Weiche Knie und weiße Kuppen

    23. November 2010, 16:48
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    Zünftiger, uriger und unberührter als andere Skiregionen ist Osttirol. Das erweist sich als Vorteil und lockt vor allem Tourengeher an. Mit Video

    Mit Bauer Schneider reden wir später. Er ist im Stall und schon wieder beschäftigt, auch das kann man von der gemütlichen Stube aus sehen. Was man durch die adretten Vorhänge noch entdeckt, sind die weiße Kerben, die sich über die gegenüberliegenden Waldhänge ziehen und die vermutlich nicht die einzigen bleiben werden. Es hat ja vor kurzem ein Profi seinen Fuß in die Kalser Tür gestellt, der Herr Schultz, Skiliftkaiser aus dem Zillertal. Und neben dem Schultz gibt es noch den gut gepolsterten AUA-Al-Jaber, der sich wenigstens hier, im herrlich tief verschneiten Osttirol nicht verkühlen will. Die für Wintersporthotelprojekte passenden Ski hat sich der Mann aus den Emiraten bereits zugelegt: Kneissl, und zwar in Form einer Skifabrik. Keine Ahnung, ob einem ein Zillertaler Skiliftkaiser oder ein Scheich zum Frühstück weichgekochte Eier mit kleinen grünen Pudelmützen servieren. Die Bäuerin am Schneiderhof tut das jedenfalls.

    Worum es später geht, wenn der Bauer Zeit hat, lässt sich mit dem Blick aus dem Fenster, direkt von der urgemütlichen Eckbank des alten Schneiderhofs aus, leicht erahnen. Ja genau, schräg gegenüber, dort werden die feinen Chalets des Zillertaler Zampanos entstehen. Lärchenholzromantik vermutlich, für die künftigen Gäste, die die neue Gondelbahn Richtung Matrei in die Glocknergemeinde lockt. Es ist eines von mehreren Projekten, die den Bergort umtreiben. Das Großglockner Mountain Resort, zwei weitere Hotels, summa summarum knapp tausend Betten, in denen wohl auch Leute liegen, die sich nach Après-Ski und Alpin-Disco ausschlafen wollen. Keine Frage: Das kleine Kals ist auf dem Sprung, auch wenn sich die Kalser über die Art der Landung noch etwas uneinig sind.

    Immerhin: Kompliment an die Berge und an die Bauern, die sich die letzten Jahrhunderte über nicht wirklich unterkriegen ließen - auch nicht als das Kalser Dorfertal durch die Zuleitung aller Gletscherbäche der Venediger-Südseite in einen gewaltigen Stausee hätte verwandelt werden sollen. Bislang kriegt der Osttiroler Ort alles gut hin. Bereits die letzten Schikanen vor dem Dorf verraten Liebe zum Detail. Holzleitplanken finden sich nicht überall, in Kals schon. Riesige Gehöfte mit sonnenverbrannten Holzfassaden stehen in losem Siedlungsverbund in der flachen Talmulde - nicht ganz so geschniegelt, dass man Kals für ein Heimatmuseum halten könnte, aber doch folkloristisches Gegengewicht genug, um die Balance zu den Neubauten noch ein wenig aufrechtzuerhalten. Wobei sich letztere durchaus um Deeskalation bemühen: Elegante Holzquader im soliden Einheitsstil der modernen Alpinarchitektur finden sich da. Auch das moderne Großglockner-Museum agiert dank interaktiver Mittel nicht nur auf Glockner-Niveau, sondern auch auf der Höhe der Zeit.

    Fromme Sitten als museale Mutimedia-Show, das Glocknerpanorama als Video-Wall - auch sie erzählen vom Sonderfall Osttirol. Die Exzesse des großen Nordtiroler Bruders hat sich die Region bislang erspart. Osttirol ist anders: zünftiger, uriger, unberührter. Das hatte Österreich schon in den Achtzigern geschnallt, als das romantische Villgratental die perfekte Kulisse zum schönsten Wilderer-Drama seit Geierwally abgeben durfte.

    Der Plot: Der Jäger erschießt den Wilderer und verhilft so ei-ner "Der Wald gehört allen"-Sozialromantik zur Wiedergeburt. Popstars des Heimatromans, tief im Unterholz der Justiz abgelichtet - das schafft nicht jedes Tal. Andere Rückmeldungen heften sich erfolgreich an diesem Image fest. Schickt man deutsche Fotografen in Osttirols enge Täler, oder gar in den Nationalpark Hohe Tauern, dann berichten sie geläutert vom neu entdeckten, alpinen Shangri-La, dessen bäurische Kargheit die Kollegen vom Feuilleton zu Arte-povera-Höhe stilisieren.

    Dabei wäre "Tourenhimmel" richtiger: Die Hälfte des Landes liegt über zweitausend Meter, hunderte Berggipfel überschreiten die Dreitausendermarke. Wie selbstverständlich führt die eindrucksvollste Skihochgebirgsdurchquerung der Ostalpen, die im Südtiroler Ahrntal beginnende "Skiroute Hoch Tirol", durch Osttirol.

    Den Tälern ist indessen das Retro-Gefühl eingeschrieben: Da wäre das Lesachtal, dessen archaische Wassermühlen noch heute in Betrieb sind, und das sich ein altmodisches Miniskigebiet wie Obertilliach hält - aber auch das Langlaufzentrum des Multiolympiasiegers Björndalen. Das größte Gletschergebiet der Ostalpen, die Kletterparadiese der Lienzer Dolomiten, Fackelwanderungen im Defereggental - alles der Stoff, aus dem man sanfte Tourismusnetzwerke webt.

