Gut behütet ist handgemacht

23. November 2010, 17:00
11 Postings

Die Wiener Hutmanufaktur Mühlbauer zelebriert die Hingabe an ein handgefertigtes Luxusgut

Der Geruch von Handwerk und Tradition hängt in der Luft. In der Hutmanufaktur Mühlbauer riecht es schwer nach feuchtem Wollstoff, Holz und Metall. Auch optisch erinnern die abgenutzten Werktische, die Metallregale voll mit Schachteln und Holzformen und die beinahe nostalgischen Nähmaschinen kaum an die moderne Eleganz, in der sich der Mühlbauer-Store in der Wiener Innenstadt präsentiert. 

In der Werkstatt wird gearbeitet und zwar händisch. Die Handarbeit sieht, riecht und spürt man in diesen heimeligen Arbeitsräumen über dem Wiener Schwedenplatz. Jeder Hut, der irgendwann in das noble Wiener Stammgeschäft oder in eine Luxusboutique in London, New York oder Tokio geliefert wird, ist hier stundenlang in den besten Hutmacher- und Modistinnen-Händen gewesen. "Die Manufaktur ist das Herzstück unserer Marke", erklärt Klaus Mühlbauer. "Die Familientradition besteht seit 1903 - unsere lange Geschichte, gepaart mit gut ausgeschlafenem, spannendem, interessantem Design, das ist die Kombination, die unsere Kunden schätzen." 

Hüte für Brad Pitt und Madonna

2001 haben Marlies und Klaus Mühlbauer den Betrieb von ihren Eltern übernommen. In den vergangenen Jahren haben die Geschwister aus einem alteingesessenen Trachten- und Hutspezialisten eine internationale Luxusmarke gemacht, mit der sich Weltstars wie Brad Pitt und Madonna gut behütet fühlen. Dazu haben sie das Image der Hutmode ordentlich entstaubt. "Wir wollten weg von verzopften Hüten, die den Träger alt machen. Unsere Hüte schauen gut aus, sind sexy und machen jünger." Das Konzept geht auf: Von 3.500 Stück in den Anfangsjahren sind die Verkaufszahlen auf etwa 14.000 Hüte pro Jahr gewachsen.

Weder den Hutmachern und Modistinnen am Schwedenplatz noch dem Chef Klaus Mühlbauer ist der Ruhm ihrer Hüte zu Kopf gestiegen. Liebevoller Stolz auf die perfekte Kopfbedeckung beschreibt die Atmosphäre in der Manufaktur besser.
Die ersten beiden Räume der Werkstatt sind das Reich der beiden Mühlbauer-Hutmacher. Ihre Arbeitsumgebung würde auch Harry Potter Freude machen: Mitten im Werkraum schwebt eine Halbkugel aus Metall, die an Schnüren hängt und sich mithilfe eines Steuerrades über ein dampfendes, rundes Wasserbecken heben und senken lässt. Ein vieltüriger Metallschrank, unter dem ein Gasfeuer brennt, beherrscht die Stirnseite. An den zwei anderen Wänden stapeln sich bis zum Plafond die hölzernen Hutformen in Regalen. Über unseren Köpfen baumeln alle Arten von Hüten an Holzstangen.

Costas herrscht an diesem Vormittag über das Hutformen und Plattieren, dem dieser Raum gewidmet ist. Der junge Mann macht auf Bitten seines Chefs "ein bissl eine Show" für mich und zeigt mir, wie aus einem Stumpen - so wird die Rohform aus Filz oder Wolle, die aussieht wie ein Lampenschirm, genannt - ein Hut geformt wird. Er legt einen Stumpen unter die Halbkugel. Der Wasserdampf darin macht den Filz formbar. Nach ein paar Minuten wird der dampfende Filz über die Hutform aus Holz gezogen, mit kleinen Nägeln fixiert und zum ersten Mal sorgfältig gebürstet. Dann kommt der zukünftige Hut für etwa drei Stunden in den Ofen. Das ist der beheizte Metallschrank, der hinter jedem Türchen zwei bis drei Hüte trocknet.

