihr Kommentar

Obwohl Sie im Kern recht haben irgendwie recht haben. Ihre Aussage ist aber so differenziert wie: "Die Ausländer sind an allem Schuld" und hilft niemandem außer, dass sie ihren Frust loswerden.
Vielleicht hätte sie selbst viel Zuwendung gebraucht.

Therapie bzw. psychologische Behandlung mit Kindern sollte dieses "wieder Zuwendung geben können" von den Eltern unterstützen.
Wenn man so nahe auf den Kindern "klebt", immer wieder den Mut verliert, dann ist Hilfe zur Selbsthilfe hilfreich.

Den Schluss den sie weiter unten gemacht haben, gibt dem äußeren Faktoren die Schuld. Damit machen sie den Einzelnen hilflos. Sie tappen von einer Falle in die Nächste ohne den Ausweg zu sehen. Therapie kann helfen die eigenen Bedürfnisse zu erkennen.

NickKnarrkarton
01
30.11.2010, 01:56

Tun Sie mir einen Gefallen und psychologisieren Sie bitte jemand anderen ...
Diese nichtssagenden Platitüden (Hilfe zur Selbsthilfe, Bedürfnisse erkennen, ...) sind zudem unerträglich. Wie wenn die Leute nicht wüßten, wo das Problem liegt.
Und ja, der Einzelne ist hilflos - wie realitätsfremd muß man eigentlich sein, um das nicht zu erkennen ?
Das einzige Problem ist: Das passt in Ihr dogmatisches, psychotherapeutisches Weltbild nicht hinein, zu deren Hinterfragung Sie offensichtlich nicht mehr fähig sind.

Dagmar Rehak Wien
 
01
27.11.2010, 15:20

Wer sagt, dass die Eltern durch Psychotherapie "wieder Zuwendung geben können"? Ich stimme NickKnarrkarton in dem Punkt völlig zu, dass die Eltern einfach nur mehr Zeit brauchen, aber sicher keinen zusätzlichen Stressfaktor.
Der Alltag mit Kind schaut so aus, dass man es in der Früh aus dem Bett hetzen muss, dann den ganzen Tag nicht sieht und am Abend im Eiltempo ein bissl ein Essen hinstellt, gleich wieder abwascht, das Kind sauber macht und dann ins Bett steckt, denn sonst wird's zu spät, und dann kann das Kind am nächsten Tag nicht aufstehen. Wenn so ein unmenschlicher Horror auch noch mit "Beeil dich! Wir müssen zur Therapeutin!" garniert wird, vielleicht noch mit halben Urlaubstagen bezahlt, ist das alles andere als Hilfe.

NickKnarrkarton
02
26.11.2010, 23:10

Dieses Marktgeschrei der Psychos ist unerträglich. Dabei versteht schon der Dümmste, daß es in erster Linie darum geht, die Psychologen finanziell zu versorgen. Die Kinder brauchen keine Psychologen, sondern Zeit von ihren Eltern. Und die brauchen wiederum Zeit von ihren Arbeitgebern. Und die brauchen wiederum ordentliche Gewinne.
Ich frage mich, was eine Psychotherapie an dieser Grundproblematik ändern sollte. Es werden ja auch noch die hinterfragt und psychologisiert, die am wenigsten dafür können.
Das was hier an "Erkrankungen" genannt wird hat nur einen Grund: Streß. Das ist aber das einzige, was nicht behandelt wird.

Dagmar Rehak Wien
 
11
27.11.2010, 15:11
absolute Zustimmung

Da haben die Eltern eh schon keine Zeit, und dann müssen sie noch die Kinder irgendwo hinschleppen, weil ihnen wer eingeredet hat, da kann nur eine Psycherltante helfen.

Dagmar Rehak Wien
 
00
25.11.2010, 11:27

Warum sollen die Kassen die volle Verantwortung für psychisch kranke Kinder übernehmen? Reicht doch, wenn sie die Kosten übernehmen.

Tschanki
13
25.11.2010, 08:36

Immer mehr Kinder werden anscheinend behandelt. Ob sie es wirklich alle brauchen wage ich zu bezweifeln.

KannManJaNichtMehrMitAnsehen
00
24.11.2010, 22:23

Kein Wunder das angeblich immer mehr Kinder irgendwelche Störungen davontragen, bei den Eltern und den massigen Syndromen von "Burn Outs"der Erziehungsberechtigten.