    Da fügt es sich auch ganz gut, dass Osttirols erstes Fünfsternehotel nicht auf unverbrauchtem Gelände, sondern im urbanen Lienz eröffnet wurde: Makro-Shots von Riesenblüten überziehen das elegante Spa des Grandhotel Lienz, nebenan versüßen Osttiroler Gebirgshonigmassagen den Nachmittag.

    Doch der wahre Rohstoff bleibt Osttirols Bergwelt. Zurück am Kalser Schneiderhof. Soeben schneit Bergführer Lois herein, lehnt ein paar Schneeschuhe gegen den bunt bepinselten Bauernkasten. Lois bekommt kein Ei mit Pudelmütze, dafür hat er Felle auf den Skiern. Und fast eine goldene Nase. Aber eben nur fast. Könnte Lois Italienisch, wäre er als Bergführer nämlich noch besser gebucht, als es ohnehin bereits der Fall ist.

    Skitouren boomen, auch wenn es wenig später, am Lucknerhaus, dem Glockner-Gateway, nicht gerade danach aussieht: Leichtes Schneetreiben, vor dem sich lediglich die auf Laminat gedruckten Konturen "Berühmter Lienzer Bergführer" versammeln. Immerhin: Wesentliche Probleme der Region sind gelöst. Die vor zehn Jahren geplante Vergoldung (!) des Großglocknergipfels - souverän abgewendet.

    Aufstieg zur Glorerhütte, Seehöhe 2642 Meter. Dicke Schneeflocken, später Sonne, rettende Schindelwände, weiche Knie und weiße Kuppen, die an die Lichtführung der 30-Jahre-Sujets des Kitzbüheler Malers Alfons Walde erinnern, an eine Bergwelt ohne Liftmasten - all das passt in zwei Stunden Aufstieg. An dieser Stelle darf man Lois zitieren. Zum Beispiel mit "juchäh". Oder mit "juhujuchz". Mehr ist denn auch nicht zu sagen. (Robert Haidinger/DER STANDARD/Printausgabe/20.11.2010)

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    • Anreise: Mit dem Auto entweder via Felbertauernbahn-Panoramastraße 
von Norden oder von Osten über Kärnten/Drautal. Mit der Bahn: Die ÖBB 
bietet Autoreisezüge Wien-Lienz (Infotelefon: 05/ 1717). Die Zugfahrt erfordert zumindest einmaliges 
Umsteigen, Dauer per Intercity knapp sechs Stunden. Mit dem Flugzeug: 
Eine interessante Option ist der Osttiroler Skishuttle: Auf 
Vorbestellung Abholung direkt von den Flughäfen Klagenfurt oder 
Innsbruck (Flüge Wien-Innsbruck u. a. mit www.flyniki) um 30 € pro 
Person. Buchung und weiterführende Info: www.osttirol.com, www.kals.at
      foto: hatzer/osttirol werbung

      Anreise: Mit dem Auto entweder via Felbertauernbahn-Panoramastraße von Norden oder von Osten über Kärnten/Drautal. Mit der Bahn: Die ÖBB bietet Autoreisezüge Wien-Lienz (Infotelefon: 05/ 1717). Die Zugfahrt erfordert zumindest einmaliges Umsteigen, Dauer per Intercity knapp sechs Stunden. Mit dem Flugzeug: Eine interessante Option ist der Osttiroler Skishuttle: Auf Vorbestellung Abholung direkt von den Flughäfen Klagenfurt oder Innsbruck (Flüge Wien-Innsbruck u. a. mit www.flyniki) um 30 € pro Person. Buchung und weiterführende Info: www.osttirol.com, www.kals.at

    • Unterkunft: Das Grandhotel Lienz (fünf Sterne): Die solide, gemütliche 
Bar des eleganten Neubaus könnte sich genauso gut in St. Moritz 
befinden, und ein Glasboden gibt den Blick auf den darunter liegenden 
Weinkeller frei. Im Sommer wird zu Vernatsch und Prosciutto an der 
Isel-Terrasse eine gute Prise Italianitá serviert. Keine Frage: Lienz' 
erstes Fünfsternehotel geht auf Nummer sicher in Sachen Komfort. Dazu 
passt auch die Prise Medical Wellness, die im weitläufigen 
1400-Quadratmeter-Spa des Neubaus angeboten wird. Kalser Schneiderhof
      foto: grand hotel lienz

      Unterkunft: Das Grandhotel Lienz (fünf Sterne): Die solide, gemütliche Bar des eleganten Neubaus könnte sich genauso gut in St. Moritz befinden, und ein Glasboden gibt den Blick auf den darunter liegenden Weinkeller frei. Im Sommer wird zu Vernatsch und Prosciutto an der Isel-Terrasse eine gute Prise Italianitá serviert. Keine Frage: Lienz' erstes Fünfsternehotel geht auf Nummer sicher in Sachen Komfort. Dazu passt auch die Prise Medical Wellness, die im weitläufigen 1400-Quadratmeter-Spa des Neubaus angeboten wird.
      Kalser Schneiderhof

    • Osttirol verfügt über acht mehrfach ausgezeichneten Skigebiete mit insgesamt 350 Pistenkilometern: Großglockner Resort Kals/Matrei, Brunnalm Skigebiet Defereggental, Zettersfeld & Hochstein Lienz, Skizentrum Sillian Hochpustertal und die Familienskigebiete Golzentipp, Kartitsch, Virgen/Prägraten. Snowboarder kommen im Sunsitepark in Lienz und im Yellowsnowpark am Thurntaler in Sillian auf ihre Kosten.

      Ähnlich groß ist die Auswahl für Tourengeher - u. a. im Rahmen mehrtägiger Skitouren in der Kalser Großglocknerregion. Info: www.glocknerfuehrer.at

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