Derart gestärkt, darf sich der Filz in der so genannten "Zurichterei" seines Holzkorsetts entledigen. "Die Zurichterei wird bei uns großgeschrieben", erklärt Costas, "die Hüte werden hier gebürstet, je nach Material auch angeschliffen, unerwünschte Kerben werden ausgebügelt, damit sie schön sauber und bestens gepflegt zu den Damen kommen."
Mit "den Damen" sind die sieben Modistinnen gemeint, die einen Raum weiter Hand anlegen und aus dem perfekt geformten Hut einen echten Mühlbauer machen. "Garnieren" heißt ihr Aufgabenbereich im Fachjargon. "Jede von den Damen macht einen Hut komplett fertig", sagt die Werkstattleiterin. "Egal ob Kopfweitenband oder Garniturband einnähen, Einfassungen am Rand oder kunstvolles Knautschen, alles geschieht per Hand." Neben Nadel, Schere und Faden sind schöne, alte, schwarze Nähmaschinen und Bügeleisen ihre einzigen "elektrifizierten" Hilfsmittel. Den Modistinnen obliegt auch die "Krönung" jedes Modells. Sie nähen das silberne, elegant geschwungene "M" als Markenzeichen an. 

Jedes Stück ein Unikat

Das Handarbeits-Team in der Hutmanufaktur ist überraschend klein für ein internationales Label, das seine Produkte ab etwa 200 Euro pro Modell in Kaufhäusern wie Harrods in London oder Isetan in Tokio neben Topbrands wie Luis Vuitton verkauft. Aus dem hundertprozentigen Handwerk entsteht ein Luxusgut im besten Sinn - jedes Stück ist anders und somit ein Unikat.
Luxus bedeutet hier Hingabe, die beginnt mit der Auswahl der Filze bei handverlesenen Zulieferern. "Wir arbeiten schon seit Großvaters Zeiten mit Betrieben in der Slowakei und im Waldviertel zusammen, mit denen wir auch gemeinsam neue Prints oder Qualitäten entwickeln", sagt Mühlbauer, der selbst gelernter Modist ist. Verarbeitet werden nur Haarfilze aus Hasenhaar, weil die Qualität besser und witterungsbeständiger ist als bei Filzen aus Schafwolle.

Pro Saison umfasst die Kollektion für Frauen, Männer und Kinder 70 bis 100 Modelle. Entworfen werden sie ebenfalls im Haus von den Geschwistern Mühlbauer und zwei Absolventinnen der Modeklasse der Hochschule für angewandte Kunst. "Die Liaison mit der Kunst sind wir bewusst eingegangen, wir haben sie zu einem Markenbestandteil gemacht", sagt Mühlbauer. Dazu gehört auch die aufwändige fotographische Inszenierung jeder Kollektion, die von Künstlern und Künstlerinnen wie Elfie Semotan, Songül Boyraz, Bernhard Fuchs oder Mona Hahn umgesetzt wird.
Echte Hutmanufakturen, "die ihre Kopfbedeckungen nicht in Hutpressen quetschen und Strohhüte noch auf Holz aufspannen", wie Klaus Mühlbauer sagt, gibt es wenige weltweit. Dass sie nicht vom Aussterben bedroht sind, beweist der junge, wagemutige Wiener mit der internationalen Fangemeinde. (har, derStandard.at, 23.11.2010)

  • 2001 haben Marlies und Klaus Mühlbauer den Betrieb von ihren Eltern übernommen.
    mühlbauer/credit: konrad fersterer

    2001 haben Marlies und Klaus Mühlbauer den Betrieb von ihren Eltern übernommen.

  • Hier hätte auch Zauberlehrling Harry Potter seine Freude: Unter der Dampfglocke wird der Filz mit Wasserdampf formbar gemacht.
    foto: gabriela hartig

    Hier hätte auch Zauberlehrling Harry Potter seine Freude: Unter der Dampfglocke wird der Filz mit Wasserdampf formbar gemacht.

  • Der zukünftige Hut wird in der Holzform mit Nägeln befestigt.
    foto: gabriela hartig

    Der zukünftige Hut wird in der Holzform mit Nägeln befestigt.

  • Auch das kunstvolle Zerknittern eines Hutes will gelernt sein. Das geknautschte Modell "the flat hat" ist der Renner der Winterkollektion.
    foto: gabriela hartig

    Auch das kunstvolle Zerknittern eines Hutes will gelernt sein. Das geknautschte Modell "the flat hat" ist der Renner der Winterkollektion.

  • In der "Zurichterei" warten die Hüte auf ihre Verschönerung durch die Modistin.
    foto: gabriela hartig

    In der "Zurichterei" warten die Hüte auf ihre Verschönerung durch die Modistin.

  • Handarbeit an der Nähmaschine: Eine Modist näht die Randeinfassung.
    foto: gabriela hartig

    Handarbeit an der Nähmaschine: Eine Modist näht die Randeinfassung.

Share if you care.