Jeder 2. ist gefährdet und die Kinder haben klasse Vorbilder.

fertigprodukt
01
24.11.2010, 13:29

WARUM brauchen immer mehr kinder therapien?

misanthropie
11
24.11.2010, 15:01
WARUM brauchen immer mehr kinder therapien?

schau dir unsere mitmenschen an,
die da demnächst eltern werden..

alle überfordert, und vllt auch noch überschuldet,
gefangen in arbeitsverträgen ohne bzw. mit zuwenig lohn, dafür arbeitslosen versichert, wovon man auch nicht leben kann..

ja, in österreich kinder zu erziehen ist ausser kostspielig nur zum kotzen.

fertigprodukt
02
24.11.2010, 21:14

das meinte ich ja mit meiner frage: wir brauchen nicht mehr therapien, sondern menschenwürdigere lebensumstände.

AlBundyFan
 
00
24.11.2010, 15:59
also ich denke

daß es kinder 1960, 1940 oder 1920 (oder noch früher) viel viel schlechter gegangen ist - die wären froh gewesen, wenn die größten probleme die gewesen wären, von denen du schreibst.

trotzdem haben sie anscheinend weniger psychologen gebraucht.....(oder kümmerte es nur keinen?)

thepike
 
00
24.11.2010, 16:59
Erraten!

Sie mutmaßen ganz richtig: früher kümmerte es keinen. 1960 (und noch viel mehr 1920) galt es z.B. normal, wenn Buben einander verprügeln und dann später in den Krieg ziehen und auf alles schießen, was sich bewegt. Heute hält man das (vernünftigerweise) für eine Verhaltensstörung, die man möglichst früh behandeln sollte - man erspart sich und dem Kind damit viele Unannehmlichkeiten.

xxx...yyy
00
25.11.2010, 11:11
ein paar raufereien

in der schulzeit sind notwendig. auch wenn das gerade nicht en vogue ist.

thepike
 
00
25.11.2010, 13:10
Notwendig wozu?

xxx...yyy
00
25.11.2010, 13:15
für die persönlichkeitsentwicklung

thepike
 
01
25.11.2010, 13:21
Ah ja

Erinnert mich an die Leute, die sagen, die Prügel, die sie in ihrer Kindheit bekommen haben, haben sie zu den wertvollen Mitgliedern der Gesellschaft gemacht, die sie heute sind.

Ich bevorzuge Persönlichkeiten, die sich ohne Gewalt entwickeln können.

AlBundyFan
 
00
25.11.2010, 07:26
dann ist aber der artikel umsonst

den hier wird ja davon geredet, daß diese psychischen erkrankungen ansteigen - ansteigen würde dann aber nur die behandlungsrate.

erkrankungen gibt es gleichviel wie eh und je.

hmx4biocell
 
00
24.11.2010, 12:33

danke lieber Zensor!

metalwoman
01
24.11.2010, 12:06

natürlich brauchen psychisch kranke menschen hilfe, aber wäre es nicht genauso wichtig, präventionsmaßnahmen zu setzen und einmal zu schauen, warum eigentlich so viele erkranken. Sonst muss es wirlich heißen: Psychologen wollen mehr verdienen.

metalwoman
00
24.11.2010, 11:59

Früher gab es genauso Kinder mit psychischen Problemen. Das waren eben halt dann die, die von rohrstockschwingenden Lehrpersonen, prügelnden Erziehungsberechigten und co. dermaßen eingeschüchtert wurden, dass sie nicht mehr weiterwussten. Und welche Erwachsenen wurden wohl aus diesen Kindern?
Heute nehmen die Störungen nur andere, viel auffälligere Formen an.

fertigprodukt
00
24.11.2010, 13:30

ich würde mal sagen: genau die kinder, die am meisten hilfe bräuchten, bekommen sie nicht. das war schon immer so und hat sich auch nicht verändert.

xxx...yyy
24
24.11.2010, 12:13
heute wird jedes kind

dass einmal ein bißchen lauter ist zum psychoklempner geschickt. weil eltern ihre verantwortung gegenüber dem nachwuchs nicht mehr wahrnehmen wollen.

thepike
 
00
24.11.2010, 17:00
Sie gehen offenbar davon aus...

... dass alle Eltern in der Lage sind, ihre Kinder so zu erziehen, dass diese keinen Schaden nehmen. Das ist natürlich grober Unsinn. Ich kenne genügend Eltern, auf die das nicht zutrifft, meine eigenen inkludiert.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 64
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.