"Mit Kind muss man diszipliniert sein"

Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen ist nicht so einfach - An Weiterbildung trauen sich die meisten da gar nicht zu denken - Dabei wäre sie gerade für Eltern in Karenz wichtig um nicht den Anschluss an den Job zu verlieren

Brigitte M. ist Chemikerin und Mutter von zwei Kindern. Noch vor der Geburt ihres ersten Sohnes hat die 35-Jährige ihr Doktoratsstudium begonnen - neben einem 40-Stunden-Job. Da ging nicht viel weiter. Von der Babypause erhoffte sie sich mehr Zeit für ihre Dissertation. Eine Fehleinschätzung, wie sie im Nachhinein sagt: "Ich habe die Zeit, die ein Kind beansprucht, total unterschätzt. Ich war im ersten Jahr fast ununterbrochen mit Stillen, Wickeln und Herumtragen beschäftigt", erzählt sie. Das ist jetzt drei Jahre her. Die Doktorarbeit steckt noch immer in Kinderschuhen. Seitdem Brigittes jüngerer Sohn Sebastian vor vier Monaten geboren wurde, hat sie jedoch der Eifer gepackt. Sie will die zweite Babypause unbedingt auch für ihre eigene Weiterbildung nutzen. "Das braucht eine gute Organisation", erklärt Brigitte. Während der Ältere untertags in der Krippe ist und der Kleinere ein Nickerchen hält, sichtet Brigitte Studien und schreibt Seite um Seite. Kommt ihr Mann gegen fünf Uhr nachmittags heim, schiebt er zwei Stunden Kinderdienst. "Wir haben das ganz klar strukturiert. Es ist für uns beide anstrengend, aber es ist uns wichtig, dass ich meine Dissertation so schnell wie möglich fertig habe." Denn dadurch erhofft sich Brigitte eine besser bezahlte und interessantere Stelle. Sobald Sebastian eineinhalb Jahre alt ist, wird er vormittags von einer Tagesmutter betreut werden. Spätestens in zwei Jahren möchte Brigitte mit ihrer Doktorarbeit fertig sein - und einen neuen Job haben.

Zurückschrauben nach der Karenz

Laut Statistik sind mehr als 95 Prozent der Kinderbetreuungsgeld-Bezieherinnen Frauen. Diese Tatsache zieht sich meist durch die gesamte Familienbiografie: Nach der Karenz schrauben viele Frauen beruflich zurück, aus Vollzeit wird Teilzeit und nebenbei werden Kinder und Haushalt wie selbstverständlich geschupft. Wer denkt bei dieser Dreifach-Belastung an Weiterbildung? Dabei wäre sie besonders für Mütter in Karenz wichtig. Zwar haben Frauen nach Meldung der Schwangerschaft rechtlich gesehen einen "Kündigungs- und Entlassungsschutz" und beide Elternteile haben bis zum zweiten Geburtstag des Kindes Anspruch auf Karenz, aber in dieser Zeit kann sich in der Berufswelt vieles ändern: Die Firma wird umstrukturiert, das Betriebssystem umgestellt, die Aufgaben neu verteilt. Wer dabei nicht auf der Strecke bleiben will, sollte an Weiterbildung denken.

Finanzielle und persönliche Unterstützung

Gar nicht so einfach, denn die Zeit muss man sich als Vollzeitmama oder -papa erst einmal freischaufeln. Die Arbeiterkammer bietet eigene Kurse für Eltern in Karenz an. So dürfen in ausgewählten Englisch- oder Textverarbeitungseinheiten die Kinder mitgenommen werden oder werden vor Ort betreut. Für Karenzeltern gibt es in einigen Bundesländern sogar zusätzlich (finanzielle) Hilfe. So fördern Wien und Niederösterreich das berufliche "Vorwärtskommen" neben dem regulären 100-Euro-"Bildungsgutschein" mit zusätzlichen 50 Euro. In der Steiermark und in Kärnten gibt es kostenlose Baby Comeback Kurse. Auch Abendkurse an Volkshochschulen können für junge Eltern interessant sein: Der berufstätige Partner wiegt nach getaner Arbeit das Baby in den Schlaf, während der oder die andere die Kenntnisse in Buchhaltung oder Personalverrechnung auffrischt. Doch nicht alle Weiterbildungsmaßnahmen sind so einfach neben einem Kind zu schaukeln: "Natürlich sind Betreuungspflichten immer ein persönliches Hindernis für eine Weiterbildung", sagt auch Elke Schlitz, die in der Frauenberatungsstelle abz*austria tätig ist. Daher erstellt das "abz*austria" in Zusammenarbeit mit dem AMS gemeinsam mit den betroffenen Frauen Bildungspläne. "Wir beraten die Frauen, welche Angebote für sie in Frage kommen würden und mit wie viel Förderung sie rechnen können." 

Manche Frauen wollen eine Grundqualifizierung erreichen und den Hauptschulabschluss nachholen, wieder andere wollen sich umschulen. Wie auch Sylvie P. Sie wusste während ihrer Karenzzeit nicht, wie ihre weitere berufliche Karriere aussehen würde. Nur eines war ihr klar: sie wollte nicht in ihren alten Job als PR-Assistentin zurück. "Ich habe mich seit Jahren mit Shiatsu beschäftigt. Aber ich hatte nie Zeit, mich wegen einer Praktiker-Ausbildung zu erkundigen." Als sie mit 31 Jahren ihre Tochter bekommt, wagt sie den Schritt. Drei Jahre wird die Ausbildung zu Shiatsu-Praktikerin dauern. Sylvie studiert jetzt das traditionelle Meridiansystem und absolviert die meisten Kurse am Wochenende. Hat ihr Lebensgefährte aus beruflichen Gründen keine Zeit um auf die kleine Tochter aufzupassen, springt die Oma ein. "Ein Glücksfall! Ohne ihre Hilfe wüsste ich nicht, wie ich das schaffen könnte", sagt Sylvie. "Weiterbildung geht nur, wenn man gut organisiert ist und exaktes Zeitmanagement hat. Mit Kind muss man diszipliniert sein."(Karin Jirku, derStandard.at, 24.11.2010)

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